Jüdische Geschichte, Kämpfe, Erfolge
«Wenn ich eine Botschaft für die jungen Leute der Gegenwart habe, dann wäre es die folgende: «Habt Vertrauen in das Leben, denn das Leben ist stärker als der Tod, und die jüdische Religion betont das Leben ganz besonders.» Lucia Servadio Bedarida, eine kleine, weisshaarige Ur-Urgrossmutter, die vor kurzem ihren 100. Geburtstag feiern konnte, weiss wovon sie spricht. Obwohl sie heute im Staate New York lebt, zog sie es vor, ihren runden Geburtstag am 17. Juli in der italienischen Hafenstadt Ancona zu begehen. In dieser Stadt an der Adria kam sie zur Welt. Rund 150 Freunde und Familienangehörige aus Italien, Frankreich, Marokko, den USA, Südafrika, Brasilien und aus anderen Ländern fanden sich zur Feier in der barocken Synagoge von Ancona ein, in der Servadio als Kind gebetet hatte. «Trotz aller Schwierigkeiten habe ich mein Leben in vollen Zügen genossen», sagte die Jubilarin am Vorabend ihres Geburtstages. Noch heute reist sie sehr viel, und nicht selten alleine. Vor drei Jahren beging sie ihr 97. Wiegenfest gleitfliegend in den Alpen. «Mein Leben war sehr reich und sehr interessant», sagte sie. «Ich bin froh, es gelebt zu haben, und glücklich über alles, was ich erreicht habe.»
Servadios Leben gleicht tatsächlich einem Geschichtsbuch. Sie kam am 17. Juli 1900 als Kind einer Familie der Mittelschicht in Ancona zur Welt. Aus jüdischer Warte ist Ancona eine der ältesten und historisch wichtigsten italienischen Städte. Im 19. Jahrhundert lebten dort rund 1900 Juden, und es gab zahlreiche Synagogen. Heute zählt die Gemeinde noch 100 Mitglieder. Servadios Vater war ein Geschäftsmann, und ihre Eltern und Grosseltern waren wie die meisten italienischen Juden gleichzeitig von starken jüdischen und italienischen Identitäten geprägt. Servadios Vater erhielt den Namen Cavour, zur Erinnerung an eine führende Figur der italienischen Unabhängigkeitsbewegung, die den Juden des Landes in der Mitte des 19. Jahrhunderts Freiheit und Bürgerrechte gebracht hatte. Die Schwester ihres Vater hiess Italia zu Ehren des unabhängigen Staates Italien. Servadio selber und ihre vier jüngeren Brüder erhielten alle Namen, die auf dem Wort «Luce» (Licht) basierten, was die Verpflichtung der Familie gegenüber den Werten Gerechtigkeit und Freiheit unterstreichen sollte.
«Meine Familie ging auf in der italienischen Kultur», sagte Servadio. «Wir wuchsen hier in Ancona ohne alle Probleme auf. Unsere Freunde gehörten den verschiedensten Religionen an, und unsere Eltern sandten uns Kinder in öffentliche Schulen.» Nach dem Ersten Weltkrieg zog die Familie nach Rom, u.a. damit Servadio ihre Studien fortsetzen konnte. «Ich wollte die Universität besuchen», sagte sie, «und damals gab es in Ancona noch keine.» 1922 beendete sie ihre ersten Studien und machte sich daran, Ärztin zu werden, damals für eine Frau etwas Aussergewöhnliches. Servadio heiratete einen anderen Arzt, der Direktor des Krankenhauses in Vasto wurde, einer kleinen Stadt in den Abruzzen. Hier wurde die Familie von den strikten antisemitischen Gesetzen überrascht, welche die Faschisten 1938 in Kraft setzten. «Wir waren die einzige jüdische Familie am Ort», erinnerte Servadio sich. «Wir waren sehr integriert, und wir hatten viele wunderbare Freunde, die uns halfen.» Die Hausangestellte etwa ignorierte die Gesetze, die es Christen untersagten, für Juden zu arbeiten. Die Frau war ebenfalls unter den Gästen an Servadios Geburtstagsfeier.
1939 verliess die Familie Italien praktisch mit leeren Händen. Sie landete im marokkanischen Tangier, wo Servadio bis 1981 lebte und als Ärztin arbeitete. Währen des Krieges widersetzten sich die in Italien verbliebenen Familienangehörigen tapfer der Verfolgung und kämpften mit dem italienischen Widerstand. «Einer der Brüder meiner Mutter konnte sich im Vatikan verstecken», sagte Servadio. Ihre Mutter jedoch, damals 64-jährig, und die 89 Jahre alte Grossmutter wurden deportiert, zuerst ins italienische Lager Fossoli, dann nach Auschwitz. «Wir haben eine Notiz, die meine Mutter an eine Freundin schrieb, doch das ist schon alles.»
Nach dem Krieg gingen Servadios drei Töchter zu Studienzwecken in die USA, wo sie die Staatsbürgerschaft annahmen. Servadio aber und ihr Gatte blieben in Tangier, wo sie ihre medizinische Arbeit mit Erfolg ausführten. Als ihr Mann 1965 starb, setzte Servadio die Tradition alleine fort. «Ich spezialisierte mich in Gynäkologie und Kinderpflege», sagte sie. «Die arabischen Frauen vertrauten mir, einem weiblichen Arzt. Sie nannten mich Grossmutter. Ich versuchte, den Menschen zu helfen und meinen Patienten mehr zu geben als nur gerade Medizin. Ich gab ihnen von meiner Zeit, einen Teil von mir selber.» Als Jüdin in Marokko zu leben, bedeutete für Servadio kein Problem, auch nicht während des Sechstagekrieges. Bei Kriegsausbruch war sie bei ihrem Bruder in Brasilien zu Besuch, doch kehrte sie ohne Schwierigkeiten nach Tangier nach Hause zurück. Dort half sie insgeheim auch Juden, die Alijah machen wollten. 1981 setzte Servadio sich in den USA zur Ruhe. Wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, wohnt sie heute bei einer Tochter in Cornwall. N.Y. Ihre anderen Töchter leben in Yonkers, N.Y. und Gainesville, Florida.
JTA


