«La Muhammad, La Makka»
Nachdem der britische Supermarkt-Konzern Sainsbury die 63 Geschäfte der ägyptischen Ladenkette Edge erworben hatte, folgte mit dem Kauf von ABC Supermarkte Expo (5 Läden in Kairo) ein weiterer Schritt auf dem ägyptischen Markt. Geplant war die Eröffnung von 100 weiteren Verkaufsstätten. Sainsbury investierte 500 Mio. Pfund Sterling in sein Ägypten-Geschäft und gab bekannt, weitere 500 Millionen investieren zu wollen. Tausende von Ägyptern verdienen ihr Geld bei Sainsbury.
Vermeintliches Wunder von Sainsbury
Das Wunder von Sainsbury gleicht mehr und mehr aber einer Fata Morgana, einem Trugbild. Zwar hat die Direktion noch nichts über einen Verkauf an ägyptische Investoren verlauten lassen, meinte eine Quelle innerhalb der ägyptischen Handelskammer, sie hätten gar keine andere Wahl. «Unsere radikalen Freunde haben diesmal ganze Arbeit geleistet.» Seit Beginn der Intifada und noch mehr seit dem Gipfel der Arabischen Liga hat die Kampagne zum Boykott amerikanischer, britischer und israelischer Produkte an Leben gewonnen. Sainsbury ist ein prominentes Beispiel. Religiöse Extremisten behaupten, die Kette sei in jüdischem Besitz, und ein Teil ihrer Gewinne seien für die Hilfe an Israel gedacht. Vergeblich erklärte die Verwaltung von Sainsbury in der ägyptischen Presse, dass Israel weder finanziell noch politisch unterstützt werde. Dank der Hilfe der Religiösen, die Attacken gegen die Kette veröffentlichte, entwickelte sich der von der ägyptischen Presse als «Supermarkt-Krieg» abgestempelte Boykott rasch.
Ägypter mieden die Geschäfte von Sainsbury. Die Schaufenster der Filiale im Maadi-Viertel wurden eingeschlagen, und andere Läden erhielten Hass-Parolen aufgeschmiert. Als die Umsätze immer mehr abbröckelten, begann der Konzern, über seine Bücher zu gehen. Vor zwei Wochen noch dementierte man, dem Boykott nachzugeben und begründete die Verluste mit administrativen Problemen, mit dem zeitlichen Verzug bei der Öffnung neuer Filialen und den Schwierigkeiten beim Erhalt neuer Lizenzen. Diese Argumente lassen sich aber nur schwer in Einklang bringen mit den anfänglichen Erfolgen. Tatsache ist, dass heute in Ägypten niemand weder die Produkte noch die Ausreden von Sainsbury kauft.«Sainsbury ist vielleicht das jüngste Opfer der Intifada, doch sicher nicht das letzte», meint ein Mitglied der ägyptischen Handelskammer. Die Intifada sei tief ins Volk eingesickert, aber auch ins Parlament. So verlangen gewisse Abgeordnete, mit Israelis verheirateten Ägyptern die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, Juden den Besuch des Grabes des Rabbi Abuhatzeira zu verbieten und vom ägyptischen Landwirtschaftsminister Yussuf Walli einen genauen Bericht über das Ausmass der Normalisierung zwischen Israel und Ägypten in diesem Sektor zu fordern. Gleichzeitig wird die Einführung von Verfügungen gegen Importe aus Israel sowie gegen amerikanische und andere ausländische Firmen verlangt, die sowohl in Israel als auch in Ägypten tätig sind.
Krieg gegen «Ketzer und ihre Freunde»
Die Kampagne gegen amerikanische Produkte ist älter als die Intifada. Im Sommer brachen radikale Islamisten einen Krieg gegen die «Ketzer und ihre Freunde» vom Zaun, wobei Coca Cola und Pepsi Cola im Zentrum der Angriffe standen. Die Fanatiker behaupteten, das Logo von Coca Cola würde, wenn man es auf den Kopf stellt und gegen einen Spiegel hält, «La Muhammad, La Makka» (kein Mohammed, kein Mekka) heissen, und Pepsi Cola’s ägyptischer Name auf englisch sei nichts anderes als ein Akronym für den zionistischen Slogan «Pay every Penny to save Israel» (Zahle jeden Penny, um Israel zu retten). Im Sommer wurden diese Attacken mit den bevorstehenden Wahlen erklärt. Es handle sich, so sagte man, um eine Machtdemonstration der Islamisten gegenüber der Regierung. - Eine weitere Eskalation erfuhr die Situation, als die pan-islamische Partei Al-Amal für ungesetzlich erklärt und die Publikation eines Buches des syrischen Autors Haider Haider verboten wurde, weil es die «religiöse Ethik verletzt». Dann folgte die Affäre Saad Eddine Ibrahim. Ibrahim, dem Leiter des Ibn Khaldoun-Zentrums für Demokratie, wurde der Vorwurf gemacht, er habe Gelder aus dem Ausland akzeptiert, was unter ägyptischem Gesetz verboten ist. Da Ibrahim auch einen amerikanischen Pass hält, führte die Angelegenheit zu einem neuen öffentlichen Konflikt zwischen dem ägyptischen und dem amerikanischen Establishment. Aber auch Israel wurde mit hineingezogen, da Ibrahim den jüdischen Staat oft besuchte und in seinem Kairoer Büro auch viele Israelis empfing.
