Identität als Basis des Austauschs
Die Einladung nach Israel ist eine schöne Herausforderung, ein paar Überlegungen nachzugehen, und ich möchte Ihnen dafür von ganzem Herzen danken, denn solche Gelegenheiten sind ebenso selten wie willkommen. Mein kleiner Beitrag an Ihre Debatte zur jüdischen Kultur und Identität veranlasste mich, die Motive für mein Engagement in der Politik näher zu erforschen, welches tief in meinem Diaspora-Erbe verwurzelt ist. Dazu drängen sich einige Worte auf, die meine Betrachtungen in die richtige Perspektive rücken.
Die Familie meines Vaters lebt seit mindestens acht Generationen in der Schweiz, jene meiner Mutter wanderte 1870 aus dem Elsass ein. Die erstere kannte noch das Leben in einem ländlichen Stetl, bis sie (durch die Volksabstimmung im Jahr 1866) in den Genuss des Bürgerrechts, der Niederlassungsfreiheit und der freien Berufswahl kam, die letztere hatte sich durch die Französische Revolution «emanzipiert» und flüchtete vor der deutschen Besetzung. Unter Beibehaltung einer lebendigen Verbindung mit der jüdischen Gemeinde praktizierten meine Grosseltern eine Religion immer weniger orthodoxer Glaubensrichtung, abgesteckt jedoch durch die Symbole der Erinnerung und der Liebe zur Familie. 1940 geboren und unauslöschlich von der Shoa geprägt, brachte ich die Treue zur jüdischen Geschichte und das Engagement als Bürgerin für mich selbst in Einklang, denn die Erfahrungen meines Volkes nährten in mir das Verständnis für die Dramen aller Völker. Schweizerin, Jüdin, Sozialistin und Agnostikerin, ohne die geringste Zerrissenheit inmitten dieser vier Schwerpunkte, die mich in Raum und Zeit positionieren. «Und Israel?», werden Sie mich nun vielleicht fragen. Auf diese Frage werde ich zwischen den Zeilen meines Vortrages antworten. Es sei mir aber erlaubt, vorweg dazu zu sagen: Die Schweiz ist meine Heimat, weil ich mich als Bürgerin für ihr Bestes wie auch für ihr Schlechtestes mitverantwortlich fühle. Ihre Unzulänglichkeiten machen mich mehr leiden als diejenigen anderer Länder. Aber manchmal ertappe ich mich selbst dabei, dass ich, ohne einen offensichtlichen Grund dafür zu haben, auch höhere Ansprüche an Israel stelle. Einfach, weil dieser Staat eine Weiterentwicklung unserer gemeinsamen Vergangenheit ist. Meine Ursprünge wurzeln, wie gesagt, in der Geschichte der Diaspora, und über sie möchte ich daher zuerst sprechen.
Der Reichtum und das Leiden der Diaspora
Die Geschichte der Diaspora ist eines der herausragendsten kulturellen Abenteuer überhaupt. Da gibt es ein kleines Volk der Antike, wie unzählige andere auch, das sich mit nichts anderem als Glaube und Erinnerung im Reisegepäck auf den Weg ins Exil macht. Alles andere als ein Nomadenvolk, sucht es sich nichts anderes als Orte zur Etablierung eines stabilen Lebens für seine verstreuten Gemeinden. So teilt es mit anderen «Nationen» ihr Leben, verändert sich selbst in diesem Kontakt und die anderen durch das, was es mit sich bringt. Es übernimmt von ihnen die Sprache und die alltäglichen Gewohnheiten, es nimmt an ihren sozialen Veränderungen teil und es lässt sie umgekehrt an seinen Erfahrungen, seinen Fähigkeiten und seinen Fragestellungen teilhaben. Mehr noch, es lässt sie aus seinen früheren, andernorts gewonnenen Anleihen aus anderen Kulturen Nutzen ziehen. Diese tausendjährige Koexistenz ist wohl gezeichnet von immer wiederkehrenden Konflikten, Diskriminierungen, Ausgrenzungen und Rückzügen auf sich selbst, trotzdem weigere ich mich, in dieser Geschichte nur ein unendliches Martyrium zu sehen. An erster Stelle und vor allem sehe ich sie als Erfahrung, als Erfahrung ausserordentlicher Dauer und ausserordentlicher Vielfalt und gegenseitiger Befruchtung.
