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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

In die Sprache entschwunden

von Dr. Hermann Zingg, October 9, 2008
Paul Antschel mit dem Dichternamen Paul Celan wurde am 23. November 1920 in Czernowitz in der Bukowina geboren&#059; er starb vermutlich am 20. April 1970, an Hitlers Geburtstag, den Freitod in Paris: Alles, was Celan dichterisch geschrieben hat, trägt nämlich seinen «20. Jänner» eingebrannt. Am 20. Januar 1942 beschlossen die Nazis auf der so genannten Wannsee-Konferenz in Berlin die planmässige Ausrottung der Juden. Im September des selben Jahres wurde sein Vater, am Jahresende seine Mutter im Lager Michailowka östlich des Bug von SS-Leuten durch Genickschuss umgebracht.
Paul Celan: «Herkunftsloser Steppenwolf zumeist, mit weithin erkennbaren jüdischen Zügen.» - Foto KY

Auf den «20. Jänner» nimmt Celan in seiner Büchnerpreis-Dankesrede vom 22. Oktober 1960 Bezug. Jenes ist auch das Datum, an dem Georg Büchner seinen Dichter Lenz - den Zwillingsbruder Celans - «durchs Gebirg» gehen lässt. Zeit seines ganzen Lebens bezieht sich Celan auf diese Verdoppelung des «20. Jänner». Grosse Teile nicht bloss seiner frühen Lyrik stellen ein kontinuierliches dichterisches Gespräch mit seinen ermordeten Eltern, insbesondere mit seiner Mutter dar. Aus dieser Perspektive ist die Lyrik Celans in ihrem Ursprung Erlebnisdichtung existenzieller Art, und nur in dieser Beziehung ist das Hermetische, das man ihr nachsagt, nach Massen aufzuschlüsseln. Denn der «20. Jänner» ist für den Dichter die ständig glühende Chiffer für Schuld und Sühne persönlichster Unbedingtheit: Der kaum Zwölfjährige versteckte sich nämlich in Czernowitz, als seine Eltern in einem Deportationsschub vom Juni 1942 ins Vernichtungslager wegtransportiert wurden. Von ihrer Ermordung vernahm er später durch seinen Freund und Mitpoeten Weissglas, der seine Eltern ins Lager nach Transnistrien begleitet hatte. Dies verstärkte Celans Selbstvorwürfe, am Tod seiner Eltern mitschuldig zu sein. Von diesem inneren Wissen strahlt die «Todesfuge» von 1945, die den Dichter mit einem Schlag berühmt machte, durch den Rhythmus brennender Inständigkeit viel aus. Sie ist mit dem Herzblut seiner existenziellen Schuld geschrieben. Folgendes Gedicht aus der «Atemwende» von 1967 spielt darauf an:

Zwanzig für immer
verflüchtigte Schlüsselburg-Blumen
in einer schwimmenden linken
Faust

In die Fisch-
schuppe geätzt:
die Linien der Hand,
der sie entwuchsen.

Himmels- und Erd-
säure flossen zusammen.
Die Zeit-
rechnung ging auf, ohne Rest. Es kreuzen
- dir, schnelle Schwermut, zulieb -
Schuppe und Faust.

Die Zeitrechnung schliesst sich vom jugendlichen Schuldigwerden zum Ende, dem Freitod in der Seine, an seines Erzwidersachers Geburtstag.Er wuchs als einziges Kind jüdischer Eltern im «Buchenland» auf, das bis 1918 Bestandteil der Habsburger-Monarchie war, seither aber zu Rumänien gehört. Die gemeinsame Sprache der Gebildeten war hier das Deutsche; für Celan belieb es wie für andere bedeutende Dichter der Bukowina - wenn auch nicht unproblematisch - lebenslänglich Sprache der Poesie.
Nach dem Abitur im Juni 1938 ging Celan nach Tours in Frankreich, um Medizin zu studieren. Dort kam er am 10. November, am Tag nach der «Kristallnacht», an. Der Aufenthalt in Frankreich brachte dem Dichter vor allem die Begegnung mit der Poetik und der Poesie des französischen Surrealismus, wovon auch seine spätere Übersetzungsarbeit zeugt. Gleichzeitig blieb diese Strömung wie die erwähnte existenzielle Schuld ein Grundquell der eigenen Dichtung.
Nach dem Kriegsausbruch im September 1939 musste Celan nach Czernowitz zurückkehren. Hier studierte er nun Romanistik. Zudem leistete er in seiner Heimatstadt Zwangsarbeit, ab Juli 1942 bei einem rumänischen Strassenbau-Bataillon. Im Herbst 1944 - er hatte seit Anfang des Jahres als Arzthelfer in einer Czernowitzer Klinik gearbeitet - nahm er das Studium - jetzt das der Anglistik - wieder auf. Im April 1945 verliess er das von der Sowjetunion annektierte Czernowitz und ging als Übersetzer und Lektor nach Bukarest. Hier änderte es seinen Familiennamen Ancel anagrammatisch zu Celan.

