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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Israels bekanntester Dichter ist tot

von Avi Katzman und Saguy Green, October 9, 2008
Im Alter von 76 Jahren erlag in Jerusalem der weltbekannte Dichter Yehuda Amichai einem Krebsleiden. Er wurde am Sonntag unter grosser Anteilnahme zu Grabe getragen. Amichai spielte nicht nur in Israels Literaturbetrieb eine führende Rolle, sondern prägte auch die politische-ideologische Diskussion im Lande massgeblich mit.
Yehuda Amichai: «Das Recht, Zweifel zu haben.» - Foto Isranet

Yehuda Amichai kam in Deutschland als Kind einer religiösen Bauernfamilie zur Welt. 1936 wanderte er nach Palästina aus und liess sich in Jerusalem nieder. Während des 2. Weltkrieges ging Amichai freiwillig zur Jüdischen Brigade in der britischen Armee, und später beteiligte er sich als Mitglied der jüdischen Untergrundarmee Palmach in der Vorstaatszeit beim Waffenschmuggel. Daneben half er auch, Immigranten nach Palästina zu bringen. Im Unabhängigkeitskampf von 1948 kämpfte Amichai im Negev.
Der Verstorbene studierte Literatur und biblische Studien an der Hebräischen Universität, wo er 1956 seinen akademischen Titel erhielt. Um sein Studium zu finanzieren, unterrichtete Amichai während vieler Jahre an Schulen. Nach dem Studium dozierte er an der Hebräischen Universität und an der New York University. 1982 erhielt er den Israel-Preis für hebräische Literatur und den Bialik-Preis. 1990 folgte ein Ehrendoktortitel von der Hebräischen Universität.
Yehuda Amichai begann in den 40er Jahren mit der Veröffentlichung von Poesie, und seine erste Sammlung («Now and in the other days«) kam 1955 auf den Markt. Seine Werke sind modern, sowohl im Ausdruck als auch in der Substanz. In ihnen vereinigen sich prosaische Elemente des Alltags; zudem unterstreichen sie die Überzeugung des Dichters, wonach moderne Poesie sich mit gängigen, alltäglichen Themen befassen soll. Amichai benutzte technologische Begriffe, schrieb von Tanks, Flugzeugen oder von Benzin und über Mietabkommen. Amichai gilt auch als Sprach-«Erfinder», bediente er sich doch ebenso des biblischen Hebräischs, des Hebräischs des Mittelalters wie auch des zeitgenössischen Slangs. Amichai galt als Poet, der in einer zugänglichen Sprache schrieb. Als er in der Armee diente, stellte er, wie er selber sagte, fest, dass es zwei Dinge gab – Liebe und Krieg, die «koexistieren müssen». Dieses Thema kommt klar in seinen herzbewegenden Gedichten zum Ausdruck, wie etwa «The two of us together and each one separately», «Rain on the battlefield», «Shir Leil Shabbat» (Ein Lied für den Schabbatabend) usw.In Amichais Werken gelangt aber auch eine Ironie zum Ausdruck, die der sich alleine in der Umwelt fühlende Autor gegen sich selber richtet. Jerusalem war ein beliebtes Thema. Erst vor wenigen Monaten meinte er in einem Interview, er sei durch alle Strassen der Stadt spaziert, und aus einer von ihnen werde der Frieden auftauchen. Alles in allem publizierte Amichai 16 Gedicht-Anthologien, zwei Kinderlieder, zwei Romane, eine Sammlung von Kurzgeschichten, zwei Theaterstücke und zahllose Essays. Seine Werke wurden in 33 Sprachen übersetzt, und Amichai galt als aussichtsreicher Kandidat für den Literatur-Nobelpreis.

Haaretz

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Amichai-Tage

Israel / J.U. Gemäss einer Verfügung von Shlomit Amichai, der Generaldirektorin des israelischen Erziehungsministeriums, haben die Lehrer an den Schulen des Landes ihre Schüler dieser Tage gezielt mit dem «besonderen Beitrag des Dichters Yehuda Amichai an die Kultur Israels» konfrontiert. Der Knessetabgeordnete und ehemalige Erziehungsminister Yossi Sarid (Meretz) nannte Amichai den «Generalstabchef des Unabhängigkeitskrieges der hebräischen Sprache».

