Jeder fünfte Israeli unter der Armutsgrenze
Im Jahre 1999 nahm die Zahl der in Israel unter der Armutslinie lebenden Bürger um 9,8% auf total 1,134 Millionen Menschen zu. Die Zahl der in Armut lebenden Kinder wuchs gar um 16% auf 510 000. Das geht aus dem soeben von der Nationalversicherung und dem Ministerium für Arbeit und soziale Wohlfahrt publizierten Jahresbericht über die Armut hervor. Die Armen sind demnach wirklich arm: Ihr Durchschnittseinkommen liegt um 26% unter der Armutslinie. Besonders gravierend ist die Situation im arabischen Sektor, wo die Armut dreimal mehr Menschen trifft als im jüdischen Sektor. Die Hälfte aller israelisch-arabischen Kinder leben laut dem Bericht unter der Armutslinie. Insgesamt waren letztes Jahr 308 000 israelische Familien als arm registriert.
Die zweifelhafte Ehre, die Liste der armen Städte anzuführen, fällt Jerusalem zu. Jeder dritte Einwohner der israelischen Hauptstadt gilt als arm. Die nächsten Städte auf dieser traurigen Rangliste sind Bne Berak, Aschdod und Aschkelon. Unverändert waren auch 1999 23,7% der Familien mit nur einem Elternteil arm, und ein Viertel der betagten Bevölkerung, ebenfalls gleichviel wie 1998, lebte unter der Armutslinie. «Die Armut ist nicht ein Phänomen, das nur die Menschen am Rande der Gesellschaft trifft», erklärt Arbeits- und Wohlfahrtsminister Raanan Cohen. «Sie grassiert unter weiten Sektionen der Bevölkerung und wirkt sich auf den Charakter der israelischen Gesellschaft aus.» Einerseits schreite der technologische Fortschritt voran, doch andrerseits lasse man, so Cohen, einen wesentlichen Teil des Volkes links liegen. «Die Chance auf einen Ausbruch aus dem Teufelskreis der Armut wird für diese Leute und ihre Kinder immer kleiner.»
Raanan Cohen schlug eine sofortige Erhöhung des Mindestlohnes um 250 Shekel pro Monat auf die Hälfte des Durchschnittslohnes vor. Dieser Schritt war bisher von Finanzminister Avraham Shochat stets abgelehnt worden. Cohen befürwortet zudem höhere soziale Vergünstigungen sowie eine Reduktion der Einkommens- und Gesundheitssteuern für Arbeiter, die weniger als 3200 Shekel im Monat verdienen. Langfristig müsse man nach Ansicht des Arbeitsministers die heute bei 8,9% stehende Arbeitslosigkeit reduzieren, wenn man die Armut wirksam bekämpfen will.
Haaretz


