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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Iran / Hintergrund - Spannung beherrscht das jüdische Leben nicht erst heute

von Julia Goldmann, October 9, 2008
Der Perserkönig Kyros eroberte Babylonien im Jahre 538 v.Chr., befreite die Juden aus der Gefangenschaft und stellte die Mittel für den Wiederaufbau des Tempels zu Jerusalem zur Verfügung. Das zeitgenössische Persien - Iran - zählt heute zu den am heftigsten antizionistischen Ländern, aus denen sogar ein Telefonanruf nach Israel unmöglich ist. Wenn also 13 Juden verhaftet und der Spionage für Israel und die USA bezichtigt werden, kann man zweifelsohne von einer düsteren Situation sprechen.

Gemäss Angaben der Anti-Diffamationsliga (ADL) des Bnai Brith sind seit der Islamischen Revolution von 1979 in Iran mindestens 17 Juden, inkl. Gemeindeführer, hingerichtet worden. Viele von ihnen waren der Spionage zugunsten Israels oder der USA angeklagt worden. Das grösste Aufsehen erregte laut ADL die 1979 erfolgte Exekution von Habib Alqanayan, einer der Spitzen der jüdischen Gemeinde.

Israel und die USA haben öffentlich den Wahrheitsgehalt der Beschuldigungen gegen die 13 Juden, unter ihnen ein Rabbiner, religiöse Persönlichkeiten und Gemeindeaktivisten, in Abrede gestellt. Während iranische Juden und ihre im Ausland lebenden Familienangehörigen nur sehr zurückhaltend Auskunft erteilen über das tägliche Leben in Iran, sind dennoch einige Informationen über die Gemeinde erhältlich.Die jüdische Gemeinde Irans - ihre Spuren reichen 2500 Jahre zurück - ist mit einer Bevölkerung von schätzungsweise 25 000 bis 35 000 Seelen heute die grösste Diaspora-Gemeinde im Nahen Osten. Die israelische Zeitung «Haaretz» sprach kürzlich unter Berufung auf iranische Quellen von 27 000 Juden. Vor der Islamischen Revolution lebten in Iran rund 100 000 Juden, doch mit wachsendem Antizionismus und Antikapitalismus unter dem islamischen Regime zogen die meisten von ihnen es vor, in die USA und nach Israel auszuwandern.

Die Juden gelten in Iran, einem von der Sharia, dem islamischen Gesetz geleiteten Staat, als «tolerierte Minderheit». Diesen Schutz erhielten sie in der Form einer «Fatwa», einem religiösen Beschluss, den der Ayatollah Khomeini 1979 bei seiner Rückkehr aus dem französischen Exil erlassen hatte.

Gleich den anderen Minoritäten im Lande - Christen und Zoroasten - haben auch die Juden einen eigenen Vertreter im iranischen Parlament. Gemäss Presseberichten gab es 1997 alleine in Teheran 11 funktionierende Synagogen, zwei Koscher-Restaurants, ein jüdisches Krankenhaus, ein Altersheim und einen jüdischen Friedhof. Juden ist es gestattet, sich in den Synagogen zu versammeln und zu beten, und seit der Revolution sind die Gotteshäuser für viele iranische Juden auch zum gesellschaftlichen Treffpunkt geworden. Im Gegensatz zu den Moslems, denen der Alkoholkonsum strikte untersagt ist, dürfen Juden privat Wein trinken, doch müssen jüdische Frauen in der Öffentlichkeit die Haare gemäss dem islamischen Bekleidungskodex bedecken. Jüdischen Händlern ist es erlaubt, ihre Geschäfte am Schabbat zu schliessen, doch wird die Weigerung einiger Juden, ihre Läden am Schabbat offenzuhalten, inoffiziell als einer der Gründe für die kürzlichen Verhaftungen genannt. Die jüdisch-religiöse Erziehung liegt in der Hand von jüdischen Lehrern, doch die Schulen werden vom moslemischen Staat geführt. Hebräisch wird nur privat unterrichtet; im Volk ist es gemeinhin mit Israel assoziiert und gilt daher als «Zionismus».

