In Israel wird munter weiter gegessen
Lamm und Rind sind auch heute noch die bevorzugten Fleischsorten in Israels Schnell-Imbissecken, in Restaurants, für den Tscholent am Schabbat oder die Barbeque-Party. Die Maul- und Klauenseuche in Europa, welche den Konsum von Rindfleisch in Deutschland etwa um 80% hat sinken lassen, geht bisher am jüdischen Staat spurlos vorüber. Vielleicht ergreift die Tourismus-Industrie die Chance beim Schopf und offeriert fleischhungrigen Briten und Europäern eine «karnivorische Reise» ins Land von Milch und Honig!
Die Krankheit ist extrem ansteckend, für Menschen allerdings ungefährlich. Der Virus wird durch Menschen, Fahrzeuge, Kleider, Wasser, Stroh, Vögel und sogar durch die Luft transportiert. Erschwerend für Bauern und Konsumenten kommt hinzu, dass Europas Kühe sich noch nicht ganz von den Schrecken des Rinderwahnsinns erholt haben und sich bereits mit einer andere Seuche herumschlagen müssen.
Warum herrscht denn in Israel keine Panik? Die Seuche ist inzwischen schon in der Türkei und in Saudi-Arabien aufgetreten, zwei Länder, die bedeutend näher zu Israel liegen als das «ferne» Europa. «Israel», sagt Dr. Oded Nir, Direktor für Veterinärdienste und Tiergesundheit am Landwirtschaftsministerium unterstehenden Volcani-Institut, «investiert jedes Jahr rund eine Million Dollar in die Impfung von Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen gegen die drei verschiedenen Varianten der Maul- und Klauenseuche. Die Bevölkerung ist immun». Europa hat, wie Nir erklärt, in der Regel aufgehört, seine Herden zu impfen, da in den letzten 20 Jahren in England kein Fall von Maul- und Klauenseuche mehr gemeldet worden ist.
Israel exportiert kein Rindfleisch, verkauft aber Milchprodukte in die USA und nach Europa. «Gibt es Probleme im Umkreis von 25 Kilometern einer Fabrik für Milchprodukte», sagt Nir, «dann stellen wir die Exporte von dort ein und die Tiere werden für 10 Tage isoliert. Ein Fall von Maul- und Klauenseuche in Israel (der letzte liegt 18 Monate zurück) wird schon ein Ausbruch genannt.»
Das zum Volcani-Institut gehörende Kimron-Veterinar-Institut gilt als führendes Forschungsinstitut auf dem Gebiet der Veterinär-Wissenschaft. «So viel ich weiss», sagt Nir, «haben wir in den 40 Jahren, in denen ich hier arbeite, keinen einzigen Fall von Rinderwahnsinn in Israel gehabt. Lebendes Vieh wird seit 1974 nicht mehr aus Grossbritannien eingeführt. Rind wird seit 1986 nicht mehr aus Grossbritannien importiert, und seit 1989 gibt es ein offizielles Verbot.» Der Import von Lebendvieh (Rind und Schaf) sowie von Rindfleisch ist in Israel strikt geregelt. So kauft Israel Fleisch nur in Ländern, in denen der Rinderwahnsinn nicht vorgekommen ist, und wendet zudem eine strenge Alterslimite für geschächtete Tiere an: 30 Monate für Vieh aus nicht-europäischen Staaten, und 24 Monate für Europa. Ältere Kühe sind anfälliger für den Rinderwahnsinn, der bekanntlich eine fünfjährige Inkubationszeit hat. Fleisch von Kälbern, die ausschliesslich mit Milchprodukten gefüttert und im Alter von sechs Monaten geschlachtet worden sind, darf importiert werden. Seit dem 1. Januar dieses Jahres hat Israel die Einfuhr von lebenden Färsen stark eingeschränkt und kauft in Europa keine dieser Tiere mehr. Zu den wichtigsten Quellen für Rinder und Schafe zu Schlachtzwecken zählt seit Jahren Australien, während Gefrierfleisch aus Südamerika kommt. (Argentinisches Fleisch wird wegen des Auftretens der Maul- und Klauenseuche in diesem Land zurzeit allerdings auch nicht importiert.)
Israel unternimmt auch alles in seiner Macht stehende, um seine Bauernhöfe vor einer anderen potenziellen Gefährdung zu schützen: Vor angestecktem Futtermehl für Rinder und Schafe. Grossbritannien gilt als die riskanteste Quelle für verseuchtes Mehl, soll dort doch gemahlenes Protein von Schafen, Ziegen und Kühen wieder verwendet werden, was in Israel laut Gesetz verboten ist. Seit Juli 1990 ist in Israel der Import von Futtermehl aus Säugetier-Bestandteilen ausnahmslos verboten, und seit 1996 ist die Produktion dieses Futters, auch wenn es aus israelischen Materialien hergestellt wird, ebenso strikt untersagt wie das Füttern des Viehs damit. Die lokale Industrie benutzt Futtermehl, das sich aus Stroh, konzentriertem Gemüse-Protein sowie Fisch- und Geflügelmehl zusammensetzt, Bestandteile, die als gute Protein-Quellen gelten. Die palästinensische Behörde hat keine moderne Industrie für Milchprodukte. Der Import von Futtermehl und Vieh in die autonomen Gebiete wird durch Israel reguliert. «Das klinische Überwachungs- und Rapportsystem der israelischen Vieh-Industrie», meint Dr. Nir, «gehört wahrscheinlich zu den besten der Welt, denn es untersteht einer einzigen Organisation. Die Industrie ist sehr erpicht auf ihren guten Ruf, weshalb siealles unternimmt, um Seuchen zu vermeiden.»


