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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Keine Privilegierten und keine Benachteiligten

von Rabbiner Roland Gradwohl, October 9, 2008
Welches ist die Freude, die bleibt und den Schwierigkeiten des Daseins zum Trotz unvermindert wirksam ist? Die Antwort lautet: Es ist die Freude des Juden an seiner Thora, es ist die Freude von Simchat Thora.
Im Zeichen der Freude: Tanzende Jugendliche am Thorafreudenfest. - Foto Archiv JR

«Torat Haschem temima meschiwat nefesch, edut Haschem ne’emana machkimat peti»: Die Lehre Gottes ist vollkommen und erquickt die Seele, das Recht Gottes ist verlässlich, macht den Unerfahrenen weise.
Die Worte dieses Liedes entstammen dem 19. Psalm, einem wunderschönen Hymnus auf Gottes Wirken. Wie Gott den Gestirnen die Bahnen setzt, so zeigt Er durch seine Lehre den Weg, auf dem der Mensch zu einem glücklichen Leben findet. Es ist allerdings beschwerlich, diesen Weg zu gehen. Er führt durch steiniges Gelände, das den Wanderer zu Verzichten und Entbehrungen zwingt. Wer aber durchhält und die Strapazen auf sich nimmt, wird das Ziel erreichen. Nichts kann schief gehen, wenn die Markierungen beachtet werden. Auf Gottes Recht, das ihm die Richtung weist, kann er sich verlassen.

Worum geht es?

So wird verständlich, dass die Thora vom gläubigen Juden durchaus nicht als Last empfunden wird. Er weiss, dass er ohne die Thora die Orientierung verliert und stehen bleiben muss. Ohne sie lebt er egoistisch, denkt nur an sich selbst und die eigenen Wünsche und wird nie zum Mitmenschen finden. Bedürfte es eines Beweises, um die Freude am Geschenk Gottes zu belegen, die fröhlichen Melodien, die an Simchat Thora gesungen werden, lieferten ihn. Wer unter einem Gesetz leidet, kann so nicht singen. Er müsste wehklagen, von den schweren Fesseln sprechen, die ihm ein tyrannischer Herr willkürlich auferlegt. Doch loben und danken?
Bereits in der Antike hat sich der Brauch eingebürgert, im Sabbat-Morgengottesdienst einen Abschnitt aus der Thorarolle vorzutragen. Und zwar in kontinuierlicher Weise. Man beginnt dort, wo man am Sabbat zuvor aufgehört hat. In Palästina war es üblich, die ganze Thora in einem Dreijahres-Zyklus zu beenden. Die Juden in der grossen Diaspora-Gemeinde Babyloniens waren fleissiger. Sie lasen jeden Sabbat einen grösseren Passus und waren dementsprechend bereits nach einem Jahr mit den 5 Büchern Mose fertig. Die einen wie die anderen liessen den Tag ohne grosse Feiern verstreichen.
Mit der Zeit konnte sich die babylonische Anordnung der Schriftlesung allgemein durchsetzen. Im 14. Jahrhundert wird - wie die Quellen bezeugen - der Tag des Abschlusses im Kalender fixiert. Er fällt von da an regelmässig auf Schemini Azeret, das Ende des Sukkotfestes. Dass gerade dieser Termin gewählt worden ist, beruht nicht auf Zufall. Sukkot steht ohnehin im Zeichen der Freude. Das Volk dankt Gott frohen Herzens für alles, was Er ihm beschieden hat. Für die reiche Ernte, die es eben einbringen durfte, für die göttliche Hilfe in Vergangenheit und Gegenwart. Ist es verwunderlich, wenn die Freunde in der «Simchat Thora» gipfelt, in der Freude am Schönsten und Kostbarsten, das Israel besitzt: Die Thora. «Wesamachta bechagecha», freu dich an deinem Fest, fordert das Gesetz der Thora. Doch welche Freude wird angestrebt? Die sozialen Schranken fallen dahin. Die Thora gehört allen gleicherweise. Nicht zufällig wird sie mit dem Regen verglichen, der allen zukommt. So spricht Moses (5. B.M., Kap. 32): «Meine Lehre riesle wie der Regen, meine Rede träufle wie der Tau, wie Regenschauer auf das junge Grün und wie Tropfen auf die Flur.» Wenn es regnet, dann gibt es keine Privilegierten und keine Benachteiligten. Jeder, der will, kann den Regen auffangen. Wie die Thora, die jeder studieren kann. Es bedarf bloss des Willens, zu lernen und mitzutun. Darum ist Simchat Thora ein Fest für alle. Wenn die Weisen Israels gefragt haben: «Welches ist eine Liebe, die sich nicht an eine Sache hängt und deshalb unvergänglich ist?», so darf die Frage gestellt werden: Welches ist die Freude, die bleibt und den Schwierigkeiten des Daseins zum Trotz unvermindert wirksam ist? Die Antwort lautet: Es ist die Freude des Juden an seiner Thora, es ist die Freude von Simchat Thora.

Zauber von Simchat-Thora

Der grosse ostjüdische Schriftsteller Scholem Alejchem (1859-1916) - sein «Tewje der Milchmann» ist als Musical «Anatewka» weltberühmt geworden - hat erklärt: «Wäre ich Goethe - bei eurem Leben - ich würde wahrlich nicht die Geschichte von den Leiden des jungen Werthers schreiben. Ich erzählte statt dessen von der Liebe des armen Judenjungen, der die Tochter eines der Vorbeter seiner Stadt abgöttisch verehrt. Wäre ich Heine - bei meiner Seel - in meinen Liedern besänge ich nicht die Schönheit der florentinischen Nächte, sondern den Zauber der Simchat Thora-Nacht in den Städten Israels…». Wir wissen, woran Scholem Alejchem gedacht hat.

Die JR veröffentlicht regelmässig Texte aus dem Nachlass von Rabbiner Dr. Roland Gradwohl.


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