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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Licht auf die Schattenseiten

von Walter Labhart, October 9, 2008
Ihre während eines knappen Jahrzehnts geschaffenen Fotografien hielt sie für «weder besonders bedeutend noch eigentlich modern»: Marianne Breslauer, die Gattin des Kunsthändlers Walter Feilchenfeldt und selber in diesem Berufe tätig, wurde für ihr fortschrittliches fotografisches Wirken am 30. Oktober dieses Jahres mit dem Hanna-Höch-Preis des Landes Berlin geehrt.
Marianne Breslauer: Spätentdeckte Kleinode der Fotografie. - Foto MB

Eine rund vierzig ausgewählte Arbeiten umfassende Einzelausstellung der Schweizerischen Stiftung für die Fotografie macht hierzulande erstmals mit den zwischen 1927 und 1938 in Berlin und Paris entstandenen Hauptwerken der jahrzehntelang vergessenen Fotografin bekannt. Bis zum 8. Januar 2000 zeigt die Galerie «ZWISCHENraum» bei «Scalo» an der Weinbergstrasse 22a in Zürich unter dem Motto «Im Sog der Grossstadt. Eine Hommage an Marianne Breslauer», was einer echten Entdeckung gleichkommt, Alltagsszenen nämlich von starker Ausdruckskraft und klarer Bildkonzeption.
Von ein paar «Mannequins bei der Arbeit, Modesalon Joe Strasser» (Berlin 1932) und den Schaulustigen in «Auteuil» (1927) abgesehen, die für eine Welt der kostspieligen Vergnügungen stehen, scheint sich die heute neunzigjährige Fotografin vor allem für die Schattenseiten der grossstädtischen Gesellschaft interessiert zu haben, als sie mit erst zwanzig Jahren ihre ersten vollgültigen Aufnahmen machte. So fragwürdig Vergleiche zwischen Literatur und Fotografie auch sind, lässt sich doch sagen, dass Marianne Breslauer mit ihren bildnerischen Mitteln dasselbe Lebensgefühl wiedergab wie die Dichterin Mascha Kaléko in ihren «Lyrischen Stenogrammen». Im Vordergrund beider Interessen standen zur Zeit der Weimarer Republik die alltäglichen Sorgen einfacher Leute, wie das Beispiel einer Dreiergruppe zum Thema «Freizeit eines arbeitenden Mädchens» (1933) mit einem Hinweis auf das Bügeln von Wäsche und die mit einem bescheidenen Spiegelchen angedeutete Schönheitspflege zeigt. Das teilweise verdeckte Gesicht des Mädchens verleiht ihm die Züge der Anonymität, um gleichzeitig mit gestalterisch einfachsten Mitteln zu bestätigen, dass da ein ganz normales Leben in seiner immer wiederkehrenden Banalität in allgemein verständlichen Bildern festgehalten wurde. Frei von Spektakulärem sind auch die Pariser Szenen, mit Vorliebe an der Seine gesucht und in Aufsichten gefunden, die sich als stimmig in der Bildkomposition und informativ bezüglich der sozialen Ebene erweisen. Welches Milieu Marianne Breslauer in der französischen Metropole bevorzugte, verraten die Titel deutlich genug; «Wäscheleine», «Clochard» oder «Alte Frau», keine Touristin, sondern eine Arme beim Durchstöbern von Papierabfällen. Denselben Eindruck erweckt auch eine beim Essen fotografierte alte Frau, die mit so elementaren Dingen wie Brot und Wein auskommt.
Bevor die an der Berliner Lehranstalt für Frauenberufe, dem Lette-Haus, ausgebildete Fotografin ihr künstlerisches Licht auf die Schattenseiten des Pariser Lebens warf, empfing sie wertvolle Anregungen aus der dort erfolgten Zusammenarbeit mit Man Ray, dessen Porträt (1932) zusammen mit dem Bildnis von Paul Citroën und Umbo zu den wenigen Bildnissen der in Zürich lebenden Berlinerin zählt. Nachdem sie 1936 emigriert war und in der Schweiz ihren Mann kennen gelernt hatte, entwickelte Marianne Feilchenfeldt-Breslauer eine freundschaftliche Beziehung zu Oskar Kokoschka, der sie in einer Zeichnung und ihre beiden Söhne in einem Ölbild festhielt. Erstaunlicherweise betrat die Fotografin, wie sie selber formulierte, «nie mehr eine Dunkelkammer», sodass das Fehlen von Kokoschka-Porträts ebenso bedauert werden muss wie die Kürze ihrer Schaffenszeit.
Als sie 1933 von einer Spanienreise mit der Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach in ihre deutsche Heimat zurückgekehrt war, konnte sie ihre Fotos nicht mehr unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen. Zu Publikationen in der «Zürcher Illustrierten» verhalf ihr Arnold Kübler, der spätere Redaktor der Zeitschrift «Du». Ihr erklärtes Vorbild, der mit einer versteckten Kamera arbeitende Erich Salomon, schimmert in Marianne Breslauers Arbeiten aus der Zeit, als sie im Fotoatelier des Ullstein-Verlages mitwirkte, weniger durch als die Tendenzen des «Neuen Sehens» in der Nähe des Weimarer «Bauhauses», das vorab in der Raumaufteilung und im Einsatz von Lichtquellen seine Spuren hinterliess. Die kleine, aber sehr gehaltvolle Werkschau im «ZWISCHENraum» im Gebäude der ehemaligen Hutfabrik E. Welti verdient Respekt, handelt es sich doch um einen bis dahin wenig bekannten, gewichtigen Beitrag zur modernen Fotografie - Hut ab vor den Leistungen der frühbegabten, spät wiederentdeckten Fotografin Marianne Breslauer.

«Im Sog der Grossstadt», Galerie «ZWISCHENraum», Scalo, Weinbergstrasse 22a, Zürich. Öffnungszeiten: Di bis Fr, 12-18.30, Sa, 10-16 Uhr, bis 8. Januar 2000.


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