Hohe Erwartungen, wenig Substanz
Was die Schoa anbetrifft, wird behauptet, sie entstamme ganz und gar heidnischer Ideologie. Weiter heisst es: «Dennoch kann man sich fragen, ob die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten doch nicht auch von altjüdischen Vorurteilen begünstigt wurde, die in den Köpfen und Herzen einiger Christen lebendig waren. Haben die meisten Christen den Verfolgten, und darunter besonders den Juden, jede mögliche Hilfe gewährt?- Zweifellos gab es viele Christen, die ihr Leben riskierten, um das Leben ihnen bekannter Juden zu retten und ihnen beizustehen!» Dieser Text kann an kleinlicher Apologie kaum übertroffen werden. Es ist natürlich keine Frage, dass die Verfolgung der Juden durch die Kirche in zwei Jahrtausenden den Weg bereitet hat für den rassistischen Judenhass, der zur Schoa führte. Hier ein Fragezeichen zu setzen, verfälscht die historische Wahrheit.
Nur Ansätze von Reue
Judenfeindschaft war auch nicht nur in den «Köpfen und Herzen einiger Christen» lebendig, sondern es handelte sich weitgehend um die Lehren der Kirche schlechthin. Schliesslich war es leider nur eine Minderheit, die den Juden beistand. Es fällt also heute immer noch schwer, sich zu der eigentlichen Schuld zu bekennen. Ein weiteres Problem ist die grosse Schwierigkeit des Vatikans, die Kirche als solche für schuldig zu bekennen; man verweist hier immer auf einzelne sündige Christen. Anderseits ist man sich durchaus darüber im Klaren, dass hier eine unredliche Vereinfachung vorgenommen wird. Daher findet sich an anderer Stelle unter der Überschrift «Systematische Darstellung» ein Versuch, dem apologetischen Sprachgebrauch zu entgehen. Die Passage lautet: «Die Kirche sei heilig, insofern sie vom Vater durch die Vermittlung des Kreuzopfers des Sohnes in Heiligkeit konstituiert wurde. Sie ist darum nicht ein menschliches Werk, sondern die Gabe des heiligen Geistes an die Menschen. Doch in einem gewissen Sinn ist die Kirche auch Sünderin, insofern sie real die Sünden derer, die sie wie ihre Kinder geboren hat, auf sich nimmt!» Es wäre also durchaus sinnvoll gewesen, auf dem Hintergrund des eigenen Verständnisses von Kirche auch gegenüber den Juden die Schuld der Kirche zu bekennen. Angesichts der Verbrechen an den Juden wird jedoch die Schuld auf «einige Christen» reduziert.Immerhin soll nicht verschwiegen werden, dass wiederum, wie schon im Schoa-Dokument, alle Christen von heute zu einem «Akt der Reue», das heisst «Teschuva», aufgerufen werden. Man wird also feststellen können, dass hier Ansätze vorliegen, «sich durch Reue von Irrungen, Treulosigkeiten, Inkonsequenzen und Verspätungen zu reinigen». Möge es der Kirche gelingen, sich auch angesichts der immensen Schuld an den Juden mit diesen Sünden voll zu konfrontieren und wirklich das auszuüben, was unsere Propheten als «Teschuva» auch von der Kirche fordern.
Das Schuldbekenntnis der Schweizerischen Bischofskonferenz
Seit geraumer Zeit arbeitet eine Kommission der Schweizerischen Bischofskonferenz gemeinsam mit einer Delegation des SIG an einer Erklärung, die vor Ostern im ganzen Wortlaut veröffentlicht werden soll. In einer Pressekonferenz gab Bischof Koch das Wesentliche dieser Erklärung bekannt. Es geht vor allem darum, dass die Katholische Kirche in der Schweiz gegenüber dem jüdischen Volk während des 2. Weltkrieges Versäumnisse einzugestehen habe. Es sei zu wenig zur Rettung von Leben und Würde verfolgter Menschen getan worden. Die Kirche habe es unterlassen, antijüdische Texte aus der Liturgie zu entfernen. Die Ermordung der sechs Millionen Juden sei ein Verbrechen, welches das ganze 20. Jahrhundert verdüstere. Heute gäbe es Tendenzen der Vertuschung, und die Bischöfe fordern, dass Erinnerungen an das Geschehen und Übernahme von Verantwortung Pflicht gegenüber der Gerechtigkeit und des Glaubens an Gott sei. Bekämpfung der Judenfeindschaft sei dringendes seelsorgerisches Anliegen. Der Glaube darf nicht durch Feindschaftsideologien gegen Juden weitergegeben werden; das bedeutet Beseitigung des christlichen Antijudaismus. Der ungekündigte Bund Gottes mit Israel wird anerkannt. Auch die Kirche weiss sich in Bund und Erwählung hineingenommen.
Die Christen, stellt die Bischofskonferenz schliesslich fest, müssten leider akzeptieren, dass sie von den Juden nicht als Bundesgemeinschaft anerkannt seien. Als Begründung für diese Ablehnung werde die christliche Judenfeindschaft angegeben. Diese Feststellung entspricht zwar den Tatsachen, man kann sich aber fragen, warum sie in diesem Text erwähnt worden ist. Angesichts dessen, was man Juden in fast zwei Jahrtausenden angetan hat, ist es selbstverständlich, dass Juden Christen nicht als ihre Bundesgemeinschaft ansehen. Wenn die Kirche Wert darauf legt, dass dies einmal in der Zukunft geschieht, müsste noch sehr viel erfolgen, damit jüdisches Vertrauen gegenüber der Kirche voll gerechtfertigt wird. Zwischen uns steht immer noch die Geschichte, und ihr hat die Kirche sich leider noch immer nicht voll gestellt.
Die Bitte für die Fehler von Christen, die der Papst am 12. März im Petersdom aussprach, hat auch die Juden eingeschlossen, ging aber über das nicht hinaus, was bereits früher gesagt wurde. Er drückte seinen Wunsch aus, dass «echte Brüderlichkeit» mit den Juden herrsche. Damit hat er sich im Rahmen dessen gehalten, was die internationale theologische Kommission in dem vorher erwähnten Dokument ausgedrückt hat. Anderseits ist zu bedenken, dass sich die Verfehlungen, Vergehen und Irrungen von Gläubigen in 2000 Jahren zu einem gewaltigen Sündenregister ausgewachsen haben, so dass das Schuldbekenntnis notgedrungen allgemein und pauschal blieb. Dieses Sündenregister ist ungeheuer gross; Kreuzzüge, Inquisition, Zwangsbekehrung, Religionskriege und schliesslich die Behandlung der Juden sind sein Inhalt. Das Verhalten von Katholiken während der Schoa fand keine besondere Erwähnung. So hat also, zumindest für Juden, dieses Schuldbekenntnis keinen besonderen Gehalt und sagt nichts aus, was nicht längst schon bekannt wurde.
Vor der Israelreise des Papst
Vielleicht entschliesst sich der Papst nächste Woche, wenn er seine Pilgerfahrt in das Land Israel unternimmt, zu tiefergehenden und weiterreichenden Erklärungen, weil hier ein spezieller Anlass und konkrete Ansprechpartner vorhanden wären, denen er das sagen könnte, was man von einem Papst erwartet, der die Schornsteine der Krematorien von Auschwitz hat rauchen sehen und der in seinem Leben den Juden immer menschlich verbunden geblieben ist. Hoffentlich gelingt es dem alten Mann, sich aus den Beschränkungen seiner römischen Umgebung geistig und menschlich zu befreien.