Ein Volk ohne Land, aber mit Regeln
Während des überwiegenden Abschnittes der Diaspora bilden die Juden ein Volk, ohne Land zwar, aber nicht ohne Regeln, ein Volk mit seinen eigenen Strukturen. In den Gesellschaften der Vorzeit leben durch die Gnade der Machthaber viele ethnisch und religiös gemischte Gemeinden friedlich miteinander. Mosaike der Kulturen und des Glaubens entstehen und lösen sich wieder auf, durch Eroberungen, Verbündungen, Hochzeiten. Die Zugehörigkeit zu einem Regierenden, sein (teuer bezahlter) Schutz, begründet das Recht, auf seinen Ländereien zu leben. Ein schwacher Schutz, denn das Oberhaupt ist oft selbst schwach oder kapriziös, bereit, dem Druck des Volkes oder der Gegner nachzugeben, hilflos gegenüber religiösen Mächten, die das Heil im «einzig wahren» Glauben sehen. Die Wege der Diaspora sind so gesteckt durch Blut, Verleugnung und neues Exil und gesäumt von herzzerreissender Sehnsucht nach verlorener Heimat.
Das Paradox der Emanzipation
Bis zur Befreiung durch die Revolution leben die Juden unter der doppelten Herrschaft ihrer Gemeinden und der Regierungen des entsprechenden Ortes und der entsprechenden Zeit, sie tragen die Zeichen ihrer Verschiedenheit innerhalb der Verschiedenheit ihrer Umgebung. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte befreit sie von dieser doppelten «Verschiedenheit» und reisst die Mauern der Ghettos nieder. Aber die Gleichheit der Rechte, wiewohl universelle Ambition, geht einher mit der jeweiligen nationalen Definition der Bürgerrechte. Dies ist ein fundamentaler Widerspruch, den auch die zwei Jahrhunderte nach der Revolution nicht überwinden können und der in der Zukunft zur Grundlage vieler gewaltsamer Auseinandersetzungen, Ausgrenzungen und Diskriminierungen wird. Die Selbstbestimmung der Völker, vielversprechende und revolutionäre Ideologie der Bürgerschaft, verkommt oft zu gewalttätigem Nationalismus, der sich mit dem jahrhundertealten Mechanismus des Suchens und Findens von Sündenböcken verbindet. Die religiösen Wurzeln entspringende Judenfeindlichkeit ist noch nicht überwunden, als schon der moderne Antisemitismus aufkommt, gespiesen unter anderem durch das Unverständnis gegenüber einer dickschädeligen Identität und einer Ausbreitung der jüdischen Gemeinden über den ganzen Globus. Und wie könnte zudem, auch im Rahmen dieses schnellen Überfliegens, die Tatsache verschwiegen werden, dass diese zwei Jahrhunderte auch die Kolonialzeit und ihre Eroberungen erlebten und die rassistischen Theorien, die zu deren Rechtfertigung herangezogen wurden?
Die Widersprüchlichkeit Israels
Der Zionismus, geboren im 19. Jahrhundert, ist eine Zwillingsbestrebung zum Frühling der europäischen Völker. Alle diese Absichten, ob sie nun von Erfolg gekrönt waren oder nicht, weisen ähnliche Punkte auf: Den Rückbezug auf eine Geschichte (zum guten Teil mythisch) und eine kulturelle Einheit (auch diese nicht weniger mythisch), den Willen zur Schaffung von Souveränitäts- und Unabhängigkeitsbedingungen, die Möglichkeit, sich seinen Raum und seine Zeit neu zu gestalten. Es sind im Übrigen eben die Misserfolge der Demokratisierung des zaristischen Russlands und die schlecht eingehaltenen Versprechungen der demokratischen Bewegungen (zum Beispiel das Frankreich der Affaire Dreyfus), die bei den verstreuten Gemeinden den Traum eines Frühlings des jüdischen Volkes wiedererwachen lassen. Die heimatliche Nation müsste der Diaspora das bieten können, woran es ihr immer gefehlt hatte: Die Freiheit der Wahl, die sichere Zuflucht, die Möglichkeit, das eigene Schicksal in die Hände zu nehmen.
