«Israel ist die Nummer eins»
Es sind eher die Industriellen als die Politiker, welche den Frieden vorantreiben können. Diese Meinung vertritt Moshe Nahum, Direktor der Abteilung für Aussenhandel und internationale Beziehungen des israelischen Unternehmerverbandes. Stimmt diese Annahme, dann hat Israel allen Grund, optimistisch zu sein, denn obwohl nur zu Ägypten und Jordanien volle diplomatische Beziehungen bestehen, unterhält der jüdische Staat Handelskontakte zu zwölf Araber-Staaten. «Dieses Phänomen konnten wir oft in anderen Teilen der Welt beobachten», sagt Nahum. «So waren beispielsweise die israelischen Handelsdelegationen, die in den 80er Jahren nach China reisten, Botschafter des guten Willens. Die diplomatischen Beziehungen folgten dann erst 1992.»
Die Zahlen allerdings sind nicht sonderlich ermutigend. Der Handel mit Marokko etwa erreichte letztes Jahr 8,3, jener mit Qatar 11,2 Mio. Dollar. Sogar mit den beiden Ländern, zu denen Israel volle Beziehungen unterhält - Ägypten und Jordanien - erreichte der Handel letztes Jahr nur gerade 74 bzw. 41 Mio. Dollar. Diese Zahlen sind verschwindend klein, wenn man sie mit dem gesamten israelischen Handel von rund 55 Mrd. Dollar im Jahr vergleicht.
«Der Zusammenhang zwischen Politik und Wirtschaft darf natürlich nicht ignoriert werden», betont Amir Hayek, Generaldirektor des israelischen Export-Instituts. «Diese beiden Faktoren lassen sich einfach nicht ganz trennen. Zwischen dem Friedensprozess und Fortschritten in den Handelsbeziehungen besteht eine direkte Beziehung. Alle meine Gesprächspartner aus der arabischen Welt wiederholen dies immer wieder.» Immerhin lasse sich, wie Hayek optimistisch hinzufügte, der Friedensprozess nicht mehr rückgängig machen. «Der Aufbau einer Handels-Infrastruktur nimmt aber einige Jahre in Anspruch, und wir müssen geduldig sein. Wenn das Telefon einmal für eine Weile nicht läutet, dürfen wir nicht sofort beleidigt sein. Die Erreichung eines vollen Friedens ist ein langwieriger Prozess.»
Wachstum durch Regierungswechsel
Der Regierungswechsel in Israel im Jahre 1999 und die damit verbundene positivere Atmosphäre im Hinblick auf den Friedensprozess führten im ersten Quartal 2000 zu einem Wachstum des Handels zwischen Israel und der arabischen Welt um 44%. Dabei verkauft Israel den Arabern hauptsächlich landwirtschaftliche Güter, wie Bewässerungssysteme und Düngemittel, während Israel von Ägypten Öl und von den Jordaniern Textilien erwirbt.
Hayek sieht aber die künftigen israelisch-arabischen Handelsbeziehungen mehr im Bereiche der Joint Ventures als im eigentlichen Handel. «Joint Ventures in so verschiedenen Gebieten wie High Tech und Konsumentengütern, bis hin zur Agrotechnologie und dem Umweltschutz», sagt er, «können helfen, ausländische Investitionen und Multi-nationale in die Region zu bringen. Wir können von den niedrigeren Lohnkosten in der arabischen Welt profitieren, die Technologie dort verbessern und gegenseitig riesige, neue Märkte erschliessen. Auch bei der Verwirklichung von Infrastruktur-Projekten können wir eng zusammenarbeiten.»
Ein Modell für eine solche Zusammenarbeit existiert schon. Die israelische Textilfirma Delta Galil Industries stellt unter Beweis, wie Israel und seine arabischen Nachbarn zum beidseitigen Vorteil kooperieren können. Von den total 8500 Personen, welche die in Tel Aviv domizilierte Firma in sechs Ländern beschäftigt, sind 3800 Jordanier und Ägypter. «Mit unseren Aktivitäten in Jordanien und Ägypten sind wir ausserordentlich zufrieden», betont Delta-Präsident Arnon Tiberg, «und wir expandieren unsere Tätigkeiten in diesen Ländern stetig.»
