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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Ich freue mich schon jetzt, die Berner Synagoge zu besuchen»

October 9, 2008
Von diesem Sommer an amtiert Daniel Halevy-Goetschel als Nummer zwei, d.h. als erster Sekretär, an der israelischen Botschaft in Bern. Halevy-Goetschel ist in Strasbourg geboren. Er hat das Wirtschaftsstudium an der Hebräischen Universität mit einem M.A. abgeschlossen und wohnt seit 1981 in Israel. Für die JR sprach Nicole Izbicki-Straus mit Halevy.



Jüdische Rundschau: Wie haben Sie Ihren Weg ins israelische Aussenministerium gefunden?
Halevy-Goetschel: Das Aussenministerium schrieb eine Stelle aus, und obwohl ich erst relativ kurze Zeit in Israel gelebt hatte, wurde meine Kandidatur angenommen. 1988 begann ich meine zweijährige Diplomatenausbildung.

Jüdische Rundschau: Die Erfolgsgeschichte eines Neueinwanderers?
Halevy-Goetschel: Ja, vielleicht. Ich bin - oder war auf jeden Fall anno dazumal - der Oleh mit den wenigsten Jahren im Land, der für einen Diplomatenkurs angenommen wurde.

Jüdische Rundschau: Wann haben Sie Israel zum ersten Mal im Ausland vertreten?
Halevy-Goetschel: Von 1992 bis 1997 wurde ich zur israelischen Vertretung bei der Europäischen Union (EU) nach Brüssel geschickt. Mein Aufgabenbereich in Jerusalem konzentrierte sich von Anfang an auf Europa, und so ging es dann in Brüssel für mich darum, Verhandlungen sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene zu führen.

Jüdische Rundschau: War Ihr erster professioneller Auslandaufenthalt ein Erfolg?
Halevy-Goetschel: Beruflich ganz bestimmt, aber auch privat. Zu Beginn meiner Zeit in Brüssel war ich alleinstehend, bei meiner Rückkehr nach Israel im Jahre 1997 wurde ich von meiner Frau und meinen zwei in Brüssel geborenen Kindern begleitet. Zurück in Israel, wurde ich in die Abteilung für europäische Länder eingegliedert.

Jüdische Rundschau: Wurden Sie während Ihres Aufenthaltes in Brüssel mit antisemitischen Bemerkungen oder Situationen konfrontiert? Was meinen Sie zum Antisemitismus in der Schweiz?
Halevy-Goetschel: Von meiner Zeit in Belgien ist mir kein konkreter Vorfall in Erinnerung. Von dem in Europa in einer Minderheit der Bevölkerung vorhandenen, latenten Antisemitismus wird auch die Schweiz nicht verschont. Hoffentlich werde ich nur gute Erfahrungen in der Schweiz machen.

Jüdische Rundschau: Hatten Sie schon direkten Kontakt mit der Schweizer Regierung?
Halevy-Goetschel: Erst vor kurzem reiste ich zu einem ersten Besuch nach Bern, und anlässlich der Visite von Bundesrätin Ruth Dreifuss in Israel hatte ich Gelegenheit, mich ausführlich mit ihr zu unterhalten.

Jüdische Rundschau: Wird es in der Schweiz viel zu tun geben?
Halevy-Goetschel: Ganz bestimmt. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel waren in beiden Richtungen schon immer gut. Die Schweiz und Israel unterhalten seit Israels Staatsgründung enge Kontakte. So diente z.B. die Schweizer Armee bei der Organisation von Israels Armee in vielen Aspekten (Wiederholungskurse usw.) als Vorbild. Wegen der nachrichtenlosen Vermögen, die in den letzten Jahren zur Diskussion standen, haben die bilateralen Beziehungen zwar etwas gelitten, doch haben die Beziehungen sich nach einer etwas turbulenten Zeit wieder beruhigt und normalisiert.

Jüdische Rundschau: Wie bereiten Sie sich auf Ihre neue Funktion vor?
Halevy-Goetschel: Teilweise bin ich schon recht gut auf meine neue Aufgabe vorbereitet: Sämtliche die Schweiz betreffenden Akten gehören seit Anfang meiner Karriere zu meinem täglichen Brot, Französisch ist meine Muttersprache und Deutsch bin ich intensiv am Lernen. Erste Kontakte mit der Botschaft, mit der Schweizer Regierung, lokalen Organisationen wie z.B. «Sica», «David», «Schweizer Freunde Israels» und anderen konnte ich schon knüpfen, und so habe ich das Gefühl, bereit zu sein.

Jüdische Rundschau: Haben Sie spezielle Ziele, die Sie in der Schweiz realisieren möchten?
Halevy-Goetschel: Zuerst möchte ich mich an Ort und Stelle gut einarbeiten und das Dossier «Schweiz» noch besser kennen lernen. Als Ökonom möchte ich natürlich die wirtschaftlichen Kontakte und Beziehungen zwischen den beiden Ländern verbessern und vertiefen.

Jüdische Rundschau: Wir wird das konkret in Angriff genommen?
Halevy-Goetschel: Ich werde z.B. versuchen, Reisen nach Israel für Unternehmer, Geschäftsleute, Erzieher, Jugendgruppen, Politiker usw. zu organisieren. Ein Besuch Israels, verbunden mit einem interessanten Gedankenaustausch an Ort und Stelle, ist bestimmt ein erfolgreicher Schritt zu intensiveren Beziehungen. Zu diesem Zweck waren ja vor kurzem die Minister David Levy, Yitzchak Levy und Yossy Beilin in der Schweiz und Bundesrätin Ruth Dreifuss in Israel.

Jüdische Rundschau: Israels Armee hat den Libanon verlassen. Wie sehen Sie die Zukunft für den Norden des Landes?
Halevy-Goetschel: Ich bin sehr froh, dass dieser Rückzug für Israel ohne Zwischenfälle verlaufen ist. Vorläufig scheint es ruhig zu sein. Hoffentlich wird es, trotz der sehr komplexen Situation, so bleiben.

Jüdische Rundschau: Sie und Ihre Familie sind praktizierende Juden. Haben Sie vor, in Bern in der jüdischen Gemeinde aktiv zu sein?
Halevy-Goetschel: Ich freue mich schon jetzt, in Bern die Synagoge zu besuchen. Für israelische Diplomaten im Ausland besteht immer ein grosses Interesse, auch mit der lokalen jüdischen Gemeinde Kontakte zu knüpfen und pflegen. Dies wird bestimmt auch für mich sowohl professionell als auch privat der Fall sein.

Jüdische Rundschau: Was geht Ihnen beim Gedanken an Ihren Wegzug von Israel durch den Kopf?
Halevy-Goetschel: Die Tatsache, dass ich mit meiner Familie ins Unbekannte ziehe, ist nicht einfach. Arbeit, Wohnung, Freunde, Schulen und Umgebung werden neu sein und bestimmt für uns alle eine grosse Umstellung bedeuten. Doch gleichzeitig freue ich mich auf eine neue Kultur, ein mir nur wenig bekanntes Land und eine neue Arbeit, die verspricht, sehr interessant zu werden. Schliesslich freut sich ja jeder Diplomat, sein Land im Ausland vertreten zu können. Viel zu lernen gibt es bestimmt auch z.B. in der Art und Weise, wie in der Schweiz die Demokratie gelebt wird. Abstimmungen, Referenden und Initiativen können uns hier in Israel vielleicht in der Zukunft als Beispiel dienen.





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