«Ich bin fest entschlossen, Premier zu werden»
Jüdische Rundschau: Avrum Burg, werden Sie in ein paar Jahren Premierminister sein?
Avraham Burg: Ja. Ich spüre, dass die israelische Mentalität heute grösstenteils bereit ist, ein neues Modell des Premierministers zu akzeptieren - ein ziviler Premier, der nicht in den Schützengräben geformt wurde und der kein Produkt der Kriegszeit ist. Ich denke, die Chancen stehen gut dafür, dass ich diesem Modell zum Durchbruch verhelfe.
Jüdische Rundschau: Würden Sie ohne Baraks Tricks schon jetzt kandidieren?
Avraham Burg: Ja. Ich war schon daran, mich warm zu laufen. Doch jetzt, da wir miteinander reden, kann man sagen, dass ich in der gegenwärtigen Runde abgeblockt worden bin (weiter zu gehen). Das ist in Ordnung, da die jetzige Wahlkampagne sowieso im Stil von \"Auge gegen Auge\" geführt werden wird - ich steche Dir ein Auge aus, Du stichst mir eines aus. Und am Ende der Kampagne wird infolge der derzeitigen Zusammensetzung der Knesset keiner der Kandidaten einen \"Knockout\"-Sieg erringen können. Das Ende wird kein Schachmatt sein, sondern ein Unentschieden mit einer zweifelhaften Art der nationalen Einheit. Ausgenommen natürlich, es stellen sich doch noch Veränderungen ein, die zum Schluss zu allgemeinen Knessetwahlen führen.
Jüdische Rundschau: Wollte Barak mit seiner Idee von vorgezogenen Wahlen Netanyahu oder Sie zurückbinden?
Avraham Burg: Wer eine Rakete mit einem Mehrfach-Sprengkopf abschiesst, hat verschiedene Ziele. Wenn Sie zwei Fliegen auf einen Schlag umbringen können, umso besser. Ich akzeptiere die Entscheidung aber, auch wenn das, was sich im Zentralkommitee der Arbeitspartei zugetragen hat, nicht sonderlich fein war. Zwischen unästhetisch und unethisch ist aber ein grosser Unterschied. Ich habe nichts gegen demokratische Entscheide, und mir eilt es auch nicht. Ich möchte nicht durch ein Ränkespiel gewählt werden.
Jüdische Rundschau: Ist Ehud Barak ein Demokrat?
Avraham Burg: Ich denke, sein Stil der Demokratie ist sehr antiquiert. Es ist eine Demokratie der Einzel-Verantwortlichkeit. Eine Demokratie von oben nach unten aufgrund erteilter Befehle, nicht eine Demokratie der Kooperation von unten nach oben.
Jüdische Rundschau: Was denken Sie über Netanyahu?
Avraham Burg: Netanyahu ist eine ungewöhnlich niveauvolle und raffinierte Person. Er ist sehr belesen und beeindruckt auf manche Weise. Irgendwie aber ist er falsch programmiert, und im Gegensatz zu Baraks Fehler, die, wie ich denke, prinzipiell zu korrigieren sind, ist Netanyahus Mangel hartnäckig und grundsätzlich. Er steht im Zusammenhang mit seinem Identitätsgefühl, das einer Mentalität der Belagerung à la Masada entspricht. Gleiches gilt auch in Bezug auf die Art, wie er die Welt betrachtet. Diese Geisteshaltung ist überaltert und irrelevant; sie spricht im Wesentlichen die israelische Gesellschaft nicht mehr an. Netanyahu ist effektiv ein Anachronismus, der aber so gekonnt getarnt wird, dass es gar nicht so deutlich zum Ausdruck gelangt, wie überholt seine Botschaft wirklich ist.
Jüdische Rundschau: Gibt es eine Ähnlichkeit zwischen Barak und Netanyahu? Haben die beiden einen gemeinsamen Nenner, den Sie nicht teilen?
Avraham Burg: Sie beide sind Einzelgänger, einsame Wölfe. In gewissen Situationen kann dies von Vorteil sein, doch in vielen anderen Fällen ist es problematisch. Wölfe sind nämlich Raubtiere, die beissen und auch Furcht und Einschüchterung verbreiten. Und ich glaube nicht an das Konzept, wonach ein Mensch sich zu anderen Menschen wie ein Wolf zu benehmen hat. Dieses aus der Zeit des Kalten Krieges stammende Modell hat sich überlebt. Deswegen sollten wir, wie ich denke, nach einem neuen Führungstyp Ausschau halten, der Autorität delegiert, Macht dezentralisiert, zur Gemeinsamkeit ermutigt und eine möglichst grosse Harmonie anstrebt.
Jüdische Rundschau: Fühlen Sie sich reif für den Job des Premierministers?