Eines der Dramen Israels besteht darin, dass sich dieser Traum, Antwort auf einen blutrünstigen Völkermord, erst in jener Zeit erfüllen konnte, zu dem eine andere Bewegung die Weltkarte auf den Kopf stellte, nämlich diejenige der Entkolonialisierung und damit verbunden die Zusicherung der Selbstbestimmung an die unterdrückten Völker des Südens. Die heimatlichen jüdischen Gefilde, die sich früher oder später zu einem Staat im eigentlichen Sinn des Worts entwickeln sollten, befanden sich auf bewohntem Gebiet, besetzt durch andere Träume. Durch die Übertragung des Begriffs der Gemeinde, der das Überleben der jüdischen Identität durch Jahrhunderte erlaubt hatte, auf ein modernes und multikulturelles Staatsgebilde, nimmt Israel dieselbe Verantwortung gegenüber allen Gemeinden wahr, die innerhalb seiner Grenzen leben. Es sind sicherlich die unbestreitbar gemachten Anstrengungen zur Überwindung der zivilen, sozialen und wirtschaftlichen Diskriminierung von Menschen anderer, reicher historischer und religiöser Traditionen, die die Gründung einer Demokratie erlaubt haben. Es ist nachvollziehbar, dass die Bürger dieses Landes stolz darauf sind. Aber eine Demokratie ist ständigem Wandel unterworfen und kann sich nicht mit dem Erreichten zufrieden geben. Dies um so mehr, als die Besetzung der neuen Territorien die Verantwortlichkeit des Staates noch gesteigert hat - die Verantwortung, einen dauerhaften Frieden mit den Nachbarn aufzubauen, derzeit aber auch die Verantwortung, universell gültige Prinzipien minutiös zu respektieren. So beispielsweise die in den Rotkreuz-Konventionen enthaltenen Verpflichtungen einer Besetzungsmacht, die Anerkennung des Rechts der Palästinenser auf Selbstbestimmung, die Einhaltung von Gesetz und Ordnung unter allen Umständen.
Jüdische Identität und Kultur im 21. Jahrhundert
Wie wird die Zukunft aussehen? Werden die jüdische Identität und Kultur den nationalen Alltag in Israel und den bürgerlichen Alltag in anderen Ländern überleben? Sind sie verfechtbar im Schmelztiegel der modernen Gesellschaften, assimilierbar im «Globalen Dorf» des uniformen Konsums und der schnellen Kommunikation?
Ich habe keine Antworten auf diese Fragen, aber ich halte auch hier gleich vorweg fest, dass wir nicht die einzigen sind, die sie sich stellen müssen. Zahlreich sind die Kulturen, die sich bezüglich des eigenen Überlebens Sorgen machen müssen, sich durch die Homogenisierung der Lebensarten bedroht fühlen, durch die Vormachtstellung des Weltmarktes, durch die Konzentration der wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Macht. Manchmal nähren diese Ängste fundamentalistische Auswüchse, öfter jedoch werden sie herangezogen, um die universelle Gültigkeit der Grundrechte in Frage zu stellen, deren Interpretation im Namen der Tradition einzuschränken.
Dann stelle ich mir auch Fragen zum harten Kern der jüdischen Identität. Dieser scheint nicht aus dem Glauben zu bestehen, und die Riten alleine ergeben keinen Sinn. Es muss also etwas anderes geben, wie es eine Legende, die ich vor einem Jahr im Ghetto von Venedig hörte, voraussetzt: Eine Gruppe von Intellektuellen versammelt sich zu einer Diskussion über die Existenz Gottes. Sie tauschen ihre Argumente aus, vertiefen ihre Überlegungen und kommen endlich zum einstimmigen Beschluss, dass Gott nicht existiert. Als sie auseinandergehen, sagt einer von ihnen: «Und jetzt lasst uns in die Synagoge gehen, es ist Zeit für das Gebet.» Die anderen schauen ihn verblüfft an und fragen ihn, ob er damit all die Arbeit, die sie gerade geleistet hätten, herabsetzen wolle. Und er antwortet ihnen: «Überhaupt nicht, ich stehe absolut zu unseren Schlussfolgerungen. Aber vergessen wir doch trotzdem nicht, dass wir Juden sind.» Es trifft zu, dass der abstrakte Charakter der jüdischen Theologie solche Pirouetten erlaubt. Sein grundlegendes Prinzip ist die Ablehnung jeglichen Götzendienstes. Dies ist von gleicher Natur wie heutige Anstrengungen gegen Ideologien, die behaupten, Wesen von Fleisch und Blut den falschen Göttern zu opfern (Markt, Boden, Nation). Unsere säkulare Erfahrung ist schlussendlich, dass Identität gleichzeitig Bestärkung von allem, was uns an andere bindet, und Sicherheit, dass wir etwas Spezielles einbringen können, bedeutet. Identität, durch Autismus genauso bedroht wie durch Nachahmung, ist die Fähigkeit, sich mit anderen auszutauschen und zu schaffen. Ist es nicht diese Überzeugung, die sich auf Beweise basiert, die unseren eigenen Beitrag darstellt?


