«Klar antisemitisch motivierte Tat»
Eli Naftaly reiste am Montag aus seinem Ferienort Arosa mit seiner Frau Dora für einen Tag nach Zürich. Für den 49jährigen Computeringenieur aus Nof Ayalon zwischen Tel Aviv und Jerusalem endete der Ausflug beinahe tödlich: In der Altstadt, auf der «besseren» linken Seite, wollte das Ehepaar an der Strehlgasse ein Bettwarengeschäft betreten, als Eli Naftaly von hinten einen heftigen Stoss verspürte. Er drehte sich um, als wollte er dem Mann, in dem er offenbar einen Taschendieb vermutete, nachlaufen. Doch dann sahen seine schockierte Frau, eine Lehrerin, und die erschrockene Verkäuferin ein breites, riesiges Messer aus seinem Rücken herausragen. Im Spital sollte sich herausstellen, dass es zwanzig Zentimeter tief in Eli Naftalys Oberkörper eingedrungen war. Der alarmierte Rathaus-Posten der Kantonspolizei organisierte eine Ambulanz, die das Opfer und dessen Frau in die Uniklinik einlieferte. Nach einer zweistündigen Operation befindet sich Eli Naftaly trotz schwerer Verletzungen ausser Lebensgefahr und den Umständen entsprechend in stabiler Verfassung. Der Messerstecher lief gleich nach seiner Tat davon. Aber er flüchtete nicht, sondern begab sich sofort in das mindestens eine gute Viertelstunde Fussweg entfernte Detektivbüro der Stadtpolizei an der Zeughausgasse. Er erzählte den Beamten, er habe eben einen Mann niedergestochen. Die Stadtpolizei wusste allerdings noch von gar nichts, weil ein Kantonspolizeiposten alarmiert worden war. Pikett («Brandtour») als Untersuchungsrichter hatte an diesem Montag Bezirksanwalt Alexander Knauss. «Ich wurde um 15.30 Uhr benachrichtigt», sagt er zur JR. «Ich vereinbarte mit der Polizei sofort eine erste Hafteinvernahme.» Nach zwei Stunden Verhör beantragte Knauss die vorläufige Untersuchungshaft, die innerhalb von 48 Stunden vom Haftrichter für definitiv erklärt werden muss. Knauss beantragte auch sogleich die Eröffnung einer Strafuntersuchung wegen Tötungsversuchs: «Wer mit einem riesigen Messer herumläuft, hat wohl eine Tötungsabsicht.» Am Dienstag verlangte der Bezirksanwalt für den geständigen Täter die Bestellung eines amtlichen Anwalts und auch eines psychiatrischen Gutachters. In der ersten Hafteinvernahme stand im Zentrum die eigentliche Tat, erklärt Knauss. Ein normaler Vorgang: Sollte ein geständiger Täter sein Geständnis später zurückziehen, kann er dank einer frühen detaillierten Etablierung des Tathergangs auf seinen Aussagen behaftet werden. «Natürlich wurde auch das Motiv gestreift», sagt der Untersuchungsrichter. Ob es einen politischen Hintergrund gebe, und wenn ja, ob dieser ursächlich für die Tat sei, müsse er erst noch genau abklären. Nach dem ersten Gespräch sehe er keine Hinweise. Allerdings fand Knauss nach seinen Angaben schon im ersten Verhör die Tatsache heraus, dass der 51jährige, geschiedene, nicht arbeitslose, noch nie straffällige und auch sonst «unauffällige» Schaffhauser sein Opfer gezielt ausgesucht hatte: Er wollte einen Juden niederstechen. Und der israelische Computeringenieur war durch seine Kippa als Jude kenntlich. Bei der ersten Einvernahme konnte Knauss nicht herausfinden, ob der Täter Mitglied einer antisemitischen Gruppierung sei, sagt er, «aber ich kann es auch nicht ausschliessen». Der Vergleich der Schweizer Grossbanken mit den jüdischen Organisationen und Sammelklägern in den USA war Knauss beim Gespräch mit der JR durchaus präsent, da er sich mit derlei Themen befasst, nicht jedoch der soeben stattgefundene Jahrestag mit der entsprechenden Berichterstattung. Auch nicht der kürzliche Anschlag eines amerikanischen Neo-Nazis auf einen jüdischen Kindergarten in Los Angeles oder die Schändung des Bubis-Grabs in Israel durch einen Mann, der die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, nur einen Tag vor der Tat an der Strehlgasse. Wie kam dann der Bezirksanwalt auf seine auch im ersten Polizeicommuniqué verbreitete Wertung, der Täter habe «psychische Probleme», was nun seit Anbeginn im Vordergrund steht? «Wegen seiner Argumentation», erklärt