logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Kommt es im November zum Streik bei Swissair Israel?

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Treten am 2. November die 50 Angestellten von Swissair in Israel in den Streik, und müssen von da an im Extremfall Reisende, die eigentlich mit der schweizerischen Gesellschaft fliegen wollen, kurzfristig auf andere Unternehmen umgebucht werden? Diese Möglichkeit wird nach Meinung der Angestellten immer wahrscheinlicher, sind Schlichtungsversuche zwischen Swissair einerseits und dem Betriebsrat und dem Histadrut-Gewerkschaftsbund andererseits bisher doch im Sande verlaufen. Die Angestellten kämpfen im Hinblick auf drohende Entlassungen um einen Gesamtarbeitsvertrag und um bessere Abgangsentschädigungen.
Swissair restrukturiert: Die Lage im Arbeitskampf spitzt sich zu. - Foto Reuters

In der Tel Aviver Niederlassung von Swissair herrscht dicke Luft. Der Haussegen hängt bedenklich schief, seitdem die rund 50 lokalen Angestellten vor rund einem Jahr dem Histadrut-Gewerkschaftsbund beigetreten sind und nun angesichts drohender Entlassungen um bessere Abgangsentschädigungen kämpfen.
Dazu drängen sie auf einen Gesamtarbeitsvertrag. Der Dialog zwischen Arbeitgeber und dem Personal kommt kaum vom Fleck. Am Sonntag hatte David H. Eisenmann, Direktor von Swissair in Israel, schon zum zweitenmal eine Sitzung der Konfliktpartner kurzfristig abgeblasen. Bevor man gemeinsam an einen Tisch sitzen könne, sagt Eisenmann, müssten die Angestellten den von ihnen ausgerufenen Arbeitskonflikt wieder aufheben. «Die Angestellten haben fünf Monate für die Ausarbeitung ihres Vertragsentwurfs gebraucht», erklärte Eisenmann gegenüber der JR. «Jetzt fordere ich für das Abfassen meines Gegenentwurfes 60 Tage Arbeitsruhe, und auch während der anschliessenden Verhandlungen muss auf Streikdrohungen verzichtet werden.»
Im Zentrum des Disputs steht die Forderung der Angestellten nach einem Gesamtarbeitsvertrag, der ihre Situation angesichts der bevorstehenden Zusammenlegung der Büros mit der belgischen Sabena verbessern soll. Eisenmann hat den Auftrag erhalten, im Rahmen der AMC (Airline Management Company) die weltweit zwischen Sabena (de facto eine Swissair-Tochter mit rund 20 lokalen Angestellten in Israel) und Swissair beschlossene Rationalisierung in Israel bis spätestens April 2000 in die Tat umzusetzen. Von Abteilungen, die in beiden Gesellschaften existieren, müssen 30 Prozent des Personals gestrichen werden. Der Schweizer Nationalflieger muss nach Ansicht der Arbeitnehmer im jüdischen Staat somit mindestens 10 Stellen abbauen. Eisenmann dagegen spricht von der Entlassung von nur vier Teilzeitangestellten, die er zudem «weit über die gesetzlichen Ansätze hinaus» entschädigen würde. Das Büro im Jerusalemer Hilton Hotel - letztes Überbleibsel einer einst stolzen Swissair-Repräsentanz in der Hauptstadt - wird dichtgemacht.
Laut israelischem Gesetz erhalten Entlassene bei Swissair als Entschädigung ein Monatssalär pro Dienstjahr. Das ist deutlich weniger als bei anderen in Israel tätigen der Histadrut angeschlossenen ausländischen Fluggesellschaften, deren Entschädigungsansätze zwei- bis dreimal höher liegen. Dem Vernehmen nach hat Eisenmann seinen Angestellten in Aussicht gestellt, die Entschädigung im Kündigungsfall auf 1,5 Monatslöhne pro Dienstjahr zu erhöhen, doch verfügt der Betriebsrat bisher über keine schriftliche Bestätigung dieser Konzession. Geht man aber von dem in Kündigungsschreiben angeschlagenen Ton aus, darf nicht mit zu vielen Zugeständnissen seitens der Firma gerechnet werden. Einer Angestellten etwa, die seit fast 32 Jahren (!) bei Swissair Israel arbeitet, wurde per 31. 12. 99 gekündigt, vorausgesetzt, sie verhalte sich linienkonform. Sollte sie aber aufmucken, liest man sinngemäss in dem Schreiben, könne man sie durchaus auch früher vor die Türe stellen. Kein Wort des Dankes für den jahrzehntelangen Einsatz zugunsten von Swissair.
Noch vor zehn Jahren hatte die Swissair sich nach Aussagen eines unter dem Schutze der Anonymität zur JR sprechenden langjährigen Angestellten das Ziel gesetzt, einer der besten Arbeitgeber in Israel zu sein. «Davon redet heute niemand mehr», sagte der Angestellte, «und vom früher sprichwörtlichen Familiengeist ist bei Swissair Israel schon lange nichts mehr zu spüren».
David Eisenmann, der den neuen Direktorenposten des zusammengelegten Betriebs übernehmen wird, glaubt nicht an einen Streik. «Alles wird sich regeln», sagt er gegenüber der JR. «Die Histadrut kann uns unser Vorgehen nicht vorschreiben, denn wir haben keinen Vertrag mit ihr unterzeichnet.» Die Einschaltung der Medien durch die Angestellten von Swissair Israel ist für Eisenmann «Teil eines Nervenkriegs». Auf Arbeitgeberseite reagierte man Anfang Woche verbittert auf die erneute Annullierung der Sitzung durch die Firmenleitung. «Wir sind entschlossen, an unserem Weg festzuhalten», erklärte ein Angestellter gegenüber der JR. Vom 2. November an kann das heissen: Bummelstreik, Dienst nach Vorschrift, Betriebsversammlungen während der Arbeitszeit und sogar Demos.


» zurück zur Auswahl