Machen wir Tachles!
Im weltweiten Gesamtbild der jüdischen Presse nimmt die schweizerische quantitativ wie bedeutungsmässig einen relativ bescheidenen Platz ein. Und dennoch: Wenn am 6. April auf einen Schlag zwei bewährte Titel durch einen neuen ersetzt werden, der sich erst noch behaupten muss, dann lässt das einen für einen Moment einhalten. Vor allem dann, wenn man, wie der Schreibende, seit über drei Jahrzehnten wesentlichen Anteil an Gestaltung und Fortschritt der «Jüdischen Rundschau» gehabt hat. Noch wichtiger aber: Mit der Verbannung dieses Namens in eine Fussnote des Impressums wird ein geschichtsträchtiger, weit über die Grenzen der Schweiz hinaus geschätzter und geachteter Titel dem allmählichen Vergessen ausgesetzt. «Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck», schrieb vor Ausbruch des 2. Weltkriegs Robert Weltsch, der Chefredaktor der deutschen «Jüdischen Rundschau» in Riesenlettern auf die erste Seite seines Blattes, bevor die Nazis dessen Erscheinen endgültig untersagten. Diesen Stolz, diesen Mut zur Unabhängigkeit und Offenheit auch unter grössten Gefahren nahmen die Nachfolger der Berliner JR mit in die Schweiz, und im Laufe der Jahre füllten sie diese Slogans und Symbole zusehends mit Inhalt aus.
Vor allem kommerzielle Überlegungen haben die Wahl der äusseren Form und des Namens der Publikation beeinflusst, die ab nächster Woche versuchen wird, in die Fussstapfen von JR und IW zu treten. Wenn wir heute, da die JR zum letzten Male in ihrer traditionellen Form erscheint, neben anderthalb weinenden Augen auch ein halbes lachendes zur Schau tragen, dann hat das zwei Hauptgründe. Erstens setzt das neue Redaktionsteam sich fast ausschliesslich aus bisherigen Journalisten der JR zusammen. Das bietet Gewähr für eine Fortsetzung der professionellen und unabhängigen Linie, mit der die JR sich in den vergangenen Jahrzehnten auch bei jenen, die mit ihrem Inhalt nicht immer einverstanden waren, Respekt und Anerkennung erworben hat. Zweitens ist es nach langem und hartem Ringen hinter und vor den Kulissen gelungen, dem neuen Magazin zu einer verlegerisch-unternehmerisch jüdischen Mehrheit und zur Beibehaltung der publizistischen Unabhängigkeit zu verhelfen - eine ideell-politische Conditio sine qua non für den Erfolg auf lange Sicht.
Also, packen wirs an, machen wir Tachles!