Knauss. «Ich bin zwar kein Arzt. Dennoch fand ich, hier stimme etwas nicht.» Die NZZ vom Mittwoch meldet, Zürcher Fahnder hätten bei den Schaffhauser Kollegen herausgefunden, dass der Mann «wegen psychischer Probleme bei den Behörden aktenkundig» sei. Der Täter sagte zu Knauss, so der Bezirksanwalt, er habe die Behörden durch seine Tat auf seine Anliegen aufmerksam machen und zum Zuhören bringen wollen. Welcher Art diese seien, konnte oder wollte der Bezirksanwalt am Dienstag nicht erklären. Er sagte nur, bei diesen Anliegen stehe wohl eher die Person des Täters im Vordergrund. Persönlich, sagt Knauss, sei er von der Tat «sehr betroffen». Auch Bundesrätin Ruth Metzler, die Justiz- und Polizeiministerin, nannte das Attentat «verabscheuungswürdig». Der israelische Botschafter Yitzhak Mayer wurde noch am gleichen Nachmittag unterrichtet, fuhr sofort nach Zürich und besuchte das Opfer im Spital. Der israelische Konsul befindet sich noch immer in Zürich zur Unterstützung der Ehefrau. Der Botschafter sagte zur JR, ihn beschäftige der Fall nicht nur deswegen stark, weil das Opfer als Israeli Anspruch auf seine Hilfe habe - er wühle ihn auch als Jude auf, der selber eine gestrickte Kippa trägt wie das Opfer. «Den Behörden stellt sich jetzt das Problem, ob die Strassen von Zürich für einen Kippa-Träger sicher sind», sagt Mayer. Wenn ein Mensch einen Juden suche und die Kippa für ihn der Beweis für die Religionszugehörigkeit sei, dann sei der Gedanke schrecklich, dass noch am Ende dieses Jahrhunderts ein Jude als Instrument missbraucht werde, um die Behörden auf den Täter aufmerksam zu machen. Mayer ist überzeugt, dass die Schweizer Behörden die Sache nicht leicht nehmen werden. Mehr noch: Es sei Pflicht der Behörden und der Gesellschaft, die Tat lückenlos aufzuklären und zu bestrafen. «Die Schweiz kann es sich nicht erlauben, dass hier solche Anschläge passieren.» Es sei nicht an den Juden, dagegen zu kämpfen, sondern an den Schweizern. Eine Warnung an israelische Touristen lehnt der Botschafter ab. «Juden werden weiterhin Kippot und Bärte tragen, aber die Erziehung muss überall so gestaltet sein, dass das äussere Symbol einer Religionszugehörigkeit keine Gefahr mehr darstellt», sagt er. Israel habe eine lange Geschichte und Erfahrung mit Terror und Opfern. «Die Touristen sollen ruhig kommen. Und die Antisemiten müssen in der Schweiz eine Atmosphäre vorfinden, in der es unmöglich ist, Antisemit zu sein.» Mayer erklärt, dass auf der Botschaft bereits am Dienstag zahlreiche Hilfsangebote aus jüdischen Kreisen eingetroffen seien, von Zürcher Gemeinden wie von Privaten. Bereits um 14.30 war der jüdische Spitalseelsorger Zürichs, Marcel Ebel von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), aufgeboten worden, weil die Frau des Opfers den Kontakt zu einer jüdischen Gemeinde wünschte. Ebel blieb bis elf Uhr nachts bei ihr, stand ihr namentlich während der schweren Stunden der Operation bei. «Beide sind absolut ruhig, aber ich weiss nicht, ob sie die Tragweite des Geschehenen richtig erfasst hatten», sagt Ebel zur JR. Die Ehefrau habe alle Phasen einer derartigen Krise durchgemacht: Das erste Nicht-wahrhaben-Wollen, dann das Hinterfragen, weshalb dieses Unglück gerade ihrem Mann und ihr zugestossen sei, schliesslich als Antiklimax die unendliche Erleichterung, nachdem sie erfuhr, dass ihr Mann über dem Berg sei. Sie fand auch Unterstützung, um die Kinder zu Hause zu benachrichtigen. Das Ehepaar hat eine 24jährige Tochter mit einem Enkelkind sowie drei Söhne im Alter von 20, 17 und 11 Jahren. Der Älteste traf gestern in der Schweiz ein. «Ich bin sehr betroffen», sagt Ebel, der auch für die Betreuung der Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes von Halifax aufgeboten worden war. «Das Gleiche hätte auch mir passieren können. Natürlich hätte ich das auch im Zusammenhang mit dem Absturz sagen können, aber als Kippa-Träger kommt hier noch eine ganz andere Dimension hinzu.» (vgl. Editorial)
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«Welche Verbrechen denn noch?»