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Kommentar

Doron Rosenblum

Bürger Nummer eins

Als der Dichter T.S. Eliot 1950 auf dem Gipfel seines Ruhmes stand, veröffentlichte die «New York Times» eine Karikatur, in der ein Matrose in einem Tätowierungs-Schuppen eine Tätowierung verlangte: «Ich habe an ein paar Linien von T.S. Eliot gedacht», lautete die Legende. In diesen Worten gelangte die Diskrepanz zwischen der Berühmtheit des Poeten und der Unzugänglichkeit seiner Zeilen auch für gebildetere Gemüter zum Ausdruck.
Eine solche Diskrepanz existierte nicht zwischen Yehuda Amichais Zeilen und seinem Publikum. Und eine Tätowierung mit «ein paar Linien Amichai» ist gar nicht so unvorstellbar. Amichai ist nämlich der in Israel am meisten zitierte Dichter und Schriftsteller. Nicht nur wird er an Dichterlesungen zitiert; oft wissen Menschen, die ihn zitieren, gar nicht, dass sie Amichais Worte in den Mund nehmen.Er ist zu unserer Alltags-Stimme geworden, zur Stimme von der Strasse. «Ein paar Linien Amichai» schleichen sich ganz natürlich in Konversationen ein, in Artikel, in Talk-Programmen am Radio, von denen eines sogar den Titel eines seiner Gedichte trägt, in unzähliger Populär-Lyrik. Die Zeilen sind fast so etwas wie ein Bestandteil unseres kollektiven Unterbewusstseins geworden.
«Ein paar Linien Amichai» tauchen immer dann auf, wenn jemand unsere harte Realität etwas aufweichen oder sie fassbar gewöhnlich machen will, wenn wir ein Segment des Lebens blumig beschreiben, wenn wir über wirklichen Israeli sprechen wollen: Über Fahrgäste im Autobus, über jene, deren Stimmen im Geräusch von Maschinen untergehen, über jene, die schwere Lasten auf ihrem Rücken tragen und deren Haar vom Armee-Friseur kurzgeschoren wird, über jene, die am Freitagabend nachhause zurückkehren, wenn «die Wäsche im Hof schon trocken ist».Bei Amichai spürt man den Wechsel von Sprache zu Poesie, vom Profanen zum Sublimen und zurück kaum. Das war eine einzigartige Vornehmheit - nicht nur seine Arbeit, sondern auch Yehuda Amichai als Person. Er galt als Israels «Bürger-Dichter», als der Mensch, der unser schwieriges, stürmisches Leben mit Gnade und einem Schuss Heiterkeit bereicherte, sowie durch seine Präsenz unter uns mit dem Zauber menschlicher Grenzen und Proportionen. Auch wenn er in Jerusalem lebte, und dazu noch gegenüber dem düsteren Anblick der historischen Altstadtmauern, dachte man von ihm stets gerne als Bürger Nummer eins des einheimisch gewachsenen sekulären Israel-Tums, der Häuslichkeit und Normalität. Immer sprach er und tönte wie ein gewöhnlicher Bürger, und sah auch wie ein solcher aus - ein ehrlich besorgter, anspruchsloser Bürger.
Trotz aller Anerkennung und literarischer Ehren, mit denen er überhäuft wurde, «sah» er weder wie ein Dichter aus noch «sprach» er wie ein solcher. Möglicherweise aber ist dies die echte Poesie, denn neben seinen Gedichten konnte man auch die Ideen ausmachen, die so wunderbar waren in ihrer Menschlichkeit, ihrer Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Mässigung, in ihrem gesunden Menschenverstand und in ihrer Wärme, die auch in den Interviews, die er hin und wieder gewährte, durchschimmerten.
«Die eigentliche Aufgabe eines Intellektuellen besteht darin, einem das Recht zu erteilen, Zweifel zu haben», meinte er einmal in einem Interview zur Zeit der grossen Koalition unter Yitzchak Shamir. «Intellektuelle müssen über die Leiter nachdenken, auf welcher sie zur Realität hinabsteigen...» - «Shimon Peres ist das geringste aller Übel. Sie müssen verstehen: Wenn man von einem Politiker sagt, er sei gar nicht so schlecht, ist das schon sehr positiv...».
«Mein Motto in den letzten Jahren war sozusagen: Nicht was ja, sondern was nicht. So ist das Ideal nicht länger Friede, sondern die Abwesenheit des Krieges.» Amichai versuchte auch, den idealen Premierminister zu skizzieren: «Er muss wie ein geriebener Bankier sein, hochbegabt und mit dem Charakter eines Fabrikdirektors, der das Beste für seine Arbeiter will, kein Verkäufer oder grosser Manipulator- doch das ist schrecklich. Aus dem bestehenden Inventar kann ich kein Gesicht zusammenbasteln, das auch nur im entferntesten Vertrauen einflösst.» Anstatt Yehuda Amichai in den gleichen von Superlativen durchsetzten Heiligenschein einzuhüllen, der alle grossen, toten Israelis umgibt, soll er mit all seiner Wärme in unserer Erinnerung weiterleben. Er war ein Mann, der sowohl mit seiner Arbeit als auch mit seinem täglichen Wirken echte Grösse ausstrahlte. Eine Grösse, die zunehmend rar geworden ist: mit anscheinender Simplizität auf das Offensichtliche weisen.

Haaretz





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