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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Juden sollten nur in Erez Israel leben»

von Sid Singer, October 9, 2008
«Ein wenig ironisch ist es schon», meinte Gidon Sapir (34) gegenüber der Zeitung «Chicago Sun», «ich bin Hauptmann in der israelischen Infanterie, habe in Libanon und der Westbank gedient, und jetzt werde ich in Chicago niedergeschossen.» Sapir ist einer der sechs Juden, die am vergangenen Freitagabend in West Rogers Park, dem Viertel von Chicago mit der grössten orthodox-jüdischen Bevölkerung, auf dem Heimweg von der Synagoge vom weissen Rassisten Benjamin Nathaniel Smith (21), Mitglied der sogenannten «Weltkirche des Schöpfers», unter Beschuss genommen worden sind. Smith, der im Verlauf seines Amoklaufes noch zwei Asiaten erschiessen konnte, nahm sich später das Leben.

In der Vergangenheit war er mehrmals für die Verteilung von antisemitischer und Anti-Minderheiten-Literatur seiner Organisation verhaftet worden, zum letzten Mal im April. Die Anti-Diffamationsliga des Bnai Brith (ADL) hatte schon lange auf das von der «Weltkirche» verbreitete Hassmaterial hingewiesen.
Gidon Sapir war mit seinen beiden Kindern im Alter von 4 und 5 Jahren auf dem Heimweg vom Freitagabend-Gottesdienst, als Smith auf ihn und die anderen zu feuern begann. «Als ich begriff, dass es sich um einen Überfall handelte, drückte ich meinen Sohn auf den Boden und warf mich auf ihn. So erhielt ich eine Kugel in den Rücken. Meine Tochter ging etwas hinter mir und war nicht in der Feuerlinie.» Sapir fühlt sich durch das Ereignis in seinem Glauben bestärkt, dass Juden «nur in Erez Israel leben sollen». Ephraim Wolfe, mit 15 Jahren der Jüngste unter den Verletzten, hatte etwas anderes zu sagen: «Ich appelliere an die Leute, nicht verängstigt zu sein. Ich will sie vielmehr dazu anhalten, hinauszugehen, die Synagoge zu besuchen, den Park und in den Strassen spazierenzugehen. Die Leute sollen sich nicht verstecken.»
«Die Gemeinde ist froh, dass die Sache ein glimpfliches Ende gefunden hat», meinte Michael Kotzin, Vizepräsident des jüdischen Gemeindebundes des Grossraums Chicago. «Dessen ungeachtet werden die tragischen Ereignisse des 4. Juli die Gemeinde noch lange beschäftigen.» Orthodoxe Juden hören am Schabbat zwar kein Radio und sehen auch nicht fern, doch die Einzelheiten des Geschehens verbreiteten sich wie ein Lauffeuer durch alle Synagogen. Eine der ersten Reaktionen vieler direkt und indirekt Betroffenen war eine Unterstützung der Forderung nach einer Verschärfung der Waffengesetzgebung in den USA. Die Polizei betonte die ausgezeichnete Kooperation mit der jüdischen Gemeinde im Rahmen der Untersuchungen. Rabbi Zev Cohen von der Adas Yeshurun Synagoge - einige der Verletzten hatten dort gebetet - rief seine Mitglieder auf, den Untersuchungsbeamten trotz des Schabbats rückhaltlos Informationen zu geben.

Jta





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