Intifada und Wirtschaft
Vor diesem unheilverkündenden Hintergrund brach die Intifada aus. Die anti-amerikanischen und anti-israelischen Winde wurden zu förmlichen Hurrikanen. Studenten-Demonstrationen, das Verbrennen von Flaggen, die Aufforderung zur Schliessung der israelischen Botschaften und die Ausrufung des Boykotts waren beileibe keine exklusiv ägyptische Erscheinung. Wegen Ägyptens spezifischer Probleme aber könnte die Intifada, wie eine Quelle am al Ahram-Forschungszentrum meinte, schlimmere Komplikationen auslösen als in anderen arabischen Ländern. «Wir befinden uns jetzt», erklärte die Quelle, «mitten in einer Rezession, das Geld ist knapp und sowohl der inländische als auch der ausländische Schuldenberg ist riesig. Der Präsident versucht mit alle Mitteln, die Privatisierung voranzutreiben, benötigt dazu aber unbedingt off-shore Investitionen. Wenn aber demonstriert wird, amerikanische Flaggen in Flammen aufgehen, eine britische Supermarkt-Kette aus politischen Gründen aufgibt und keine Garantien dafür existieren, dass der US-Kongress zusätzliche Hilfe leisten wird, kann ich mir kaum vorstellen, dass sich eine Warteschlange von ausländischen Investoren bildet.»
Nach Angaben des ägyptischen Justizministeriums befinden sich im Lande heute über 60 000 schlechte Schecks im Umlauf, 70% mehr als letztes Jahr. Ägyptens Inland-Schuld beläuft sich auf rund 21 Mrd. ägyptische Pfund (8,7 Milliarden Franken), und der Betrag der unbezahlten Steuern hat inzwischen 71 Mrd. Pfund (29,6 Mrd. Franken) erreicht. Der Immobiliensektor ist praktisch gelähmt, finden sich für tausende von Luxuswohnungen in Kairoer Vororten doch keine Käufer. Banken, die Liegenschaftsprojekte ohne entsprechende Sicherheiten mit Anleihen unterstützt haben, stehen nun vor ernsten Liquiditätsproblemen. Der Regierung ist es im Rahmen ihrer Privatisierungsbemühungen bisher zwar gelungen, 145 Firmen zu verkaufen, doch handelt es sich hier meistens um kleinere Unternehmen. Die grossen Projekte warten noch immer auf Käufer und Investoren.«Das Liquiditätsproblem ist nicht nur eine monetäre Frage», sagt Dr.Mohammed Abd Elfadil von der Universität Kairo. «Vielmehr handelt es sich um ein zentrales Problem, das sich aus der gesellschaftlichen Struktur und der Mobilisierung von Ressourcen seit den 80er Jahren ergibt.» Abd Elfadil spielt vor allem darauf an, dass über 40% des Konsums auf weniger als 20% der Bevölkerung entfallen. Im Jahre 1999 wurden Geschäfte im Wert von 800 Mio. äg. Pfunden mit der Hilfe von 204 000 Kreditkarten getätigt. Da aber nur 51 000 Unternehmen mit solchen Karten arbeiten, heisst das, dass es sich bei den meisten Einkäufen der wirtschaftlichen Oberklasse des Landes um Importe handelt, die nichts an das Brutto-Inlandprodukt beitragen. «Am schnellsten wächst der Sektor der Privatstunden», erklärt der Wissenschafter. Laut inoffiziellen Statistiken beläuft der Jahresumsatz sich hier auf 10-12 Mrd. äg. Pfunde. «Wenn eine Familie so viel für Privatstunden ausgeben muss, bleibt für andere Konsumbereiche nicht mehr viel übrig.»
Mubaraks Rolle
Das hat direkte politische Auswirkungen. «Die Kräfte, die auf die Präsidentschaft unseres Landes wirken», meint die bereits zitierte Quelle der ägyptischen Handelskammer, «können mit jenen in anderen arabischen Staaten, vor allem der Ölländer am Golf, nicht verglichen werden. Wenn Mubarak sagt, in Bezug auf den Tempelberg gebe es keine Konzessionen, spricht er nicht nur zu den Palästinensern, den Saudis oder den Freunden der Al-Azhar Universität in Gaza. Er sendet mit diesen Worten auch eine Botschaft an die Islamischen Organisationen und die religiösen Studenten, die er beruhigen muss, will er die Strasse ruhig halten. Auf der anderen Seite versucht er mit allen Mitteln, den Volksaufstand in den Gebieten zu bremsen, denn die wirtschaftlichen Auswirkungen sind ihm sehr wohl bewusst. Wir wollen weiter die arabische Welt anführen und gute Beziehungen zu den Amerikanern haben. Um ersteres zu erreichen, müssen wir uns solidarisch mit der Intifada zeigen. Das zweite Ziel wiederum verlangt von uns, Clinton in seinen politischen Bemühungen zu unterstützen. Das aber wiederum bringt uns in einen Konflikt mit der palästinensischen Tagesordnung und mit den Zielen der ägyptischen Extremisten.»
Solange wie die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern sich in diplomatischen Kanälen bewegten, genoss Ägypten den Status eines Beraters und Beobachters. Die Eskalation der Gewalt aber, gefolgt von der Osmose der Intifada in die Strassen Kairos und Alexandriens, bedeutete für Mubarak ein Ende dieser bequemen Situation. Jetzt muss er sich persönlich engagieren, und zwar nicht nur, um den Palästinensern zu helfen, sondern auch zur Sicherung seines eigenen Überlebens. So konnte man in den Gesprächen, die er mit Arafat seit der Veröffentlichung von Clintons Vorschlägen führte, das Gefühl bekommen, die Intifada würde sich in Ägypten abspielen. Nach Ansicht regierungsnaher Kreise in Kairo ist dies das grösste persönliche Engagement Mubaraks seit der Unterzeichnung des israelisch-palästinensischen Interimsabkommens. Möglicherweise liegen in diesem Umstand auch die Wurzeln für die geringe, noch bestehende Hoffnung auf ein Abkommen.
Haaretz


