Im Jenseits brechen die Brände aus
Als das jüdische Pferd auftaucht, hält der Boss, der normalerweise für Brandstiftung, Beseitigung und totale Vernichtung zuständig ist, nun aber in seinem Büro diskret das Verpacken von Kunstwerken überwacht, das erst gar nicht für möglich. Und in der Tat: In seiner Welt war es nicht vorgesehen, dass solche Pferde zurückkehrten. «Das ist ein Zugpferd», sagte Jan. - «Ein Ackergaul, nun ja...», erwiderte der Boss. «Ist das noch möglich in der heutigen Zeit?!» - «Das ist ein jüdisches Pferd», sagte Jan. - «Sie sind wohl verrückt geworden!» entgegnete der Boss. - «Es kommt von weit her», sagte Jan. Und es kam wirklich von sehr weit her: Es kam aus der Vergangenheit.
Es gibt viele Geschichten, die man aus Szczypiorskis letztem Buch «Feuerspiele» herauslesen könnte. Da wäre zunächst jene von der Erinnerung, die auftaucht, sich ausbreitet, das persönliche Gedächtnis überschreitet und mit versengender Macht in die Gegenwart einbricht. Eine andere spräche vom Krieg in Polen, wieder eine andere vom Weiblichen in einer männlich bestimmten und lieblosen Welt, eine erzählte, was mit dem prometheischen Feuer in der Menschen Händen geschieht, und eine weitere von der überpersönlichen Rache am Tod eines Juden in Auschwitz. Es könnte auch von einem Versicherungsbetrug berichtet werden, bei dem wertvolle Kunstsammlungen in Feuer aufgehen, sowie von manchem mehr. Alle Geschichten sind ineinander verwoben. Sie münden in die Gegenwart, in der «der heilige und unblutige Krieg des freien Marktes», moralisch zwar zweifelhaft, «doch hundertmal besser als echte Kriege», herrscht. So heisst es zu Beginn des Buches. Doch an seinem Ende kann man das «Echte» vom «Unechten» nicht mehr trennen. Im Vorbeigehen bringt Szczypiorski eine beissende Kritik an den gegenwärtigen Zuständen an, indem er die Vorgeschichten dieser gesättigten Gesellschaft beleuchtet, in der ungestört alte Nazis und stalinistische Schergen weiterwirken.
Die Geschichte von Jan, dessen Frau gestorben ist und der nicht mehr weiterleben will, umspannt die anderen Geschichten. Ihm drängen sie sich auf, und es ist schwierig zu entscheiden, wer der aktivere ist bei dieser Begegnung: Jan - ein Alter ego des Autors -, oder die Geschichten mit all ihrer lange unterdrückten Dringlichkeit. Sie bringen Jan wieder ins Leben zurück. Oder in den Tod: das hängt von der Leserin ab. Denn dieses Buch - vielleicht Szczypiorskis bestes - wühlt auf, erlaubt dem Leser nicht, es passiv zur Kenntnis zu nehmen. Ohne sein eigenes Eingreifen, Verknüpfen, Interpretieren kommt das Buch zu keinem Ende. Was man zum Beispiel auf den letzten Seiten vom Brand denken soll, der Bad Kranach erfasst hat, wo sich Kunstsammler aus aller Welt eingefunden haben (aber eben nicht nur sie), wird nicht eindeutig vorgegeben; je nachdem, wie man liest, ergeben sich unterschiedliche Deutungen. Man kann dieses Buch dreimal hintereinander lesen und dringt dabei immer tiefer in die Verflechtung ein, die zuerst Realität und Erinnerung zu verknüpfen scheint. Man lässt sich ins Gedächtnis ein und in Wunschwelten, entstanden aus einer übermächtigen Vergangenheit - und bleibt schliesslich alleine mit dem Geheimnis im dunklen Raum zurück, in den Jan in den ersten Zeilen hochgestiegen war. Hier fordert eine Stimme, der Erinnerung nicht mehr auszuweichen, einzugreifen in die Dunkelheit des Vergessens und ans Licht zu bringen, in die Hitze der Brände, die «vielleicht schon im Jenseits» ausgebrochen sind. Andrzej Szczypiorski baut in «Feuerspiele» die illusorische Verlässlichkeit einer ausserliterarischen Welt ab: Das deutsche Bad Kranach wird zur Chiffre. Das Missverständnis, Geschichtenbücher seien Geschichtsbücher, wird nicht genährt. Szczypiorski schlägt damit auch alles Reden davon in den Wind, er mache «den Deutschen» «die Vergangenheitsbewältigung» «zu einfach.» Zwar ist vieles wiederzuerkennen - Warschau, das Ghetto, Auschwitz -, doch flicht der Autor diese Stoffe in eine Meditation über das Wesen der Erinnerung ein.
