Hohe Erwartungen
Genauso wie heute waren vor einhundert Jahren Buchläden und Zeitungen voll mit Voraussagen darüber, was das nächste Jahrhundert bringen würde. Im Rückblick erscheinen diese Prognosen oft wie Spiele oder ein Zeitvertreib. In Tat und Wahrheit aber liefern sie den unumstösslichen Beweis für den Überlebenswillen der Spezies Mensch.
In Grossbritannien veröffentlichte H. G. Wells, der populärste Prognostiker, seine «Anticipations» im Jahre 1900. Er analysierte die Auswirkungen der technologischen Veränderungen auf die Bevölkerungsverteilung, auf die soziale Entwicklung und auf das Wohlergehen. Wells sagte das Heranwachsen gigantischer Stadtzonen voraus, die weite Teile der Landschaft verschlucken würden. Ferner prognostizierte er den Untergang bestehender politischer Systeme und die Mechanisierung der Kriegsführung.
In der Schrift «The War in the Air» (Der Krieg in der Luft), die er ein paar Jahre später veröffentlichte, schuf er prophetisch anmutende Darstellungen von Luftkämpfen, die seiner Meinung nach die Unterscheidung im Krieg zwischen Kämpfenden und der Zivilbevölkerung verwischen würden, die seit dem Ersten Haager Abkommen von 1899 von den Nationen anerkannt worden war.
In Frankreich bezeichnete Emile Durkheim einen Krieg zwischen seinem Staat und Deutschland zwar als «das Ende von allem», warnte aber vor der noch grösseren Gefahr, die der revolutionäre Sozialismus beinhalte, der die ganze gesellschaftliche Ordnung zerstören und an ihrer Statt nicht «die Sonne einer neuen Gesellschaft», sondern eher «ein neues Mittelalter, eine neue Periode der Dunkelheit» schaffen würde.
In Deutschland sprach Max Weber von dem Schrecken, den er angesichts der Aussicht empfinde, wonach die Welt «eines Tages nur noch von diesen kleinen Robotern gefüllt sei, kleinen Menschen, die ihre kleinen Arbeiten verrichten und grössere anstreben würden». Er sprach von der Bedrohung, welche heimatlose, entwurzelte soziale Gruppen darstellen würden, die unter modernen demokratischen Bedingungen einem demagogischen Cäsar an die Macht verhelfen könnten.
Ungeachtet all dieser dunklen Spekulationen aber blieben alle diese Denker im Wesentlichen soziale Optimisten, verhaftet der «besonders albernen hoffnungsvollen Denkart des 19. Jahrhunderts» (Wells).
Einzigartig in seiner Voraussicht war der tschechisch-jüdische Schriftsteller, der sich im Juli 1914 anschickte, eine prophetische, albtraumartige Vision zu Papier zu bringen, in welcher mysteriöse soziale Kräfte das Individuum der Kontrolle seines eigenen Schicksals entledigen. «Das Urteil» wurde erst 1925 veröffentlicht, ein Jahr nach Kafkas Selbstmord. Sogar dann war das Buch mit seiner bedrückenden Ankündigung einer Welt von Gestapo und NKWD seiner Zeit voraus. Keinem konventionellen Sozialanalytiker wäre es gelungen, durch die Extrapolierung der damals aktuellen Bedingungen im «indischen Sommer» der Habsburger Monarchie einen derart phantasievollen Sprung vorauszusagen.
Können wir es angesichts eines so deprimierenden Hintergrundes überhaupt wagen, unsere eigenen Voraussagen zu machen? Nicht nur das, wir müssen es. Einige der grossen Gefahren, die vor einem, zwei Jahrzehnten das Überleben der Menschheit bedroht hatten, scheinen gebannt zu sein. Die Gefahr einer Bevölkerungsexplosion weicht allmählich, wächst die Einwohnerschaft doch nur noch in wirklich zurückgebliebenen Wirtschaften noch. Die «grüne Revolution» hat das Gespenst des Hungers aus weiten Regionen vertrieben, in denen es früher zu den Alltagserscheinungen gehört hatte. Das Ende des Kalten Krieges hat die Angst vor einem nuklearen Holocaust zwar nicht eliminiert, aber doch reduziert.
Sollen wir also die von unseren Vorgängern vor hundert Jahren praktizierte «alberne Hoffnung» nachvollziehen? Auf keinen Fall. Die Menschheit ist zwar belesener und besser erzogen als vor 100 Jahren, doch deswegen nicht intelligenter oder kooperativer. Die erstaunlichen medizinischen Fortschritte der letzten 100 Jahre haben die Lebenserwartung weit über das hinausgehoben, was man sich 1900 noch vorstellen konnte, doch gibt es deswegen keine Beweise dafür, dass wir heute glücklicher oder zufriedener leben als unsere Vorfahren.
Die vielleicht wichtigste Prophetie, die über unsere Zukunft angestellt werden kann, hängt mit dem eigentlichen Wesen der Vorhersagen zusammen. Der grosse Wandel, den fortgeschrittene Gesellschaften in den letzten 100 Jahren durchgemacht haben, liegt darin begründet, dass sie sich von hauptsächlich rückwärtsblickenden zu vorwiegend zukunftsorientierten Organismen verändert haben.
In allen Sphären, von der Erziehung über die Ökologie und die Wirtschaft bis hin zum Ingenieurwesen, hängen wir heute auf Gedeih und Verderb von intelligenten sozialen Voraussagen ab. Das genau ist das Erfolgsrezept für alle Gesellschaften im nächsten Jahrhundert. Deshalb müssen wir weiterhin versuchen, Propheten zu sein und Ideologien und Argumente, die auf undenkbare Weise an den Werten der Vergangenheit festhalten, wie Ballast abzuwerfen. Egal, ob es sich hier um religiösen Primitivismus handelt, um ethnischen Partikularismus oder um kulturellen Exklusivismus.Vor allem müssen wir uns von der geistlosen Passivität lösen, die dem Begriff «Gott wird helfen» innewohnt, mit dem ich oft konfrontiert bin, wenn ich Juden, vor allem Israelis auffordere, realistisch anstatt mit «törichter Hoffnung» über ihre Zukunft nachzudenken.
In hundert Jahren werden unsere Nachfolger zweifelsohne mit Erbarmen und herablassend auf uns zurückblicken. Sorgen wir zumindest dafür, dass sie anerkennen müssen, dass wir trotz aller Rückschritte und engstirnigen Anschauungsweisen den schwierigen, aber unbedingt notwendigen Versuch unternehmen, unsere eigene Zukunft zu schaffen, anstatt hilflose Gefangene der Geschichte zu bleiben.
Eine selbstbewusste Planung der Zukunft unterscheidet den Menschen von allen anderen Tieren. Schon alleine dies kann unsere Spezies von einem von Kräften jenseits unserer Kontrolle geformten Lehmklumpen zu Herren unserer eigenen Schöpfung wandeln.
(Jerusalem Post)


