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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Künstler sind wie Oliven

Interview Regula Rosenthal, October 9, 2008
Leonard Bullock ist 1956 in North Carolina, USA geboren, wo er sein Studium an der «Memphis Academy of Art» in Tennessee begann und später in New York fortsetzte. Er erhielt ein Stipendium für die renommierte Yale-Universität in Connecticut. Später besuchte er die «School of Visual Arts» und die «New School of Social Research in New York. Er war an unzähligen Kunsthochschulen in den USA sowie in Europa als Lehrer tätig. Gleichzeitig stellte Bullock in bekannten Galerien in den USA und Europa seine Werke aus. Er pendelt zwischen der Neuen und Alten Welt. Oft hält er sich in Köln, Berlin und New York auf, aber auch in Holland und Frankreich. Sehr gerne hält er sich in Basel auf, denn er liebt hier vor allem das angenehme Klima und das Licht. Sein Vater war als Schauspieler am Broadway in New York tätig.
Künstler Leonard Bullok: «Das Bild erscheint als ein Gefäss voller Licht.» - Foto RR

Jüdische Rundschau: Herr Bullock, Sie sind im Süden der USA geboren und aufgewachsen. Wieso sind Sie damals nach New York übersiedelt?
Bullock: Für die bildende Kunst ist es unumgänglich dort hinzugehen.

Jüdische Rundschau: Wie wichtig für Ihre Karriere war dieser Aufenthalt?
Bullock: New York war für mich als Künstler der grösste Einfluss: auf dem Sektor der Menschen, die ich dort getroffen habe, dann der Kunst, der Museen und Institutionen und der neuzeitlichen Geschichte der Stadt. Köln übte auch einen guten Einfluss auf mich aus. Dort habe ich die ersten Kontakte mit der zeitgenössischen Kunst Europas gemacht.

Jüdische Rundschau: Sie waren in New York ein bekannter Künstler und trotzdem blieben Sie nicht dort und sind nach Europa gekommen?
Bullock: Europäische Kunst hat mich seit jeher interessiert - sie hat mich auch sehr beeinflusst. Ich wollte die Möglichkeit haben, an einem Ort zu leben, wo es so viele verschiedene Kulturen gibt. Das ist für mich als Maler eine Herausforderung.

Jüdische Rundschau: Sie haben in Köln gelebt und nun arbeiten Sie zeitweise in Basel. Ist es für Sie hier nicht sehr provinziell?
Bullock: Ich denke nicht, dass Basel provinziell ist. Die hiesige Geschichte ist voller Kultur. Es besteht eine echte Kunstgemeinde. Die Kontakte auf dem Kunstsektor sind mit dem Rest der Welt verbunden. Auch der Einfluss auf dem Gebiet der Kunst ist im Verhältnis zur Grösse der Stadt enorm.

Jüdische Rundschau: Was gefällt Ihnen besonders, hier zu arbeiten?
Bullock: Das Licht hier in Basel ist schon südlich, vergleichbar mit Frankreich. Ich arbeite nur bei natürlichem Licht und das macht es für mich hier viel leichter als in Köln, wo es weniger hell war.

Jüdische Rundschau: Hatten Sie eine Vorstellung, welchen Erfolg Sie in Europa erwarten konnten, fehlte Ihnen doch jegliche finanzielle Basis?
Bullock: Künstler sind wie Oliven. Wir geben unser Bestes, wenn wir zerdrückt werden.

Jüdische Rundschau: Sie haben Ihre Bilder schon mehrmals an der ART ausgestellt. Wie wichtig ist es für einen Künstler dabei zu sein?
Bullock: Es kann sehr wichtig sein. Die Art ist wie eine Weltbühne. Hier kann man Kontakte pflegen. Auch für den Verkauf der Kunst ist es ideal. Es besteht kein Zweifel, die ART ist die beste Kunstmesse derWelt.

Jüdische Rundschau: Sie haben von der berühmten Yale-Universität ein Stipendium erhalten. Wie haben Sie das geschafft?
Bullock: Ich hatte Glück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Jeanne Siegel, die dem «Fine Art Departement» vorstand, hat mich vorgeschlagen, denn sie fand meine Arbeit gut.

Jüdische Rundschau: Sie haben auch Kunst unterrichtet. Was bedeutete es Ihnen?
Bullock: Ich vermisse es sehr, dass ich zur Zeit nicht unterrichte - Die Fragen der Studenten, mein Engagement und damit das Hinterfragen meiner eigenen Arbeit. Ich lerne dabei. Es gefällt mir sehr. Ich würde gerne wieder unterrichten.

Jüdische Rundschau: Ihre Arbeit wird als «translucent» (transparent) beschrieben. Was fasziniert Sie, auf Matte halbtransparente Polystyrolplatten zu malen?
Bullock: Ich komme aus einer Tradition, wo man möglichst hell malt und diese Art zu malen, verstärkt das noch. Sogar die Wiederspiegelung der Wand hat einen Einfluss auf Bild. Das Bild erscheint als ein Gefäss voller Licht.

Jüdische Rundschau: Ein Kunstkritiker hat Ihre Arbeit als chaotisch und lustvoll beschrieben. Was meinen Sie?
Bullock: (Lacht), ich hoffe, es ist lustvoll. Es stört mich nicht, chaotisch eingestuft zu werden. Wenn man genauer hinschaut, dann sieht der Betrachter, dass meine Malerei strukturiert ist.

Jüdische Rundschau: Ihre Bilder sind auf beiden Seiten bemalt und das verwirrt, da man nicht gleich beide Seiten sehen kann.
Bullock: So soll es auch sein. Die Leute sollen sich damit auseinander setzen. Sie können erahnen, was dahinter ist, weil die Farbe durchschimmert. Natürlich können sie es auch umdrehen und berühren. Für mich hat das einen erotischen Aspekt im weiteren Sinne.

Jüdische Rundschau: Wie gehen Sie vor, wenn Sie malen? Haben Sie klare Vorstellungen oder entwickelt es sich erst beim Malen?
Bullock: Ich habe Erinnerungen an Bilder, die ich in meinem Gedächtnis gespeichert habe. Daneben habe ich optische Eindrücke oder ich lasse mich von Gedichten inspirieren.

Jüdische Rundschau: Sie haben eine Mischung aus jüdischem, irischem und «Cherokee» Blut. Wie identifizieren Sie sich?
Bullock: Ich bin stolz darauf. Es ist meine Geschichte und sie geht bei meiner Familie auf 1000 Jahre zurück. Im Alltag bedeutet es nicht so viel. Aber es gibt mir ein Gefühl für Geschichte. Dieser Mix fasziniert mich.

Jüdische Rundschau: Was gefällt Ihnen neben der Kunst?
Bullock: Ich lese gerne, reisen macht Spass, Leute zu treffen gefällt mir. Ich würde gerne schreiben, vielleicht als Kritiker, was ich schon gemacht habe.

Jüdische Rundschau: Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft?
Bullock: Ich möchte eine Basis haben, wo ich an einem Ort Wurzeln schlagen kann, denn jetzt bin ich ständig unterwegs. Ich bin es müde, als Zigeuner zu leben.

*****

Galerist Tony Wüthrich in Basel verkauft exklusiv Bullocks Bilder, die eine Mischung aus Abstraktion und Figuration sind. Zur Zeit entstehen vor allem die «Translucent paintings». Bilder, die auf einem durchschimmernden Kunststoff gemalt sind, das wie Milchglas wirkt. Die «Jüdische Rundschau» hatte die Gelegenheit, den Künstler in Basel zu treffen.


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