Wichtigster Geschäftspartner
Die in Ägypten produzierten Waren von Delta gehen direkt in den EU-Raum, während die jordanische Ware in die USA verkauft wird. Amerika hat ihr Freihandelsabkommen mit Israel auf Jordanien ausgeweitet, indem Güter, die in speziellen «Qualifying Industrial Zones» (QIZ) in Jordanien hergestellt werden, zoll- und quotenfrei importiert werden dürfen. So gelangen die Textilprodukte von Delta in die USA.
Washington legt, wie Deborah R. Schwartz, Konsul für Wirtschafts-fragen an der amerikanischen Botschaft in Tel Aviv erklärt, grössten Wert auf einen verstärkten Regionalhandel im Nahen Osten. «Wir sind überzeugt», sagt sie, «dass wirtschaftlicher Fortschritt für die ganze Region zu stärkerer politischer Stabilität führen wird. Wohlstand bringt Sicherheit. Die Unterhändler können lange am Tisch sitzen, doch so lange die Menschen nicht das Gefühl haben, selber vom Frieden zu profitieren, wird der Prozess sich nicht der nötigen Breitenunterstützung erfreuen.»Die USA haben in Jordanien vier QIZ-Zonen anerkannt, und im Rahmen der Osloer Abkommen mit den Palästinensern ist das Freihandelsabkommen zwischen Israel und den USA auch auf die palästinensische Autonomie ausgedehnt worden. Im Gegensatz zu den bisherigen Entwicklungen mit der arabischen Welt blüht der Handel zwischen Israel und den Palästinensern, der sich zurzeit auf 2,5 Mrd. Dollar pro Jahr beläuft.
«Israel ist unser wichtigster Wirtschafts- und Geschäftspartner», sagt Dr. Sa’id el-Kruntz, der palästinensische Industrieminister. «Israel ist die Nummer eins. Rund 85% unserer Ausfuhren gehen nach Israel, und 80% unserer Importe stammen aus Israel. Wir kennen einander gut und haben Vertrauen in den Partner.» Eine Reihe von Industriezonen an der Grenze zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomie werden zudem vom niedrigeren arabischen Lohnniveau, der israelischen Technologie und dem Zugang zu den Märkten profitieren. Dr. el-Kruntz unterstreicht aber, dass der Handel so lange sein volles Potenzial nicht wird nutzen können wie in der Region kein umfassender Friede herrscht, inkl. einer endgültigen Lösung mit den Palästinensern und einem Friedensabkommen zwischen Israel und Syrien.
Aber auch wenn es einmal soweit sein wird, werden Israels Unternehmer vielleicht gar nicht so begeistert sein. Israels wichtigste Absatzmärkte sind nämlich die entwickelten Länder Nordamerikas, Westeuropas und des Fernen Ostens. Wie Geschäftsleute überall in der industrialisierten Welt zögern auch Israels Geschäftsleute oft, Beziehungen in Entwicklungsländern aufzubauen, in denen die Korruption blüht, in denen die Infrastruktur nur mangelhaft entwickelt ist und in denen nicht immer freier Zugang zur lokalen Gerichtsbarkeit besteht.
Gabby Bar, amtierender Vize-Generaldirektor der Abteilung Nahost und Nordafrika in der Aussenhandelsabteilung von Israels Handels- und Industrieministerium, glaubt, dass der Barcelona-Prozess, den die Europäische Union (EU) in die Tat umsetzt, einige dieser Probleme lösen kann. «Gemäss dem Prozess», sagt er, «werden alle an das Mittelmeer angrenzenden arabischen Staaten bis zum Jahr 2010 mit der EU eine Zollfreizone bilden. Verbunden damit ist die Einführung der strikten EU-Normen und -Regulierungen.»