Avraham Burg: Ich glaube schon - nein, ich bin eigentlich sicher. Erstens habe ich gesehen, wie es gemacht wird, und ich weiss, wer für den Posten so infrage kommt. Es sind alles gute Menschen, doch habe ich keinem gegenüber einen Minderwertigkeitskomplex. Zweitens ist Israels Premierminister nicht vergleichbar etwa mit dem US-Präsidenten, der vor allem ein Budget von Punkt A zu Punkt B durchpauken muss. Israels Premier ist das letzte, gegenwärtige Glied in der ewigen Kette, die von Saul und David bis zu den Gründervätern des Staates und immer weiter reicht. Das ist der Inhalt des Jobs, und ich glaube, ihn zu verstehen. Ich verstehe die Kontinuität und die Verbindung zwischen dieser Generation, den vergangenen und künftigen, und als Glied dieser Kette habe ich hier etwas mitzureden.
Jüdische Rundschau: Sind Sie nicht zu jung, oder von Natur aus zu frivol? Manchmal vermitteln Sie den Eindruck, ein klein wenig zu abgeklärt zu sein.
Avraham Burg: Was mir effektiv zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass ich zu seriös bin. Ich tendiere dazu, recht feierlich zu sein, d.h. ich lehne mich an die Geschichte an, habe ein historisches Bewusstsein und verwickle mich oft in der Suche nach Verständnis, Einsicht und Bedeutung. Das alles macht sehr empfindsam. Deshalb ist es für mich andrerseits ausgesprochen wichtig, ein Leben der Aktualität zu führen - ich lese die modernste Literatur und benutze die allerneuste Technologie. Ich liebe das Dynamische und Lebendige, und kann mit humorlosen Menschen wenig anfangen. Ein Übermass an Ernsthaftigkeit im Büro des Premierministers kann kontraproduktiv sein. Die dort sitzende Person muss imstande sein, die menschlichen Dimensionen des Lebens zu würdigen. Und ich kombiniere, so will mir scheinen, eine uralte jüdische Empfindsamkeit mit israelischer Jugendhaftigkeit.
Jüdische Rundschau: Woher kommt diese Streben nach dem Amt des Premiers? Ist es eine Sache des Instinktes?
Avraham Burg: Erstens ist es eine Frage des Verantwortungsbewusstseins. Vor wenigen Tagen versammelten Yael und ich alle Kinder und sagten ihnen: \"Leute, es wird Wirklichkeit\". Vielleicht etwas früher, vielleicht etwas später, aber es wird geschehen. Die Kinder fragten mich u.a. nach dem Grund. Meine Antwort lautete: Das menschliche Leben. Wenn ich das Leben eines Israeliten oder Ismaeliten retten kann, muss ich es tun. Mache ich es nicht, bin ich ein halber Mörder, dann bin ich halb schuldig.
Jüdische Rundschau: Sicher hat es auch mit dem Instinkt zu tun, mit dem Wunsch, Spuren zu hinterlassen. Es ist etwas sehr Verführerisches, die
Avraham Burg: Macht zu besitzen, das Schicksal von Menschen zu beeinflussen.Allgemein gesprochen kann Autorität etwas sehr Grausames sein, und ebenso klar ist Macht unweigerlich begleitet von einem Gefühl des Rausches, der Blindheit und der Korruption. Ich glaube aber, über die Fähigkeit zu verfügen, das Steuerrad ohne die hier übliche Rauhheit in diese oder jene Richtung zu drehen. Ich bin kein Anhänger von napoleonischen Entscheidungen. Mein Weg ist ein Weg der Kooperation und des Zuhörens, des Zusammenbringens auseinanderstrebender Seiten - ein Weg des Teamworks und von viel Geduld.
Jüdische Rundschau: Man sagt oft, Sie seien ein Mann des Wortes und weniger ein Mann der Tat.
