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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Koscherfleisch ist bis nach Pessach definitiv gesichert»

von Olivier R. Lasowsky, October 9, 2008
Koscherfleisch in der Schweiz kommt aus Frankreich. Nicht mehr lange - sagen Pessimisten. Sie prophezeien, dass sich die Maul- und Klauenseuche wie ein Lauffeuer über das europäische Festland ausbreiten wird und befürchten, dass das Bundesamt für Veterinärwesen ein Importverbot für französisches Frischfleisch verhängen wird. Die Verantwortlichen beim Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und den Koschermetzgereien hingegen sprechen von allgemeiner Panikmache durch die Medien und unrealistischen Massnahmen seitens des Bundes. Der SIG betont, dass die Maul- und Klauenseuche keine Gefahr für die Menschen darstelle, und deshalb ein Importverbot für Frischfleisch und Fleischwaren eine Überreaktion wäre.
Koscherfleisch in Gefahr? Die MKS-Krise könnte bald auch die Schweiz erfassen. - Foto Keystone

Seit gut einem Monat wütet die Maul- und Klauenseuche (MKS) in England. Als sich diese Nachricht verbreitete, ergriff das Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) präventive Massnahmen und erliess ein Einfuhrverbot von englischen Klauentieren, Frischfleisch und Fleischwaren. Obwohl auch die Europäische Union den Export von englischen Tieren verbot, hat sich die Seuche auf das europäische Festland ausgeweitet. Vor gut einer Woche wurden in Frankreich drei Schafe mit der MKS diagnostiziert.
Für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz beginnt nun das angespannte Warten. Seit 1893 ist hierzulande das Schächtverbot in Kraft. Deshalb kann die Koscherfleischversorgung nur durch Import gewährleistet werden. Gegenwärtig wird alles Frischfleisch aus Frankreich importiert.

«Wenn sich die Seuche ausbreitet...

«Wenn sich die Seuche in Frankreich ausbreitet, schliessen wir die Grenzen», sagt Michel Schmitt vom BVET. Schmitt ist für die Grenz- und Einfuhrbewilligungen zuständig und würde keine Möglichkeit sehen, den Koscherfleischimport aufrecht zuerhalten. Wir teilen mit Frankreicheine sehr lange Grenze mit zahlreichen Grenzübergängen. Deshalb wären radikale Massnahmen erforderlich, um den schweizerischen Rinder- und Schweinebestand zu schützen.
Diese Entwicklung wäre ein Tiefschlag für die Koscherfleischversorgung in der Schweiz. «Wenn die Schweizer Regierung tatsächlich ein Importverbot für französisches Frischfleisch verhängen würde, müssten wir für einige Zeit nur mit Pouletfleisch leben», sagt Jules Brand, Geschäftsleiter der Koschermetzgerei Kol-Tuv in Zürich. Doch vorerst gäbe es keinen Grund zur Panik. Als die MKS ausbrach, hätte Kol-Tuv ihren Frischfleischvorrat aufgestockt. Somit bestehe zumindest bis nach Pessach kein Problem, die Nachfrage zu decken. Auch bei den Kunden sei wieder ein stärkeres Vertrauen festzustellen, sagt Brand. Ein Vertrauen, das noch vor vier Wo-chen beträchtlich angeschlagen war, als die ersten Fälle von MKS in den Medien publik wurden.

... schliessen wir die Grenzen»

Trotz den kurzfristigen Sicherheitsmassnahmen von Kol-Tuv, erachtet Brand ein Importverbot für französisches Frischfleisch als unwahrscheinlich. Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) rechnet nicht mit einem Importverbot und erwartet eine Entschärfung der Situation in Frankreich. Die MKS sei zwar eine Bedrohung für die Tierbestände, sagt SIG-Präsident Alfred Donath, doch man wisse, dass die Seuche für Menschen keine Gefahr bedeute. Deshalb wäre ein flächendeckendes Importverbot eine Überreaktion. «Dennoch stehen wir mit dem BVET in Kontakt, damit wir im Ernstfall vorbereitet sind», bestätigt Donath.
Für Schmitt ist die Schliessung der Schweizer Grenze im Falle einer Ausbreitung der MKS keine Überreaktion. Aber auch er ist zuversichtlich, dass die Situation in Frankreich nicht eskaliere. Noch vor einer Woche sei er «arg ins Schwitzen gekommen», als er über die ersten französischen MKS-Fälle informiert wurde. Doch in der Zwischenzeit seien keine weiteren Fälle von infizierten Tieren gemeldet worden. Dies weise darauf hin, dass sich die MKS in Frankreich nicht ausbreite. Für eine vollständige Entwarnung wäre es jedoch zu früh, sagt Schmitt, denn wir sind «noch nicht über den Berg».





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