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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ich komme als Amerikaner und gehe als Jude

October 9, 2008
Am 25. Juni wurde Michael Blumenthal zum Ehrenbürger Oranienburgs, seiner Geburtsstadt, ernannt. Vor drei Jahren kam der Amerikaner nach Berlin und übernahm die Leitung des Jüdischen Museums. «Ich komme als Amerikaner nach Berlin und gehe als Jude», sagt der 74-Jährige im Interview mit der Jüdischen Rundschau, in welchem er über seine Arbeit im Museum, sein Buch und sein Verhältnis zu Deutschland und Deutschen spricht.
Michael Blumenthal während der Ehrung: «Hier, in Deutschland, habe ich das Gefühl, dass mein Gegenüber weiss und denkt, der ist ein Jude.» - Foto Keystone

Jüdische Rundschau: Sie sind mit Ihrer Familie mit einem Schiff 1939 nach Shanghai gekommen und 1947 in die USA ausgereist. Ihre Muttersprache ist Deutsch. Haben Sie zu Hause die ganze Zeit und auch später deutsch gesprochen?
Michael Blumenthal: Wir haben in Shanghai zu Hause deutsch gesprochen, obwohl ich in eine englische Schule kam und natürlich englisch gesprochen habe. Als wir von den Japanern in ein jüdisches Ghetto gesperrt wurden, da haben wir auch deutsch gesprochen. Danach lebte ich nicht mehr bei meiner Familie und sprach nicht mehr deutsch.

Jüdische Rundschau: Sie sind amerikanischer Staatsbürger geworden. Welche Rolle spielte in den 50er Jahren die NS-Zeit für Sie? Gab es eine Beschäftigung mit dieser Zeit oder haben Sie es beiseite geschoben?
Michael Blumenthal: Beides. Bewusst und unbewusst. Bewusst sind natürlich die frühen Jahre meines Lebens von der NS-Zeit geprägt. Ich habe gelernt, wie unsicher, ungerecht, schrecklich und gefährlich das Leben sein kann. Ich musste lernen, wie man diskriminiert wird, ohne dass man etwas getan hat. Das sind natürlich alles Eindrücke meiner Kindheit, die ein Teil meiner Persönlichkeit geworden sind. Nachdem ich als junger Mensch jedoch aus Deutschland weggehen musste, sah ich mich mit vielen neuen Eindrücken und Umständen konfrontiert: von China, nach Amerika, wo ich meine Schulausbildung beendete und damit meine berufliche Karriere begann. Das hat mich alles natürlich sehr beschäftigt, und an Deutschland hatte ich kein Interesse. Unbewusst habe ich mich immer mit der Frage beschäftigt, wie war das alles möglich? Das ist immer ein Thema gewesen, mit dem ich mich beschäftigt habe.

Jüdische Rundschau: Wann sind Sie das erste Mal nach Deutschland zurückgekehrt?
Michael Blumenthal: Um das Material für meine Dissertation zu sammeln, kam ich 1953 das erste Mal nach Deutschland und lebte neun Monate in Münster/Westfalen. Ich ging auch nach Berlin, um mein früheres Kinderfräulein zu finden - was mir auch gelungen ist. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl des «Zurückkommens», als wäre ich in meiner Heimat. Es war ein fremdes Land. Mit den Deutschen konnte ich mich zwar gut unterhalten, aber es waren nicht Menschen, die mir nahelagen. Das waren Ausländer für mich. Ich hatte mit Deutschen seit meinem 11. Lebensjahr nicht mehr viel zu tun. Bis zur Ausreise im Alter von 13 waren wir ja schon ziemlich isoliert.

Jüdische Rundschau: Wie ist es Ihnen damals ergangen und wie geht es Ihnen heute, wenn Sie einen älteren Mann auf der Strasse treffen. Fragen Sie sich: und was hat er gemacht zwischen 1933 und 1945?
Michael Blumenthal: Ja, das passiert öfter. Ich bin mir der Gefahr sehr bewusst, pauschal zu urteilen, weil ich im Leben zu viel gesehen habe. Ich habe mir, auch durch meine Arbeit in der Regierung, wo ich viel Kontakt zu Deutschen hatte, darüber viele Gedanken gemacht: wenn eine Person vor 1938 freiwillig in die Partei gegangen ist und dabei älter als 18 Jahre war - hat das für mich Bedeutung. Denn das hat jemand gemacht, der lesen und hören konnte, was die Nazis gesagt haben. Es kann auch sein, dass jemand leider in die Partei gegangen ist, ohne sich über die Juden den Kopf zu zerbrechen. Damals wie heute gibt es Menschen, die politisch nicht gut geschult und informiert sind.