Die Araber-Staaten haben weltweit das niedrigste Niveau des internationalen Handels. Das ist teilweise auf die historische Isolierung Israels zurückzuführen, aber auch darauf, dass die meisten arabischen Wirtschaften einander sehr ähnlich sind. «Sie stellen alle die gleichen Güter her, vor allem im Textilbereich», bemerkt Bar. «Mit der israelischen Technologie kann diese Gleichtönigkeit diversifiziert werden. Israels Wirtschaft ergänzt die arabischen, und wir können mehr errichten als nur Textilfabriken. Derzeit gibt Israel viel Software-Arbeit an Indien und Zypern weiter, doch besteht in der Palästinensischen Autonomie, in Jordanien und Ägypten das Potenzial dafür, diese Arbeiten zu erledigen.» Letztlich wird, so meint Deborah Schwartz, der Privatsektor über Erfolg oder Misserfolg der israelisch-arabischen Handelsbeziehungen entscheiden. «Private Investoren», so betont sie, «werden nur kommen, wenn sie von einem potenziell hohen Return on Investment und einem relativ niederigen Risiko überzeugt sind.»
Friede als Vorteil nutzen
Die Privatwirtschaft ist tatsächlich interessiert. So hat sich ein texanischer Investor, der schon an der amerikanisch-mexikanischen Grenze einen Industriepark betreibt, mit der Idee, etwas Ähnliches an der israelisch-jordanischen Grenze zu errichten, an Deborah Schwartz gewandt. Sheldon Adelson, dem das Venetian Hotel in Las Vegas gehört, will ein gleiches Hotel an der Grenze zwischen Israel und Jordanien bauen, und «Desert Kingdom Peace Partners LLC», ein grosses amerikanisches Investitionskonsortium, will zwischen Eilat und Aqaba ein Ferienzentrum errichten. Das Projekt würde u.a. umfassen: Attraktionen und Unterhaltungszentren für die Familie, ein Forum für internationale Ausstellungen, Schönheitswettbewerbe, Kongresse, Messen und Unterhaltungsanlässe, ein schwimmendes Casino im Stile von Las Vegas, ein Golfplatz und 3000 Hotelzimmer am Land und zu Wasser. Zusätzlich planen Israel und Jordanien die Errichtung eines gemeinsamen Flughafens nördlich des Roten Meeres.
Ungeachtet der gegenwärtigen Stagnation glaubt Israels Handels- und Industrieminister Ran Cohen daran, dass es letztlich zu einem Durchbruch mit Syrien und Libanon kommen wird. «Ein Friede mit allen Ländern der Region würde», so unterstreicht er, «einen enormen Vorteil für uns alle bedeuten. Es würde eine Landverbindung nach Europa geben, und vom Transport- und Tourismus-Potenzial würden alle profitieren. Israelische Güter könnten per Zug oder Lastwagen nach Europa transportiert werden. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass sich das durchschnittliche syrische pro Kopf-Jahreseinkommen von 1000 Dollar innert zehn Jahren verdoppeln würde.» Cohen weist ferner darauf hin, dass Israels Tourismus-Potenzial mit derzeit weniger als 3 Millionen Besuchern pro Jahr bei weitem nicht voll genutzt wird. Für Carmi Gillon jedoch, Generaldirektor des Peres-Friedenszentrums und ehemaliger Chef des «Shabak»-Geheimdienstes, ist allseitiger Wirtschaftswachstum nicht die einzige Motivation für die arabische Welt. «Die Araber», erklärt er, «haben ihren Nationalstolz und sind sehr misstrauisch gegenüber dem israelischen Wirtschafts-Imperialismus. Trotzdem fördert der Handel die zwischenmenschlichen Kontakte, die nötig sind, um den Frieden zu stärken. Je höher der Lebensstandard in den arabischen Ländern ist, umso weniger Leute sehnen sich nach einem Krieg.»