Avraham Burg: Ich war von Geburt an Politiker. Und Shimon Peres, der mir sehr nahe steht, sagte mir immer: \"Avrum, Worte sind die Fundamente der Politik und der Demokratie\". Mit Worten formuliert man Abkommen, mit Worten verleiht man seiner Meinung Ausdruck, mit Worten überzeugt man und wird überzeugt; mit Worten schaffst Du Kultur. Worte sind deshalb wahre Ecksteine der Demokratie. In der Abwesenheit des Wortes - Zensur, Mord, die Eliminierung von Gegnern - manifestiert sich die Diktatur. Worte, Reden, Konversationen, Ideenaustausch sind die Zeichen für eine offene demokratische Gesellschaft. Ich habe viel getan in den letzten 15 Jahren. Ich habe im Büro des Premierministers gearbeitet, in der Knesset, in der Partei und in der Jewish Agency. Ich habe ganz besondere Verbindungen zu breiten Segmenten der israelischen Öffentlichkeit hergestellt. Ich habe Menschen getroffen, doch ich entschuldige mich nicht für meine Ausdrucksweise. Wer in Israel glaubwürdig sein will, muss beinahe stottern. Wer nicht sanft spricht, läuft Gefahr, als ein grober Typ verschrien zu werden. Das ist nicht richtig. Ich denke, wer ein Mann des Wortes ist, braucht sich nicht zu schämen. Eines der Probleme der Politik Israels scheint mir darin zu liegen, dass jeder so sehr mit dem Tun beschäftigt ist, dass, abgesehen von Yossi Beilin, in den letzten 20 Jahren kaum einer seriöse Gedanken formuliert hat. Es würde nichts schaden, wenn unsere künftigen Spitzenleute auch ein wenig Philosophen wären. Den Gedanken und dem Verständnis unserer nationalen Führung fehlt es bitter an Dimensionen und Volumen.
Jüdische Rundschau: Wie sieht Ihre Plattform aus? Welche Alternativen offerieren Sie?
Avraham Burg: Eine Agenda der Indentifizierung. Wenn ich mir die Debatten etwa zwischen Yossi Beilin und Benjamin Netanyau anhöre, kommt es mir vor, als ob beide mit veraltetem Material hantieren. Der heutige Israeli ist bereit, zu fast allen Bedingungen Frieden zu schliessen. Der heutige Israeli fühlt sich stark und sicher verankert und bekommt keinen Verfolgungswahn wenn sie in Netzarim schiessen, und auch wegen Gilo gerät er nicht in Panik.
Es gibt aber auch heute noch Furcht in der Gesellschaft Israels - die Furcht vor unserem eigenen Mechanismus der Selbstzerstörung. Seit dem Rabin-Mord, so fürchtet man, sind unsere internen roten Linien eine um die andere gefallen. Die Leute haben das Gefühl, jeder von uns kümmert sich nur um sein/ihr Stück des Kuchens, während die Gesellschaft als ganzes auseinander fällt.
Ich teile dieses Gefühl. Ich war Soldat, bin das Kind von Soldaten und habe das Gefühl der Stärke durchlebt. Ich bin frei von allen Warschauer Ghetto-Syndromen. Das ist kein Teil von mir. Natürlich müssen wir darauf achten, was in der Welt vor sich geht, und dürfen Raketendrohungen und die Instabilitäten des Nahen Ostens nicht auf die leichte Schulter nehmen. Da können wir nicht gleichgültig bleiben. Wir müssen abschreckende Zeichen geben. Mir ist aber auch klar, dass die Gefahren der externen Bedrohungen nicht annährend so gross sind wie die Gefahr der inneren Vernichtung. Was mich mehr als alles andere beunruhigt, ist das Gefühl, dass Israel heute von innen heraus auseinander fällt.
Jüdische Rundschau: Machen Sie sich Sorgen über die Zersplitterung der israelischen Gesellschaft in verschiedene Sektoren?
Avraham Burg: Ja. Am Anfang war ein Schmelztiegel. Und das Israel Ben-Gurions, das Schmelztiegel-Israel, war eine Gesellschaft von 2500 Palmachniks, die 4,5 Millionen Angehörigen von Minderheitsgruppen integrierte. Im Laufe von 30 bis 40 Jahren erwartete man von allen, gleich auszusehen und gleich zu denken. Doch nach einigen Jahrzehnten dieses extrem intensiven Fusionsprozesses entdeckten die Israelis mit einem Male, dass es gar nicht so amüsant ist, zusammen geschmolzen zu werden. Es ist nämlich schrecklich heiss. Und der Israeli sagte mit einem Male: \"Warte mal, schmelze mich nicht zusammen. Ich möchte meine sekundäre Identität bewahren\".
Es folgte eine Situation, in der wir uns, ohne dass jemand es gemerkt hätte, in den letzten 10 Jahren von einem nationalen Israel zu einem Israel der Stämme gewandelt haben, von einem Königreich zu einer Ansammlung von Stämmen. Heute gibt es mindestens 5 Stämme: Die 20%, die zum \"guten, alten Israel\" gehören - die sekuläre und zionistische Linke; dann die 20%, die den verschiedenen Immigrantengruppen entstammen; weitere 20% sind Araber oder Angehörige anderer Minderheiten; 20% bezeichnen sich als ultra-Orthodox oder sind anderswo auf dem religiösen Spektrum, und schliesslich noch die 20% traditionellen Sepharden. Daraus folgt, dass heute in Israel eine Regierungsbildung nur möglich ist, wenn man zwischen mindestens dreier dieser Stämme eine echte Verbindung schaffen kann. Das Problem betrifft aber mehr als nur Politik und Koalition. Hast du nämlich nicht eine minimale Verbindung zwischen allen diesen Stämmen, dann hast du keinen Staat oder keine nationale Einheit mehr. Das Haus ist niedergebrannt. Weder Bibi noch Barak verstehen, dass heute keiner der Stämme die Hegemonie über die anderen besitzt. Bibi repräsentierte den traditionellen Stamm und Barak den sekulär-linken, doch keiner von ihnen unternahm das absolut Notwendige: Die Schaffung eines Bundes von Stämmen, eine neue Allianz unter den verschiedenen Stämmen. Ich nenne es den \"Bund Israels\".