Die meisten iranischen Juden leben in der Hauptstadt Teheran. Einige tausend wohnen in den regionalen Zentren Isfahan und Shiraz, wo die jüngsten Verhaftungen durchgeführt wurden. Shiraz gilt im Vergleich zu Teheran als traditioneller, und sowohl Juden als auch Moslems tendieren dort zum religiösen Konservatismus hin.

Obwohl die Juden in Iran einen offiziellen Status geniessen, bezeugen heute in den USA lebende Juden iranischen Ursprungs, dass in ihrem Herkunftsland «virulenter» Antisemitismus herrsche, der u.a. in der Benachteiligung bei der Suche nach Arbeitsplätzen und in der Zerstörung von persönlichem Besitz zum Ausdruck gelangt. Ein Mann, der 1982 aus seiner Geburtsstadt Teheran in die USA auswanderte, meinte: «Jeder lebte ruhig für sich selber.» Allgemein galt die Philosophie: «Du hast sie in Ruhe gelassen; sie haben dich in Ruhe gelassen.» Aus Angst vor Zwischenfällen wie die jüngste Verhaftungswelle würden Juden in Iran nach Ansicht des Mannes versuchen, den Kontakt mit den moslemischen Nachbarn «auf ein Minimum zu reduzieren». Eine in New York lebende Jüdin iranischer Herkunft, fügt hinzu: «In Iran werden die Juden mit der Frage konfrontiert: Gehört Ihre Loyalität Israel oder Iran?» Oft würden Iraner Juden mit dieser Frage auf die Probe stellen. Offizielle Aktionen gegen Juden, die der Kontakte zu den Zionisten verdächtigt werden, können drastische Formen annehmen.

Nach Angaben der Organisation «Human Rights Watch» richtete Iran 1998 einen 60jährigen Geschäftsmann hin, der der Spionage zugunsten Israels bezichtigt worden war. 1997 wurden, wie Amnesty International berichtet, zwei Leute wegen angeblicher Spionagetätigkeit gehängt, und 1996 sagte unter dem Schutze der Anonymität ein iranischer Jude in den USA aus, unter dem Verdacht der Spionage für Israel über zwei Jahre im Gefängnis gesessen zu haben. Dann sei er plötzlich und ohne Angabe von Gründen freigelassen worden. Er habe in Teheran allerdings unter ständiger Bewachung gestanden und wurde letztlich aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Der Mann bezeichnete seinen Fall als «extrem», doch würde die «ständige Angst» dokumentieren, unter welcher die iranischen Juden leben müssten.

Die Spannung, die das jüdische Leben in Iran beherrscht, gelangt auch in den jüngsten Bemerkungen Manoucher Eliasis, des jüdischen Parlamentsabgeordneten, zum Ausdruck. Der Mann soll «echte Gerechtigkeit» für die Verdächtigten gefordert haben. «Es ist nicht das erstemal», fügte Eliasi hinzu, «dass Juden in Iran unter dem Verdacht der Spionage für das zionistische Regime verhaftet worden sind. Wir hoffen, dass dies nicht wahr ist und dass sie freigesprochen werden.» Die Juden hätten, so unterstrich der Abgeordnete in einem Interview, keine Verbindungen oder Kontakte zur israelischen Regierung, da «wir zwischen Judentum und Zionismus unterscheiden». jta

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Die Namen der 13 Verhafteten

Javeed Beit Yakov (40), verhaftet in Shiraz ; Navid Bala Zadeh (16), verhaftet in Isfahan ; Nejat Broukhim (35), Religionslehrer, verhaftet in Isfahan ; Ramin Farzan (35); Nasser Levihaim (45), Gemeindeführer, verhaftet in Isfahan ; Faramarz Kashi (34), und dessen Bruder Farzad Kashi (30), verhaftet in Shiraz ; Ramin Nemati (22); Shahrokh Paknahad (29), Religionslehrer, verhaftet in Isfahan ; Farhad Saleh (30), verhaftet in Isfahan ; Dani Tefillin (28), und dessen Bruder Omid Tefillin (25), verhaftet in Shiraz ; Asher Zadmehr (48), verhaftet in Isfahan. Jt


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