Jüdische Rundschau: Sie haben ein Buch* geschrieben. Wann kam Ihnen die Idee dazu und warum behandeln Sie dieses Thema, das in professioneller Hinsicht gar nicht Ihr Thema ist?
Michael Blumenthal: Wenn Sie sich meinen Lebenslauf ansehen, dann werden Sie sehen, dass ich nichts ewig gemacht habe. Allerdings mit einigen Konstanten. Dazu gehört, verschiedene Erfahrungen zu sammeln. Leute haben zu mir gesagt, ich solle meine Autobiografie schreiben. Ich wollte das nicht, weil ich es sehr auf mich persönlich bezogen finde. Mein Vater, der 1990 starb, hatte mir unseren Stammbaum gegeben. Als ich das Buch von Andrew Morton gelesen hatte, das ein Jahr am Anfang dieses Jahrhunderts an Hand der Schicksale verschiedener Personen in Österreich beschreibt, kam ich selbst auf die Idee. So habe ich mich mit verschiedenen Personen aus meiner eigenen Familie beschäftigt. Nicht innerhalb eines Jahres, sondern die letzten 300 Jahre. Ich betrieb Familienforschung. Verleger kamen auf mich zu, die mir anboten, dieses Buch zu drucken. Und so musste ich es schreiben.

Jüdische Rundschau: Sie sind Direktor des Jüdischen Museums. Es gibt viele, die sagen, dass der Blumenthal mit der Museumslandschaft gar nichts zu tun hat. Wieso ist gerade dieser Amerikaner Direktor geworden?
Michael Blumenthal: Gute Frage. Stimmt auch. Warum ich es geworden bin? Man hat mich gebeten, es zu tun. Sie konnten anscheinend keinen Besseren finden. Man war ja mit dieser Idee für ein jüdisches Museum in Berlin in grossen Schwierigkeiten. Es gab dumme und unnötige Gründe, Bürokratismus. Keiner hatte ein richtiges Konzept für diesen neuen ungewöhnlichen Bau. Bei meiner Aufgabe im Museum muss man nicht tiefe Substanz kennen, denn dafür gibt es ja Fachleute. Die Aufgabe ist eine administrative, politische, organisatorische. Was ist die Mission, wer sind die Menschen, wo kommt das Geld her und wie kann diese Mission umgesetzt werden? Dies alles war noch unbeantwortet, als ich hier ankam.

Jüdische Rundschau: Sie sind als sogenannter Übergangsdirektor berufen worden. Wie lange werden Sie Direktor bleiben?
Michael Blumenthal: Zunächst hiess es, das Museum macht Ende 1999 auf. Jetzt sehen wir, dass es schwer sein wird, die erste Ausstellung vor Oktober 2001 der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zu diesem Zeitpunkt werde ich mich moralisch befreit fühlen. Aber wir müssen einen guten Nachfolger finden, womit ich mich noch nicht beschäftigt habe. Zweitens möchte ich eine finanzielle Sicherheit schaffen, die sich aus drei Quellen speist: die Stadt Berlin, der Bund und private Investoren und Wirtschaftsunternehmen. Der Privatanteil muss organisiert werden. Damit beschäftige ich mich im Moment. Ich möchte meinem Nachfolger ein starkes finanzielles Gerüst hinterlassen.

Jüdische Rundschau: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Sie kommen als Amerikaner nach Berlin und Sie gehen als Jude. Was heisst das?
Michael Blumenthal: Das heisst, dass ich schnell gemerkt habe, dass man in diesem Land kategorisiert wird. In Amerika ist das ganz anders. Dort kategorisiert man sich nicht: wo kommst du her, wer sind deine Eltern, sondern man kategorisiert: was machst du für Arbeit und bist du mir sympathisch oder nicht? Hier, in Deutschland, habe ich das Gefühl, dass mein Gegenüber weiss und denkt: der ist ein Jude. Dies gibt man mir dann sofort zu verstehen.

