Im Norden herrscht der Notstand
Als Reaktion auf den Tod eines 19-jährigen israelischen Soldaten, der am Dienstag in der «Sicherheitszone» von einer Anti-Tankrakete der Hizbollah (in kras-ser Verletzung geltender «Spielregeln» mitten aus einem Dorf abgefeuert) getroffen wurde, und von einem Angehörigen der «Südlibanesischen Armee» (SLA) attackierte die israelische Luftwaffe in der Nacht zum Mittwoch eine Radarbasis der Hizobllah in der Hafenstadt Tyrus sowie zwei Quartiere der Miliz in einem Dorf südlich von Baalbek in der syrisch kontrollierten Bekaa-Ebene. Das schwierigste Unternehmen war dabei der Angriff auf die Radarbasis im elften Stockwerk eines Hauses in Tyrus. Diese Hauptstadt Südlibanons beherbergt zahlreiche Einrichtungen der Hizbollah- und der Amal-Miliz. Der Angriff in Tyrus war besonders kompliziert, fand er doch mitten in einem von Zivilisten bevölkerten Gebiet statt. Die Piloten berichteten von genauen Treffern.
Bei den Attacken in der Bekaa-Ebene hatte die Luftwaffe von den Politikern die Auflage erhalten, keine syrischen Ziele in der Region zu treffen. Obwohl Israel ganz offensichtlich seine militärische Tätigkeit in Libanon ausweitet, scheint Ehud Barak alles daran zu setzen, die Türen zum Friedensprozess mit Syrien nicht ganz zuzuschlagen. Das grüne Licht für die Angriffe von Dienstag Nacht gab Barak erst nach einer telefonischen Konsultation mit Kabinettsmitgliedern. Dieses Vorgehen war nötig geworden, nachdem die Hizbollah im Anschluss an die israelischen Angriffe vom Montag nicht, wie erwartet, Katyusha-Raketen auf Galiläa abgefeuert hatte, was Barak freie Hand bei seinen Vergeltungsschlägen gegeben hätte. Trotz des vorläufigen Ausbleibens der Katyusha-Raketen verordnete Barak den Notstand für die Grenzregion. Damit wurden die Empfehlungen der Armee an die Bevölkerung, sich in die Unterstände zu begeben, zu Befehlen. Zusätzlich dazu verfügt das Ministerium für Arbeit und soziale Wohlfahrt nun über die Kompetenz, die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln und Dienstleistungen zu sichern, u.a. indem Arbeiter lebenswichtiger Betriebe trotz der Situation verpflichtet werden können, an ihren Arbeitsplätzen zu erscheinen. Der Notstand fordert von der Wirtschaft des Nordens einen hohen finanziellen Zoll. Die rund 3500 kommerziellen Produktions- und Dienstleistungsbetriebe im Norden (inkl. Hotels, Restautrants und Pensionen) verlieren pro Tag rund 10 Millionen Shekel (etwa 4 Mio. Franken). Für die Industriebetriebe ist die Situation besonders gravierend, folgt der Notstand doch unmittelbar auf einen langen Streik der Hafenarbeiter.
Inzwischen haben im Auftrage des Erziehungsministeriums Lehrer, Psychologen und Freiwillige begonnen, Unterstände im Norden zu besuchen, vor allem um die Kinder beschäftigt zu halten und ihnen zu helfen, mit der Situation fertig zu werden. Rund die Hälfte der Bevölkerung von Kiryat Shmonah hat sich inzwischen in den Süden des Landes abgesetzt.
Haaretz
(vgl. frühere Artikel über die Situation an der israelisch-libanesischen Grenze auf den Seiten 3)