Traumatische Unauslösbarkeit

Im Dezember 1947 überschritt Celan die russisch-ungarische Grenze und gelangte nach Wien, wo 1948 sein erster Gedichtband «Der Sand aus den Urnen» erschien, den er jedoch wegen zahlreicher Druckfehler gleich wieder zurückzog.
Im Juli 1948 beendete er seine - in einem Brief so genannte - «postkakanische Existenz». Er ging nach Paris, wo er sein Studium der Germanistik und der Sprachwissenschaft fortsetzte und 1950 abschloss. 1952 heiratete er die Graphikerin Gisèle Lestrange, 1953 wurde Sohn Eric geboren. Seit 1959 war Celan Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Ecole Normale Supérieure in der Rue d’Ulm. Diese Jahre waren verdüstert vom unseligen Plagiat-Streit, den die Witwe Ivan Golls, seines Freundes, unmittelbar nach dessen Tod mit groben und haltlosen Diffamierungen eröffnete und bis über Celans Tod hinaus weiterführte. Der Diffamierte litt schwer darunter. Seine Briefe - an Nelly Sachs beispielsweise - bezeugen es. Zweiundzwanzig Jahre blieb er kontinuierlich in Paris und hatte hier Beruf und Familie. Brachte dies dem Dichter eine neue Heimat und Identität? Der Zwiespalt zwischen seiner bukowinisch-deutschen Sprach- und Kulturherkunft und seinem Jüdischsein, einer Existenz, die vor allem im Band «Die Niemandsrose» zum Ausdruck gelangt, blieb in traumatischer Unauflösbarkeit bestimmend. Celan sah sich «als Person, also als Subjekt aufgehoben, - zum Objekt pervertiert - als herkunftslosen Steppenwolf zumeist, mit weithin erkennbaren jüdischen Zügen, als den, den es nicht gibt», wie er in einem Brief an Margul-Sperber sagt.
Und dennoch war für ihn die Pariser Isolation die einzige Möglichkeit, aus seinen ständig gegenwärtigen traumatischen Erfahrungen der Vierzigerjahre, eben aus seinem «20. Jänner», ein notwendiges, ein seiner Wahrseinssituation angemessenes poetisches Werk zu schaffen. Davon spricht Celan in seiner Büchnerpreis-Dankesrede von 1960, nachdem er bereits 1958 den Bremer Literaturpreis entgegengenommen hatte.In den Jahren des bewusst gewählten Pariser Exils entstand eine Dichtung des kindheitserinnernden Gedächtnisses in der Brechung der jeweiligen Gegenwärtigkeit existenzieller Grenzsituationen, so 1952 «Mohn und Gedächtnis», 1955 von «Schwelle zu Schwelle», 1959 «Sprachgitter», 1963 «Die Niemandsrose» und 1967 «Atemwende». Dies sind grosse Gedächtniszyklen für die Opfer der Geschichte in den Lagern, während der Revolutionen, in den Exilen.
Zugleich wurde ihm aber sein poetisches Konzept immer fragwürdiger. Denn nicht nur ging es darum, ob der «deutsche der schmerzliche Reim» (1944: «Nähe der Gräber»), ob die «eisige Mutter-Sprache», die «Mörder-Sprache» den Greueln der Zeit angemessen sei, vielmehr ging es ihm jetzt um die sprachliche Sagbarkeit des Erfahrenen schlechthin. Deshalb rückt vom Band «Sprachgitter» an die Sprache mit ihrem Eigenleben ins Zentrum von Celans Lyrik. Die Skepsis gegenüber den «Wortkadavern», dem «Metapherngestöber», dem Raum der pragmatisch-instrumentellen Sprachverwendung überhaupt, den «tausend Finsternissen todbringender Rede» drängte sich ihm so unabweisbar auf, dass er 1967 schliesslich sagt: «Das Namengeben hat ein Ende.»

