«Katalysator für historische Selbstreflexion»
Hohe Ansprüche an die Lesbarkeit werden beim Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz- Zweiter Weltkrieg (UEK) vorherrschen, sagte Professor Jakob Tanner am Werkstattgespräch der vergangenen Woche. Die Abschlussarbeit (gegen 6000 Seiten) wird aus 22 einzelnen Forschungsarbeiten (siehe separater Kasten) und einer Synthese von rund 200 Seiten bestehen, die laut Tanner einen Gesamtüberblick liefern soll, auch wenn sie nicht jede Facette des gestellten Themas berühren könne. Sie wird die neuralgische Situation darstellen, in der sich die Schweiz damals befand und auch eine Interpretation leisten. Sie solle als «Katalysator für historische Selbstreflexion» dienen, so Tanner.
Professor Georg Kreis präzisierte, dass die Struktur der Synthese sehr klassisch gehalten sein werde. Es würden die Rahmenbedingungen aufgezeigt, die Studien, die er als Monografien bezeichnete, publiziert und Schlussfolgerungen gezogen. Es werde keine Gesamtrevision der Geschichte geben, aber die Fragen der aktuellen Kontroversen, die Vergleichbarkeit mit anderen Ländern und Alternativen würden aufgegriffen. Es handle sich dabei auch um Fragen, «die wir nicht definitiv beantworten können». Bereits im Juni 2001 wird der Komplex Industrie, Aussenwirtschaft, Handel publiziert, im September 2001 die Bereiche Tarnung, Fluchtgelder und rechtliche Gutachten. Im November 2001, einen Monat vor dem Ende des Mandats, kommt der Finanzbereich mit Banken und Versicherungen sowie vor allem auch die Synthese zur Publikation. Allerdings weiss die Kommission noch nicht, in welchem Verlag das sein wird. Ende August soll ein Entscheid fallen. Die teure Kommissionsarbeit muss offenbar auch kommerziell erfolgreich werden. Gegenwärtig, so Martin Meier, Mitglied der wissenschaftlichen Projektleitung, werden die bereits teilweise fertiggestellten, teils auf den Herbst erwarteten Studien intensiv lektoriert, thematisch ausgeglichen und mit Querverweisen vernetzt.
Professor Daniel Thürer, der Zürcher Völkerrechtler, hat als neues juristisches Mitglied der UEK neben den bereits bestellten oder gelieferten Rechtsgutachten über Raub-Kulturgüter, Goldhandel, Versicherungen, Transit neue Aufträge erteilt: Der Staatsrechtler und ehemalige Parlamentarier Professor Jean-François Aubert erarbeitet eine Untersuchung über die Schweizer Rechtswissenschaft während der NS-Zeit, und zwei ehemalige Bundesrichter sollens sich mit dem entsprechenden Rechtssystem befassen. Beide waren, so Thürer, im Vergleich zur Diplomatie, damals stark. Er zitierte eine Aussage von Hitler, die sich gegen Juristen wandte.
Seltsamerweise mussten die Kommissionsmitglieder Harold James und Jacques Picard an einem Seitentisch Platz nehmen. James und Saul Friedländer waren die einzigen anwesenden «Ausländer». Vom polnischen Mitglied Bartoszewski berichtete UEK-Präsident Jean-François Bergier, er habe im Moment «andere Probleme», weil er kürzlich zum Aussenminister ernannt worden sei; er bleibe der Kommission jedoch verbunden und werde seinen Teil zum Schlussbericht beitragen. Sybil Milton dagegen sei krankheitshalber nicht erschienen. Picard betonte, er habe sich immer eine intensive Debatte über die Produkte und Befunde der UEK gewünscht, die anschliessend nicht abreissen, sondern zunehmen solle. Er kündigte an, dass das längst fällige Beiheft über Roma, Sinti und Jenische möglichst noch vor Ende Jahr publiziert werden könne; verabschiedet sei es bereits. Die Verspätung erklärte Jakob Tanner damit, dass zentrale Fragen nicht beantwortet werden können, wie Bankkonten der Fahrenden, das Einreise- und Transportverbot. «Als Opfergruppe sind sie fast nicht fassbar», erklärte Tanner. Es gebe jedoch spannende Fallbeispiele, und die Schwierigkeiten bei der Erarbeitung würden in der fertigen Arbeit klar deklariert.
Die Volcker-Kommission hat nach Abschluss ihrer Arbeit alle Hinweise auf Vermögenswerte von NS-Tätern auf Schweizer Banken an die UEK weiter geschoben, eine schwierige Schnittstelle, wie UEK-Generalsekretär Linus von Castelmur betonte. Eine Aufgabe allerdings, die auch mit Restitution und Absetzbewegungen zu tun hat, die über das Kriegsende hinaus reichen: Die Restitution nach 1945 sei ein zentraler Mitbestandteil der Studien und der Synthese, erklärte Jacques Picard. Sie behandelten nicht allein die Jahre 1933 bis 1945, sondern auch die nachfolgenden Probleme. Die UEK, die mit ihren schärfsten Kritikern, den Altherren der Aktivdienstgeneration, die sich in zwei Gruppen zusammengeschlossen haben, versöhnlich umgeht, gab dem ehemaligen Politiker Sigmund Widmer Gelegenheit, eine Erklärung zu verlesen, ohne sie gross zu kommentieren. Auf den Vorwurf, nur wer Geschichte erlebt habe, könne auch darüber berichten, verwahrte sich der maliziöse Georg Kreis mit dem Argument, dass der ebenfalls anwesende Präsident des Arbeitskreises «Gelebte Geschichte», ein Prähistoriker, wohl das Gegenbeispiel sei.


