«Judenmöbel» als Zeugnis
Acht prominente wie vermögende Wiener Familien, jene des ehemaligen Wiener Finanzstadtrates Hugo Breitner, dessen Fiskalpolitik die Wohnungspolitik des «roten Wien» ermöglichte, des Bankiers Viktor Ephrussi, der Textilhändler Wilhelm Goldenberg und Moritz König, des Geschäftsmannes Oskar Pöller, des Hoteliers Emil Stiassny sowie von Hedwig Schwarz und von Paul Weiss wurden Opfer des nationalsozialistischen Raubgutes - die Inventarlisten allein dieser acht Haushalte umfassten mehr als 5000 handschriftlich aufgelistete Objekte, deren wertvollste 575 Objekte wurden dem Mobiliendepot übergeben. Die in der Ausstellung skizzierte Geschichte um das Schicksal des Mobiliars bietet ein - weiteres - tragisches Sittenbild des österreichischen Umgangs mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit: bis 1965 wurden nur 102 Objekte an die rechtmässigen Eigentümer bzw. ihre Erben zurückgegeben, 143 Objekte sollen durch «Kriegsereignisse» vernichtet, vier an die Kriegsmetallsammlung zum Einschmelzen abgegeben, 78 verkauft, 38 «aufgebraucht» und 84 verschollen sein. In den Akten findet sich Korrespondenz, die belegt, dass dem Mobiliendepot die Herkunft der Objekte genau bekannt war, trotzdem hat der Leiter des Depots die seit 1946 gesetzlich verpflichtende Anmeldung, auf die er vom Finanzministerium noch 1957 hingewiesen worden war, nicht erfüllt. Nicht zuletzt deshalb kam es, so der Katalog zur Ausstellung «nach 1945 nur zu wenigen Rückstellungen», denen lediglich teilweise entsprochen wurde, und für deren Ausführung den Anspruchsberechtigten Kosten für zwischenzeitliche Restaurationen weiterverrechnet wurden. 1969 wurde eine Inventarliste, geordnet nach den ehemaligen Eigentümerfamilien, angefertigt - zur endgültigen Restitution via Sammelstelle und Entschädigungsfonds, allein: erstens wurden die rechtmässigen Besitzer bzw. ihre Hinterbliebenen davon nicht informiert, und zweitens verblieben weitere 189 Objekte bis 1998, dem Beginn der - hoffentlich - endgültigen Rückstellung, im Depot. Die Kuratoren der Ausstellung, Ilsebill Barta-Fliedl und Herbert Posch, haben absichtlich nicht die Objekte selbst, die sie nicht nochmals einer Instrumentalisierung aussetzen wollten, sondern eine Fotoinstallation des Fotografen Arno Gisinger zur Darstellung gewählt. Diese Installation gibt zu jedem einzelnen arisierten Objekt detaillierte Information zu dessen Verbleib bis zur Gegenwart. Nicht mehr vorhandene Objekte werden durch eine «leere» Fotoaufnahme vor dem gleichen Hintergrund wie vorhandene Objekte symbolisch dargestellt. Das Schicksal der ehemaligen Eigentümer und ihrer Familien wird auf einer Informationstafel dargestellt. Sechs der acht Eigentümerfamilien konnten ausfindig gemacht werden, bei zwei Familien wird noch eifrig nach Familienmitgliedern gesucht.
InventARISIERT. Enteignung von Möbeln aus jüdischem Besitz. Ausstellung im Museum Kaiserliches Hofmobiliendepot. 1070 Wien, Andreasgasse 7, bis 19. November 2000, Di-So 9-17 Uhr. Katalog zur Ausstellung im Turia & Kant Verlag, Wien, ISBN 3-85132-265-7