Wo sind die Toten? Vielleicht könnte man sagen, dass er in seinem «Spiel mit dem Feuer» vor allem dieser Frage nachgespürt hat. Der Frage, wie weit die Realität reicht, und woher das jüdische Pferd zurückkam. Denn es gibt sie alle nicht mehr: Grynszpan vom Judenrat, die jüdischen und die polnischen Möbelpacker, die Nazis und die Ehefrauen, und doch sind sie da. Im Gedächtnis. Und mit ihnen ihre Welt. Wer sie im Gedächtnis hat, der kann ihre Welt entfalten. Zwar nicht lückenlos, doch ist man mit dem Gedächtnis ja auch nicht allein. Andrzej Szczypiorski öffnet es in seinen Büchern wie einen Reliquienschrein.
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Andrzej Szczypiorski
Andrzej Szczypiorski ist am 16. Mai dieses Jahres 72-jährig in Warschau gestorben. In der Schweiz kannten ihn seine Leser nicht nur durch seine Bücher, sondern auch als Kolumnisten der «Weltwoche», wo er zu aktuellen Themen Stellung bezog.
Szczypiorski war als Katholik erzogen worden und erlebte in früher Jugend nicht nur die Bombardierung Warschaus, sondern war auch Zeuge der Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstands (1943). Er kämpfte in der Untergrundarmee im Warschauer Aufstand von1944 und kehrte nach dem Krieg aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zurück. Zusammen mit vielen anderen knüpfte er Hoffnungen an das neue Regime in Polen, arbeitete als Rundfunkjournalist und war nach dem Sturz der Stalinisten zwei Jahre im diplomatischen Dienst. Danach wurde er freier Schriftsteller. Bald schon zählte er aber zu den verbotenen Autoren. Während seine Krimis und Jugendbücher veröffentlicht wurden, konnten seine «echten» Werke nur in Fotokopien im Untergrund zirkulieren. Seit den siebziger Jahren war er mit der Opposition verbunden; 1981 wurde er verhaftet. Einem breiteren polnischen Publikum wurde er Anfang der Achtziger im Zusammenhang mit der Bewegung «Solidarnosc» bekannt. Nach den ersten freien Wahlen des Ostblocks, einige Jahre später, wurde er Senator. Szczypiorski blieb jedoch nicht lange Politiker, sondern ging bald wieder zu seinem Schriftstellerberuf über. In mehreren Büchern hat Szczypiorski das jüdisch-polnische Warschau zum Motiv gemacht und dabei Gestalten geschaffen, die von gängigen Klischees weit entfernt sind. Als 1988 «Die schöne Frau Seidenman» - ein Buch, das in Polen kaum beachtet wurde - auf Deutsch erschien, wurde es sofort zum Bestseller. Szczypiorski war in Deutschland seither sehr beliebt. Er setzte sich unermüdlich für die Verbesserung deutsch-polnischer Beziehungen ein und wurde dafür auch mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. In Polen hingegen brachte er die Menschen immer wieder gegen sich auf, nicht nur, weil er gegen zahlreiche polnische Geschichtsmythen anschrieb, sondern auch, weil er nach anfänglichem Zögern eine konsequente Aufarbeitung der Vergangenheit nach dem deutschen Vorbild der Gauck-Behörde forderte.
Andrzej Szczypiorski: Feuerspiele. Roman. Aus dem Polnischen von Barbara Schaefer. Diogenes Verlag, Zürich 2000. 362 Seiten.


