Idealisierte Sehnsucht nach Wien
Nach der Teilung Polens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte Galizien zu Österreich. Von der Bevölkerung Galiziens, dem der ihm entstammende Dichter Joseph Roth im Buch «Juden auf Wanderschaft» 1927 ein unvergleichliches literarisches Denkmal gesetzt hatte, war mehr als zehn Prozent jüdischen Glaubens, wobei der jüdische Anteil an der Stadtbevölkerung wesentlich höher war. Bevor ihre späte Emanzipation im Jahre 1867 erfolgte, war das Leben der galizischen Juden durch unzählige Einschränkungen erschwert, die es unter Maria Theresia und Kaiser Joseph I zu respektieren galt.
Kaiserverehrung
An die durch eine Verfassung garantierten Sicherheiten, wie sie von einem Vaterland zu erwarten gewesen wären, konnten die jüdischen Bewohner der nordöstlichen Regionen der k. u. k. Donaumonarchie schwerlich glauben, solange die gesellschaftlichen Verhältnisse jenem «Beitrag zur Statistik und Menschenkenntnis» entsprachen, welchen der österreichische Beamte Franz Kratter 1786 unter dem Titel «Briefe über den itzigen Zustand von Galizien» Staat dem Juden weniger schuldig als dem Christen? Die Sonne geht über den einen auf, wie über den anderen! Weil der Mensch Jude ist, soll er nicht Mensch seyn, soll keine Freistätte, kein Vaterland, keine Sicherheit haben? Was für auffallende, die Menschheit und Majestät gleich entehrende Widersprüche in der Gesetzgebung! Wie soll der Jude Bürger im Herzen seyn können, wenn das Vaterland aufhört, gegen ihn Vaterland zu seyn?» Zu den sogenannten Toleranzsteuern und speziellen Taxen zur Erbauung von Synagogen und zur Anlage von Friedhöfen kamen Koscher-Fleischsteuern und Heiratstaxen hinzu - alles Bestimmungen, die sich mit den Forderungen der Französischen Revolution und ihrer gesellschaftlichen Neuordnung mit der rechtlichen Gleichstellung des Bürgers auf keinerlei Weise in Einklang bringen liessen. Trotz dieser vielen Beschränkungen verehrten die galizischen Juden ihren jeweiligen Herrscher, um beispielsweise Franz Joseph liebevoll «Efraim Jossele» zu nennen. Rabbiner berücksichtigten den Kaiser in ihren Gebeten und die jüdischen Gemeinden reagierten auf kaiserliche Familienereignisse mit ehrerbietigen Glückwunschadressen und mit Geschenken. Da Franz Joseph nicht zuletzt als Hoffnungsträger im Hinblick auf bessere Zeiten galt und mitunter zu einer mythischen Grösse erhoben wurde, ist es nicht verwunderlich, dass mehrere Sagen entstanden, in denen der allmächtige Kaiser als persönlicher Schützling des Propheten Elia dargestellt wurde. Wie der galizische Maler und Schriftsteller Bruno Schulz schrieb, «war die Welt zu jener Zeit von Franz Joseph I. begrenzt». Auf jeder Briefmarke, auf jedem Geldstück und auf jedem Stempel bestätigte sein Bildnis die Unveränderlichkeit der Welt. Zum Regierungsjubiläum erhielt der Kaiser von der galizischen Gemeinde im fernen Palästina eine kostbare Rolle zum Geschenk, die architektonische Darstellungen Jerusalems und ein pergamentes Einlageblatt mit der Grussbotschaft in schönster hebräischer Kalligraphie aufwies.
Nebst derlei Geschenken, Porträts angesehener Rabbiner und zahlreichen Kultgegenständen aus dem 1938 von den Nazis geschlossenen alten Wiener Jüdischen Museum - darunter prunkvoll ausgeführte Thorazeiger und -vorhänge - enthält die sehr reich dokumentierte Ausstellung auch so spezielle Objekte wie den mit Davidsternen verzierten gusseisernen Ofen aus der privaten Betstube des Czortkower Rebben, eine vom Militärdienst befreiende Enthebungsurkunde von 1853, die genealogische Tafel der Nachkommen des berühmten Israel Baal Schem Tow und selbstverständlich zahlreiche Fotos von bedeutendem kulturhistorischem Wert. Da sind einmal jüdische Wasserträger und Strassenwischer zu sehen, dann Flüchtlinge aus Galizien, für den Sieg betende Juden und die Begrüssung des Kaisers Karl von jüdischen und christlichen Würdenträgern in Tarnopol während des Ersten Weltkrieges.
Falsche Hoffnungen
Die Sicht vieler galizischer Juden auf Wien, das geistige, gesellschaftliche und kulturelle Zentrum des Kaiserreichs der Habsburger, war jedoch eine von zu mancher Erwartung erfüllte, ausgesprochen idealistische. Wien galt besonders den von Armut bedrängten und an täglicher Diskriminierung Leidenden als Tor zu einer besseren Welt. Kaum am Ziel ihrer Wünsche angekommen, bekamen vor allem die ihrer Tracht - Kaftan und Schläfenlocken - und ihrer jiddischen Sprache wegen auffallenden Einwanderer ihre Ablehnung durch längs assimilierte Wiener Juden zu spüren. Allein schon durch ihr prägnantes Erscheinungsbild wurden viele Ostjuden in ihrer neuen Heimat zu Zielscheiben des tiefeingesessenen Antisemitismus. Mit einer bitteren Symbolik schliesst daher die mehr als ein volles Jahrhundert umspannende Darstellung der galizischen Juden in ihrer Beziehung zu Wien im Farbplakat «Ostjuden hinaus!» von 1923, mit dem der «Völkisch-antisemitische Kampfausschuss» zu Massenversammlungen aufrief. Zur Ausstellung erschien ein von Gabriele Kohlbauer-Fritz herausgegebenes Katalogbuch(160 Seiten im Mandelbaum-Verlag, ATS 358.-).


