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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Hüte dich vor deinen Wünschen

October 9, 2008

Ihre Flitterwochen waren kürzer, als man gedacht hatte. Die Blüten sind abgefallen, die Seidenhandschuhe wurden abgestreift. Yasser Arafat beklagt einen «Versuch, die genaue und ehrliche Erfüllung des Abkommens von Wye zu vermeiden». Ehud Barak seinerseits bezichtigt Arafat der «Sturheit» und des Versuchs, dem Frieden «Hindernisse in den Weg stellen» zu wollen. Arafat, der sich an der Schulter einer Mutter ausweinen kann, beklagt sich telefonisch bei seinem Freund Bill im Weissen Haus.
Arafat ist verschnupft. Clinton ist verwirrt. Die Ironie ist zum Schneiden dick.
Drei Jahre lang hat Clinton für die Bildung einer Regierung der Arbeitspartei in Israel gebetet, einer Regierung, die, so vermutete man, willig in dem von Washington vorgeschriebenen Friedenspfad wandeln würde. Jetzt haben sie eine solche Regierung. Hüte dich vor deinen Wünschen.Im Mai musste Benjamin Netanyahu, das schwarze Schaf der US-Administration, Barak weichen. Dieser Mann stand derart in Clintons Gunst, dass er ihm die Besten seines eigenen Kampagnen-Teams auslieh. Wir stehen erst im August, doch bereits sind wir an die erste Steinmauer auf dem Weg zum Frieden gestossen: Barak zögert mit der Verwirklichung der Wye-Abkommen, die Clinton persönlich Netanyahu aufgezwungen hatte.Dass Barak zurückschreckt, hat mit dem sogenannten Abkommen Oslo II aus dem Jahre 1995 zu tun, Rabins letztem bedeutenden Akt vor seiner Ermordung und zugleich sein schlimmster.
Oslo I (der berühmte Händedruck von 1993 auf dem Rasen des Weissen Hauses) hat Arafat einen kleinen Halt in der Region gegeben (Jericho und Gaza) und die grossen Entscheidungen über den endgültigen Frieden und definitive Grenzen hinausgeschoben. Oslo II demgegenüber versprach den Palästinensern überraschenderweise drei «weitere Umgruppierungen» - einseitige israelische Rückzüge aus der Westbank. Arafat begriff, dass er damit praktisch die ganze Westbank vor den Verhandlungen über die endgültigen Grenzen bekommen würde.
Ehud Barak, der soeben den Job des Generalstabschefs beendet hatte und in Rabins Kabinett gewechselt war, erschien Oslo II so einseitig und verrückt, dass er sich weigerte, für den Vertrag zu stimmen. Es wollte ihm nicht in den Kopf, warum Israel seine einzige Trumpfkarte - die Westbank - vor den Verhandlungen aus der Hand geben sollte.
Netanyahu hatte ähnliche Bedenken. Er versuchte, den Schaden zu minimieren, indem er diese «weiteren Rückzüge» zu symbolischen Schritten reduzieren wollte. Arafat regte sich auf und ging zu Madeleine Albright, wo er ein offenes Ohr fand. Sie befand, Netanyahu müsse exakt 13 Prozent der Westbank aufgeben (Israel hatte sich schon von 22 Prozent zurückgezogen), eine Zahl, die sie schlicht aus der Luft gegriffen hatte und auf der sie dann bestand, als ob es sich um geheiligtes Schriftwerk handelte.
Netanyahu hielt aus, so lange es ging, bevor er am Wye River kapitulierte, wusste er doch, dass Israel sich dem amerikanischen Patron nicht unbegrenzt widersetzen konnte. Zur Zeit seiner Wahlniederlage hatte er zwei Prozent der 13 Prozent aufgegeben. Nun ist Barak mit dem Rest an der Reihe.
Barak ist aber nicht in der richtigen Stimmung, dies zu tun. Die ersten rund fünf Prozent würden ja noch gehen, doch bei den nächsten fünf bis sechs Prozent würde er ein Dutzend israelischer Siedlungen isoliert in palästinensischem Territorium zurücklassen, wo sie sich gegen die Gewalt der Palästinenser zu wehren hätten. Aus diesem Grunde hat Barak Arafat vorgeschlagen, auf die letzten fünf bis sechs Prozent zu verzichten und direkt zu den Verhandlungen über die endgültige Regelung zu schreiten. Davon will Arafat aber nichts wissen, und schon sind wir wieder in der Sackgasse.
Letztlich wird Barak wohl nachgeben müssen. Die ersten Anzeichen sind schon vorhanden, hat er doch angekündigt, die Verwirklichung des Abkommens im nächsten Monat wieder aufzunehmen. Er konnte sich nicht ständig rechts von Netanyahus Wye-Abkommen positionieren. Seine Sturheit ist jedoch schlechte Kunde für Clinton, der unbedingt noch eine weitere glitzernde Unterzeichnungszeremonie im Weissen Haus organisieren möchte, bevor sich das von Skandalen geschüttelte Kapitel seiner Präsidentschaft schliesst.
Barak weiss, dass er bei dieser Administration automatisch Goodwill kreiert, wenn er nur Nicht-Bibi ist, und das nutzt er auch weidlich aus. Darüber hinaus aber sind seine Positionen kaum weniger hart als jene Netanyahus, seinem Kollegen aus vergangenen Kommando-Zeiten. Sein Zögern in Bezug auf Wye zeigt, dass er anders als sein Vorgänger in der Partei (Shimon Peres) und andere taubenhafte Mitglieder der von ihm geführten Partei nicht bereit ist, sich auf die blauäugigen Visionen eines messianischen Nahen Osten zu verlassen, in dem Territorium keine Rolle spielt und alles nur noch Goodwill ist.
Er sucht den Frieden, weiss aber, dass es sich um einen bewaffneten Frieden handeln wird. Und er will sicherstellen, dass Israel das Territorium besitzt, von welchem aus es sich gegen einen Feind verteidigen kann, der sich ungeachtet seiner besänftigenden Worte, die er auf englisch liefert, noch immer nach der Ausradierung des jüdischen Staates sehnt.
Wenn Clinton denkt, es sei schwierig, Barak durch Wye hindurch zu manövrieren, ist dies ein Kinderspiel verglichen mit dem, was noch kommt.Wenn die Gespräche über Jerusalem und die definitiven Grenzen erst einmal beginnen, könnte Clinton sich direkt nach den Tagen Netanyahus zurücksehnen.
Wenigstens hatte er damals jemanden, den er herumkommandieren konnte.

© Jerusalem Post





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