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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Leiden am «sterbenden Barbaropa»

von Walter Labhart, October 9, 2008
Als M.Y. Ben-Gavriêl im Jahre 1961 die «Ausgewählten Aufsätze» von Albert Ehrenstein herausgab und den 1932 in die Schweiz emigrierten, ein Jahr später praktisch verstummten Sprachkünstler zu den «Wortführern der Expressionisten» zählte, existierte der Autor der einst aufsehenerregenden selbstanalytischen Erzählung «Tubutsch» (1911) und der Gedichtsammlung «Der Mensch schreit» (1916) nur noch in lyrischen Anthologien.
Oelbild gemalt von Oscar Kokoschka. - Foto PD

In seinen sprachlichen Qualitäten vielleicht nur mit seinen Vorbildern Hölderlin und Rimbaud sowie mit Mynona und Trakl vergleichbar, führt er heute ein Schattendasein, von dem ihn die paar spärlichen Neuausgaben von Prosatexten aus der Zeit des engagiert mitgestalteten Expressionismus nicht zu befreien vermögen.
Zu seinem fast überall falschen Geburtsdatum hielt Ehrenstein in einem sehr kapriziösen «Lebensbericht» fest: «Was man als meinen Körper wahrnahm, ward in dem Wiener Vorort Ottakring am 22. Dezember 1886 um 11 Uhr abends geboren. Meine Eltern rundeten diese Geburtszeit als praktische Menschen auf den 23. Dezember ab, der daher auch in den Handbüchern und Literaturgeschichten, soweit sie meiner gedenken, als mein Geburtstag angegeben wird.» Das Studium der Geschichte und Philosophie beschloss er 1910 mit der Dissertation «Die Lage in Ungarn (Siebenbürgen u. die Serben ausgenommen) im J.1790, beleuchtet durch Staats- und Hofkriegsrätl. Vorträge und Resolutionen Leopolds II». Kaum veröffentlichte Albert Ehrenstein im selben Jahr erste Gedichte in der «Fackel» von Karl Kraus, als er mit dem Maler Oskar Kokoschka in freundschaftliche Beziehungen trat und als Mitarbeiter von Herwarth Waldens «Sturm» in Berlin tätig war, wo er bald als freier Schriftsteller lebte. In jener Zeit lernte er Franz Kafka kennen, der dem Autorenkreis des Verlages Kurt Wolff in Leipzig angehörte, für den Ehrenstein vor seiner Übersiedlung nach Zürich als Lektor arbeitete. Während des Ersten Weltkrieges lebte der Mitarbeiter demokratischer Zeitungen und der pazifistischen «Weissen Blätter» von 1917 an in der Schweiz, wo er den ersten Teil der Gedichte «Die rote Zeit» voll Wut und Verbitterung über das Kriegsgeschehen «Das sterbende Barbaropa» überschrieb und eine Mischung von Klage und Anklage «Den ermordeten Brüdern» (Prosa und Gedichte, 1919) widmete.
In den «Briefen an Gott» (1921) rechnete der scharfzüngige Kritiker der zionistischen Bewegung, der darin nur «unfruchtbaren Historizismus» sehen wollte, mit den «wohltätigen Fuselfabrikanten» und «grossindustriösen Mördern» ab, um auch die Schriftstellerkollegen mit seinem Spott zu geisseln: «Aber die heutigen Schreiber, die Wortrebellen, die Schlackenprinzen schreiben Lügenromane, sie schreiben Scheindramen, Glossen in allen Gossen.» Unstet wie sein Berufs- und Leidensgenosse Iwan Goll, dessen Gedichte ebenfalls in die von Kurt Pinthus herausgegebene «Menschheitdämmerung» (1919) aufgenommen wurden, verliess Albert Ehrenstein während des Zweiten Weltkrieges von Zürich aus Europa, um sich 1941 in New York niederzulassen. Zuvor hatte er ein bewegtes Reiseleben geführt, den Nahen Osten und Afrika besucht, möglicherweise sogar China. Mit Übersetzungen und dem Buch «China klagt. Nachdichtungen revolutionärer chinesischer Lyrik aus drei Jahrtausenden» (1924) schuf sich der schon früh zu Pessimismus neigende Schriftsteller, dessen Grundthemen die Einsamkeit, die Liebe und der Tod waren, einen Namen, der länger einen guten Klang hatte als der Autor von vereinzelten Gedichtpublikationen in antifaschistischen Zeitschriften in den späten dreissiger Jahren.
Vereinsamt und mittellos starb Albert Ehrenstein - der in Prosastücken wie «Wilhelm Tell, «Rübezahl»,«Andreas Hofer» und «Goldschnitt und Staubsauger» ebenso viel Sinn für das Groteske bewiesen hatte wie psychologisches Feingefühl in seinen Porträts von Joyce, Kafka, Kokoschka, Scheerbart und Wedekind - am 8. April 1950 im Jüdischen Hospital in New York, erblindet und in seiner literarischen Bedeutung von seiner Umgebung unerkannt.


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