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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Hoffnung und Schrecken

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Über 100 000 Israelis haben am Gedenkanlass für Yitzchak Rabin teilgenommen, der vor genau 5 Jahren auf dem heute nach ihm benannten Platz im Herzen Tel Avivs nach Abschluss einer Friedensdemo ermordet worden war. Seit damals waren nie mehr so viele Menschen an eine Kundgebung gekommen wie am Abend des 4. Novembers 2000. Man sang die Lieder von damals, und führte ähnliche Transparente wie 1995 mit. Die Redner beschworen die verfeindeten Völker, die schwindenden Aussichten auf einen Frieden nicht wie Sand gänzlich zwischen den Fingern zerrinnen zu lassen, und in seinem ersten echt staatsmännischen Auftritt seit seiner Wahl erinnerte Präsident Moshe Katzav an die einigenden Faktoren unter den Israelis und forderte auf, diese über das Trennende zu stellen. - Der Anlass war würdig und unterstrich, wie tief verwurzelt in der israelischen Bevölkerung die Sehnsucht nach Frieden ist, wie sehr weite Teiles des Volkes bereit sind, für einen echten Frieden auch schmerzhafte Kompromisse einzugehen.
Am meisten schmerzt heute im Friedenslager aber die Erkenntnis, dass der Prozess nach ersten hoffnungsvollen Anläufen ins Stocken geraten und ernsthaft gefährdet ist. Den Palästinensern will der Sprung in die politische Salonfähigkeit offenbar nicht gelingen. Obwohl sie in Verträgen formell auf die Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung verzichtet haben, greifen sie immer dann wieder zur Gewalt, wenn Probleme auftauchen oder sie verbale Kompromisszusagen in die Tat umsetzen sollten. Die letzten Wochen haben das ohnehin wacklige Vertrauen Israels in Arafat und seine Leute arg erschüttert.
Auf der einen Seite bröckelt die Hoffnung ab, auf der anderen nimmt der Schrecken zu. Glaubten wenige Tage nach dem Rabin-Mord noch zwei Drittel der Israelis nicht an die Möglichkeit einer Wiederholung dieser Schreckenstat, schliessen jetzt schon 75% die Verübung eines weiteren Polit-Mordes durch einen jüdischen Israeli nicht mehr aus. Es kommt aber noch schlimmer: 12% würden gemäss der gleichen Umfrage den Mörder Yigal Amir begnadigen, physische Gewalt anwenden, um die Rückgabe weiterer Gebiete an die Palästinenser zu verhindern, und Politiker, die dies doch tun, mit einem religiösen Bannfluch belegen. - Starb Rabin tatsächlich umsonst, und wurden die sieben Jahre seit dem Washingtoner Händedruck unnütz vertan?





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