Jüdische Rundschau: Wie?
Michael Blumenthal: Abhängig davon, wie clever sie sind. Die Direktesten sagen mir, wie gerne sie Juden haben. Oder z. B. «kannten Sie auch Frau Rosenthal? Oder fragen: wie oft fahren Sie nach Israel?» (lacht). Also irgendwie merkt man, der denkt: das ist ein Jude. Das ist nicht ein gewöhnlicher Mensch. Das ist ein Jude. Man wird nicht richtig als Mensch gesehen. Man wird als jüdischer Mensch gesehen. Also, ich fahre als Jude und zu Hause sind wir alle einfach Amerikaner.

*Michael Blumenthal: «Die unsichtbare Mauer. Die dreihundertjährige Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie». Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Heuss. Carl Hanser Verlag, München, 525 Seiten.

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Michael Blumenthal

Bevor Michael Blumenthal zum Direktor des Jüdischen Museums berufen wurde, war der herausragende Bau des Architekten Daniel Libeskind zwar fast vollendet, aber über Konzept, Inhalt und die Ziele des Museums stritten sich Museumsleute, Bürokraten und der Berliner Senat. In einem spektakulären Fall wurde der damalige Direktor Amnon Barzel entlassen und Michael Blumenthal eingestellt. Die erste Ausstellung wird erst Ende 2001 zu sehen sein, doch kann das Museum, wie kein anderes der Welt, von sich behaupten, bereits Tausende Besucher empfangen zu haben.Michael Blumenthal, 1926 in Oranienburg geboren, später nach Amerika ausgewandert, hatte bis anhin nicht viel mit der Museumslandschaft zu tun. Seine herausragenden Fähigkeiten und Erfahrungen in Wirtschaft und Politik prädestinierten ihn jedoch für das Management des bedeutendsten Jüdischen Museums Deutschlands. Blumenthal absolvierte und lehrte mit Auszeichnungen in den fünfziger Jahren an der Universität in Princeton Ökonomie, bis er 1961 in die Regierung, unter Kennedy und Johnson, eintrat.
Nichts mache er allzu lange, weil es ihn sonst langweile, meinte er gegenüber der JR. So wechselte der sympathische, schlanke, hochgewachsene Mann in den letzten 30 Jahren zwischen Leitungs- und Vorstandspositionen in internationalen Wirtschaftsunternehmen und dem Politikgeschäft. 1977 bis 1979 war er als Finanzminister unter Präsident Car-ter tätig. Die innere Beschäftigung mit der NS-Zeit, den Kinderjahren in Deutschland liess ihn nie los. «Warum hatte es nach einem so vielversprechenden Anfang der Emanzipation» im deutschsprachigen Raum ein so entsetzliches Ende 1945 in Deutschland nehmen können? Diese Frage liess Blumenthal nie los und so schrieb er ein Buch, das anhand von sechs Familienmitgliedern das deutsch-jüdische Verhältnis von 1671 bis 1945 beschreibt.

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«Kein Platz für Antisemitismus»

Oranienburg / S.L. - Oranienburg hat dem Direktor des Berliner Jüdischen Museums und Ex-US-Finanzminister Michael Blumenthal (vgl. nebenstehendes Interview) die Ehrenbürgerschaft verliehen. Durch Auszeichnung an den gebürtigen Oranienburger solle deutlich werden, dass es in der Stadt in Brandenburg kein Platz für Antisemitismus gebe, erklärte Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke während des Festaktes am Sonntag. Die obersten Repräsentanten der nördlich von Berlin gelegenen Stadt hatten auf Vorschlag einiger Bürger im vergangenen April der Ehrung zugestimmt. Es werde damit ein Zeichen gesetzt, dass Ornienburg eine weltoffene und tolerante Stadt sei, so der Bürgermeister. Die Geschäftsführerin der sich gegen Ausländerfeindlichkeit engagierenden Amadeu Antonio Stiftung Berlin, Anetta Kahane, sagte in ihrer Laudatio, in Oranienburg werde sich mit latenter Fremdenfeindlichkeit auseinandergesetzt. «Aber auch hier gibt es Orte, an die sich alternativ aussehende Jugendliche oder Ausländer niemals trauen», erklärte die Bürgerrechtlerin. Den vollen Redetext finden Sie gesondert auf diesen Seiten. Oanienburg war in den vergangenen Jahren mehrmals wegen Übergriffen auf Fremde und nationalsozialistischer Schmierereien in die Schlagzeilen gekommen. Während der NS-Diktatur waren im Konzentrationslager des Ortsteiles Sachsenhausen zwischen 1936 und 1945 mehr als 200 000 Menschen inhaftiert, darunter viele Juden. Zehntausende kamen ums Leben.


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