Jüdische Rundschau: Sind Sie imstande, dies zu tun?
Avraham Burg: Ich glaube schon, denn ich bin multi-stämmig. Mein Vater pflegte immer zu sagen, er sei 400% jüdisch: 100% osteuropäisch, 100% Jecke, 100% chassidisch und 100% Mitnaged (Gegner der Chassidim). Ich bin aus dem gleichen Holz geschnitzt. Ich habe unzählige israelische Stämme in mir. Zuerst sehe ich mich als Sohn des religiösen Zionismus, der sich vom verstorbenen Yeshazahu Leibowitz bis zu Leuten wie Avi Ravitzky, David Hartman und Benny Elon hin erstreckt. Wir sind alle das Produkt der gleichen \"Giesserei\", die im Übrigen die wichtigste in der Gesellschaft Israels ist, da sie bestrebt ist, einen Verbindungspunkt zwischen Modernismus und Tradition herzustellen. Ich habe aber auch eine tiefe, fast nostalgische Liebe für die charedische Welt, die mich fasziniert und anzieht. Dann bin ich auch in der Welt des Kibbutz zu Hause, vielleicht mein natürliches Heim. Und mein Dialog mit den Arabern wird nicht davon bestimmt, dass ich Fallschirmspringer war, der Araber vor allem durch das Visier sah, sondern durch die Tatsache, dass meine Mutter von Arabern in Hebron gerettet wurde, während andere Araber gleichzeitig ihre Nachbarn abschlachteten. In dieser Grauzone zwischen Schlächtern und Rettern führe ich mein Gespräch mit den Arabern. In der israelischen Diskussion fühle ich mich mehrsprachig. Ich spreche problemlos die verschiedenen israelischen Sprachen, und fühle mich dabei weder überlegen noch minderwertig. Der für mich am meisten versprechende, aufregendste Stamm ist aber der sefardisch-traditionelle. Er setzt sich aus den wichtigsten Bestandteilen für unsere Zukunft zusammen: Aus der Fähigkeit, einen gemässigten, nicht traumatisierten Dialog mit den Arabern zu führen, und gleichzeitig intern Toleranz und ideologische Flexibilität auszuüben.
Jüdische Rundschau: Kritisieren Sie das israelische Friedenslager?
Avraham Burg: Die derzeitige Haltung des Friedenslagers zu Jerusalem ist nicht profund genug. Wir haben keine ernsthafte Diskussion mit anderen Generationen geführt; wir haben vergessen, sie zu fragen, was sie uns zu tun erlauben würden. Darüber hinaus denke ich, dass wir das jüdische Gespräch mit den Rechten und den Religiösen aufgegeben haben. Wir haben uns nicht genügend mit Fragen der Identität oder mit den sehr komplizierten Verbindungen zwischen jüdischer Identität, dem Israeltum und dem Frieden befasst.
Lassen Sie mich erklären. Man nennt uns Juden (Jehudim), weil wir vom Stamm Jehuda abstammen. Wir sind die Erben des Königreichs Judah, das sich über das hügelige Gelände zwischen Hebron und Jerusalem erstreckte. Zur gleichen Zeit, da wir, die Stämme des Ostens, auf dem Berg unser Königreich und unsere Kultur aufbauten, liessen sich die Stämme des Westens - die Philister - in der Küstenebene nieder. Heute jedoch, 3500 Jahre später, sind wir erstmals in unserer Geschichte daran, nach Tel Aviv, ins Land der Philister hinabzusteigen. Gleichzeitig befinden sich die Palästinenser, die ihren Namen von den Philistern ableiten, dabei, den Berg ins Land Judah hinaufzusteigen. Das Friedensabkommen, das wir hoffentlich bald unterzeichnen, ist im Wesentlichen ein Landabtausch mit den Philistern.
Eine Nation darf solches tun. Mein ganzes Leben lang kämpfe ich darum, dass wir dies tun, denn in erster Linie bin ich ein Mann des Friedens. Nichts verabscheue ich mehr als Blutvergiessen, und man sollte praktisch alles tun, u