Die verborgene Sprache

Das heisst: In den späteren Lyrikbänden - ein Verstummen vor dem Tod gab es bei Celan nicht - tritt an die Stelle des direkt abbildenden, «wirklichkeitsmächtigen» Sprechens, ein indirektes, nicht eindeutiges, stockendes, gar ein stotterndes Sprechen, wo Zitate dominieren, Objekt- und Metasprache sich durchdringen, Sprachzeichen aus heterogensten Bereichen in wachsender Reduktion und Komplexität sich miteinander verknüpfen. Solches ereignet sich in «Fadensonnen» (1968), «Lichtzwang» (1970), «Schneepart» (1971) und «Zeitgehöft» (1976, aus dem Nachlass).
Das bedeutet: Celan zog sich in seiner Poesie immer mehr aus dem Raum gesellschaftlicher Sphären in menschenleere Räume zurück, um «Lieder -… jenseits der Menschen» zu singen. Dahinter verbarg sich die Intention zum «absoluten Gedicht», das doch menschliches Engegament nie aufgeben konnte. Deshalb musste das absolute Gedicht im Fall Celans dem absoluten Exil entsprechen: Als im Herbst 1969 sein Besuch in Israel seinem Weg keine Wende mehr zu geben vermochte, wählte der bedeutendste Avantgarde-Lyriker deutscher Sprache den Weg ins Jenseits-Exil.
Indessen wächst sein Ruhm wie auch die Auseinandersetzung um die angemessene Interpretation. Beidem dient die in Gang gekommene historisch-kritische Gesamtausgabe.
Diese wird auch die Übertragungen Celans aus sieben Sprachen mit den zugrundeliegenden Originaltexten enthalten, wobei die Beziehungen zwischen den einzelnen Werkkomplexen, zwischen der eigenen Lyrik und den Übersetzungen weitgehend noch zu entdecken sein werden.Heideggers Rätsel
Natürlich dominieren quantitativ die Übertragungen französischer Autoren ins Deutsche, Werke von Apollinaire, Artaud, Baudelaire, Breton, Char, Eluard, Mallarmé, Michaux, Nerval, Picasso, Rimbaud, Supervielle, Valéry und anderen. Aus dem Russischen übersetzte Celan Alexander Block, Ossip Mandelstamm, Sergej Jessenin, Jewgeni Jewtuschenko und andere, aus dem Englischen Shakespeare, Marianne Moore, Emily Dickinson und andere, aus dem Italienischen Giuseppe Ungaretti, aus dem Rumänischen Gellu Naum und andere, aus dem Portugiesischen Fernando Pessoa und aus dem Hebräischen David Rokeah.
Alle diese Übertragungen stellen parallel zur eigenen Lyrik den Versuch dar, in der menschlichen Sprache dichterisch beheimatet zu bleiben und damit existenziell zu verwirklichen, was Hölderlin meinte, als er sagte:

« dichterisch wohnet der Mensch »

Celan angemessen ist Heideggers Interpretation dieses Satzes. Gewiss kannte der Dichter den entsprechenden Vortrag des Philosophen aus dem Jahr 1951: «Ereignet sich das Dichterische, dann wohnet der Mensch menschlich auf dieser Erde.» Was Heidegger philosophisch denkt, dichtet Celan in seiner dichterischen Existenz, die in der Schuld seiner Kindheit wurzelt. In der Kindheit wurzeln dichterisches und philosophisches Denken gemeinsam. Die Schuld hat bei beiden der selbe Unmensch inszeniert. Aus der unterschiedlichen Haltung zum Unmenschen geht wohl die existenzielle Differenz zwischen Celan und Heidegger hervor, deren Annäherungsversuche deshalb scheitern mussten.
Für Celan blieb aus der eigensten Schuldverwurzelung heraus die tragische Einsamkeit seines Seinsgeschicks, wie er sie am Ende der Meridian-Rede zum Büchnerpreis darstellt:

«Stimmen vom Nesselweg her:
Komm auf den Händen zu uns.
Wer mit der Lampe allein ist,
hat nur die Hand, draus zu lesen.»

Wer mit der Lampe allein ist, liest aus dem Dichtstrom der «Todesfuge» wie aus dem ganzen Werk Celans das schwarze Licht des «20. Jänner» als ungeheure Chiffer für den schuldverwurzelten Menschen überhaupt.

Der Autor ist Gymnasiallehrer, Philosoph und Schriftsteller.

*****

Celans «Gespräch im Gebirge» als Film

Am Sonntag, den 26. November, präsentiert «Omanut» zum Gedenken an den achtzigsten Geburtstag von Paul Celan die Avant-Premiere des Filmes «Gespräche im Gebirge» von Mattias Caduff nach der gleichnamigen Erzählung von Paul Celan. Der Film, welcher soeben den «Dokumentarfilmpreis der Stadt Zürich» erhalten hat, dokumentiert eine aussergewöhnliche Lektüre in einer Mischung aus dokumentarischem und fiktionalem Material. Anschliessend an die Aufführung findet eine Diskussion mit dem Regisseur Mattias Caduff, mit Alexander J. Seiler (Filmemacher und Germanist) und Bernhard Böschenstein (Professor für Literaturwissenschaft, Genf) unter der Gesprächsleitung von Ann Berger, Redaktorin «Kulturzeit»- 3SAT, statt. Der Anlass beginnt um 11 Uhr im Filmpodium der Stadt Zürich, Nüschelerstrasse 11, 8001 Zürich.


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