Leumis verschwundene Safes
Das Interesse der parlamentarischen Untersuchungskommission konzentrierte sich auf die Bank Leumi, die Zentralbank des Vorstaat-Israels. Als vor einigen Jahren die Kampagne zur Rückerstattung der von Banken und Firmen in Europa gehaltenen Vermögenswerte von Holocaust-Opfern gestartet wurde, tauchten auch Fragen in Bezug auf ähnliche Werte in Israel auf. Lokale Banken betonten, dass die Briten bei Kriegsausbruch Aktiva von Bürgern feindlicher Nationen (Deutschland, Italien und Japan) verstaatlichten. Später wurden auch Aktiva konfisziert, die Bürgern von Staaten gehörten, welche die Nazis besetzt hatten. Das geschah einerseits, um zu verhindern, dass diese Vermögenswerte in die Hände der Nazis fallen. Andrerseits wollte man sie nach dem Krieg benutzen, um die Alliierten für die erlittenen Schäden zu kompensieren.
Banken nutzten Bresche
Nach Beendigung des britischen Mandates in Israel übergaben die Briten laut Meinung der Banken das konfiszierte Vermögen dem neu gegründeten Staat. Deshalb, so sagen die Banken, sind nicht sie verantwortlich für diese Aktiva, sondern der Staat. Ein genauer Vergleich der Listen der von den Briten konfiszierten Werte mit den später der Regierung Israels übergebenen Aktiva zeigt jedoch klar, dass den Mandatsbehörden nicht alle Vermögen abgetreten worden waren. Die Banken begriffen sehr schnell, dass die Briten vor allem an grossen Bankkonti im Besitze feindlicher Bürger interessiert waren, nicht aber an jedem einzelnen Mini-Konto. Diese Bresche nutzten die Banken geschickt aus und transferierten die kleinen Konti auf sich selber.
Die Listen enthüllten ferner, dass die Banken den Briten wohl Details über feindliche Bankkonti gaben, nicht aber über den Inhalt von Safes. Diese müssen also im Besitze der Banken verblieben sein, was uns zur Frage zurückbringt: Was geschah mit den Safes und deren Inhalt?Die parlamentarische Untersuchungskommission hat die Frage an ihren Sitzungen genauestens behandelt. Die Kommissions-Vorsitzende, die Abgeordnete Colette Avilat (Ein Israel), meinte: «Die Banken versprachen, sich der Sache anzunehmen, haben uns bisher aber keine Erklärungen hinsichtlich der Safes und deren Inhalt abgegeben.» Avital berichtete der Kommission aber auch von einer privaten Unterhaltung, die sie mit Galia Maor, der Verwaltungsratsvorsitzenden von Bank Leumi, geführt hat. Im Verlaufe dieses Gesprächs soll Frau Maor ihr enthüllt haben, dass die Safes im Zuge der Untersuchung kürzlich geöffnet worden seien. «Wir fanden aber nichts ausser alten Liebesbriefen», soll Frau Maor gesagt haben. Ein anderer hoher Mitarbeiter von Bank Leumi meinte vor einigen Monaten gegenüber «Haaretz», es sei nicht logisch, anzunehmen, dass Juden in Osteuropa, die damals auf ihr Geld angewiesen waren, es «an einen so weit entfernten Ort wie Israel» schicken würden. Deshalb könne man davon ausgehen, dass es nur einige wenige derartiger Safes mit Wertsachen gegeben habe.
Nicht alle gehen einig mit diesen Überlegungen. Eine Quelle in nächster Umgebung zur Untersuchung behauptet das exakte Gegenteil: «Es ist sehr logisch, dass Leute vielleicht nicht Geld, sicher aber Schmuck und Dokumente, die ihren Anspruch auf bestimmte Wertgegenstände beweisen, an einen ihnen sicherer erscheinenden Ort geschickt haben. Im Gegensatz dazu ist es höchst unlogisch, dass Menschen Safes mieten, nur um alte Liebesbriefe zu verstecken.»
Bisher haben die Banken keine klare Erklärung für den Verbleib der Safes gegeben, und es wurde auch keine unabhängige Untersuchung in der Sache geführt. Für eine ganze Reihe elementarer Fragen gibt es daher auch keine kompetenten Antworten. Um wie viele Safes handelt es sich? Wie hoch ist schätzungsweise der Wert ihres Inhaltes? Wurden sie je geöffnet, wann und durch wen? Wo werden die Inhaltsverzeichnisse aufbewahrt? Kenner der Materie glauben u.a. aufgrund privater Untersuchungen, dass zumindest die Safe-Boxen der Bank Leumi 1954 geöffnet wurden, als die Bank of Israel gegründet wurde. Bis dahin hatte die Bank Leumi als Nationalbank fungiert. Die Gründung der Bank of Israel erforderte eine Trennung der «privaten» Vermögen von Bank Leumi von jenen, die an die neue gebildete Staatsbank überwiesen wurden. Bis heute liegt jedoch keine Information über eine damalige Registrierung des Inhalts der Safe-Boxen vor, falls sie tatsächlich geöffnet worden sind.
Gerüchte und Spekulationen
Diese Unsicherheit hat eine ganze Welle von Gerüchten und Spekulationen ausgelöst. So will etwa der Abgeordnete Michael Kleiner (Cherut) gehört haben, das in den Boxen gefundene Geld sei an die Mapai-Partei (Vorläuferin der heutigen Arbeitspartei) überwiesen worden, da man davon ausging, es sei niemand mehr da, der diese Werte hätte beanspruchen können. Ein Vorstandsmitglied der Dachorganisation der Holocaust-Überlebenden in Israel behauptet, ebenfalls Behauptungen dieser Art gehört zu haben. Bisher aber haben offizielle Gremien sie weder bestätigt noch dementiert.
Ein Sprecher von Bank Leumi gab folgende Erklärung ab: «Die Bank wird mit der Untersuchungskommission und den externen Prüfern (welche die Kommission zu ernennen beabsichtigt) zusammenarbeiten. Um darüber hinaus alle Zweifel aus dem Wege zu räumen, wird die Bank eine weitere Untersuchung der Safe-Boxen anordnen. Nach Beendigung wird die Bank die Ergebnisse der Kommission übermitteln.»
Haaretz