Zürich / G.B. - Werner Rom, Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), wurde am Montagnachmittag während eines Podiumsgesprächs im Pestalozzidorf Trogen vom Attentat orientiert, weil die Ehefrau des Opfers den Kontakt mit einer jüdischen Gemeinde wünschte. «Meine erste Reaktion: Es muss abgeklärt werden, ob eine Beziehung zwischen Täter und Opfer besteht. Abends erfuhr ich, dass das nicht der Fall ist.» Am Dienstagmorgen wurde er darüber orientiert, dass der Täter einen Juden gesucht habe. «Ich war schon vorher bestürzt, dass es geschehen kann, einen Mann, der eine Kippa trägt, von hinten niederzustechen», sagt Rom zur JR. «Ich kann dieses Attentat aber nicht isoliert betrachten, selbst wenn der Mensch, der es beging, psychisch angeschlagen sein sollte. Es braucht ein Umfeld, das eine solche Tat begünstigt. Ich stelle fest, dass das politische Umfeld von Rechtsaussenparteien bestellt wird und solche Taten möglich macht. Das Plakat mit dem Gangster, der das Schweizerkreuz zerreisst, ist für mich ein Ausdruck davon. Die politische Situation erfüllt mich mit tiefer Sorge. Es stellt sich die Frage: Was braucht es sonst noch für Verbrechen, bis auch der Hinterste und Letzte merkt, woher der Wind weht? Mit der Antwort, beim Messerstecher handle es sich um einen psychisch kranken Einzeltäter, kann ich mich heute nicht zufrieden geben. Denn das gefährliche Gedankengut geht bereits weit über die Rechtsaussenparteien hinaus und hat auch in Parteien Fuss gefasst, die Regierungsverantwortung tragen.»
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«Höchst alarmiert»
Zürich / G.B. - Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) erklärte der JR, er sei «entsetzt und bestürzt über diese klar antisemitisch motivierte Tat». SIG-Präsident Rolf Bloch sagt, er empfinde grosses Mitleid mit dem Opfer und sei froh, dass keine Lebensgefahr mehr bestehe. «Wir verlangen lückenlose Aufklärung des Attentats», sagt SIG-Generalsekretär Martin Rosenfeld zur JR. «Bisher hätten wir nicht geglaubt, dass in der Schweiz eine solche schändliche Gewalttat überhaupt möglich ist, obwohl wir einen deutlich stärkeren Antisemitismus spüren. Der Vorfall erfüllt uns natürlich mit Angst und grosser Sorge. Auch wenn es sich um einen Einzeltäter handeln sollte, liegt dieser Tat eine Gesinnung zugrunde, die von bestimmten Kreisen bewusst gefördert worden ist. Es gibt geistige Brandstifter.» In diesem Zusammenhang nennt Rosenfeld das Schüren von Hass und antijüdischen Vorurteilen, als Beispiel auch die «unheilvolle Asylkampagne» mit dem Plakat des Verbrechers, der das Schweizerkreuz zerreisst. «Wir appellieren an die Verantwortung von Behörden, Politikern und Medien, dringend etwas gegen das Klima von Hass und Ausgrenzung zu unternehmen. In der Schweiz müssen sich alle, ungeachtet ihrer Zugehörigkeit, sicher fühlen können.» Wir dürften von Glück reden, erklärt Rosenfeld, dass der israelische Tourist zwar schwer verletzt worden, aber mit dem Leben davon gekommen sei. «Das war ein glücklicher Zufall. Wir wollen gar nicht davon reden, was so eine Tat im Ausland für den Tourismus bewirken kann. Wir erachten den Vorfall als äusserst gravierend. Und wir sind höchst alarmiert.»
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Eine richtige Dame
Zürich / G.B. - Dora Naftaly wird von Simone Reich, Redaktorin bei «Blick», und dem eigens eingeflogenen Westeuropa-Korrespondenten der israelischen Zeitung «Jediot Achronot» als «richtige Dame» beschrieben. Sie und ihr Mann seien tief religiös, aber äusserlich nicht kenntlich, ausser durch die gestrickte Kippa des Mannes. «Mein Mann würde niemals die Kippa ablegen, denn wir sind stolz auf unseren Glauben», zitierte der «Blick» vom Mittwoch Dora Naftaly. Das Ehepaar sei häufig in Arosa und mache von dort aus oft Tagesausflüge, so Simone Reich. Derjenige vom Montag endete für Eli Naftaly beinahe fatal. «Wir werden viel Zeit brauchen, um dies zu verarbeiten», sagte Dora Naftaly zum «Blick».


