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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Hitlers «Mein Kampf» auf tschechisch

von Magnus Bennett, October 9, 2008
Trotz heftiger Proteste von jüdischer Seite, Menschenrechtsgruppen und den deutschen Behörden hält der Prager Verlag Otakar II an seiner Absicht fest, eine tschechische Übersetzung von Hitlers «Mein Kampf» in einer Erstauflage von 10 000 Exemplaren zu veröffentlichen, und zwar ohne irgendwelche Fussnoten oder Distanzierungen.
Unerwünschte Literatur: «Mein Kampf auf tschechisch.» - Foto Keystone

Der Verlag Otakar II, der Hitlers «Mein Kampf» in tschechischer Übersetzung publiziert, hält das Buch für ein «historisches Dokument». Demgegenüber verurteilt der Bund jüdischer Gemeinden in der tschechischen Republik das Unternehmen, und Tomas Kraus, der Exekutivdirektor des Bundes, schliesst gerichtliche Schritte nicht aus, um so die Verbreitung des Buches mit seiner rassistischen Ideologie zu verhindern. Die bevorstehende Veröffentlichung brachte die Menschenrechtsgruppe «Czech Freedom Fighters» auf den Plan, die Otakar II möglicherweise anklagen wird. «Das Buch ohne irgendwelche Kommentare ist reine faschistische Propaganda», sagte Jakub Cermin, der Leiter der Gruppe.Demgegenüber erklärte Verleger Michal Zitko, er werde ein Gesuch der deutschen Botschaft in Prag, das Buch nicht auf den Markt zu bringen, ablehnen. «Niemand konnte mich davon überzeugen, es nicht zu publizieren», sagte er. «Hitler war einer der zehn wichtigsten Menschen der Geschichte, und er beeinflusste ganz Europa. Das Buch ist ein historisches Dokument über einen toten Mann.» In Bezug auf die Fussnoten meinte Zitko, er wüsse nicht, wie lange diese sein sollten, wer sie verfassen würde und welchen Inhalts sie zu sein hätten. Die Publizität rund um das Buch würde, so fügte er hinzu, seinen Umsatz steigern. «Dank des grossen Medieninteresses werden die Bücher sicher verkauft werden.»Gemäss tschechischen Presseberichten versucht das deutsche Land Bayern, das die Rechte über das Buch besitzt, die Verbreitung in der Tschechischen Republik zu verhindern. Er soll die Bundesregierung um Intervention gebeten haben. Anfangs der 90er Jahre hat Bayern mit Erfolg die Publikation von «Mein Kampf» in Kroatien, Schweden und der Türkei unterbunden. Zurzeit prüft die tschechische Polizei, ob die Veröffentlichung des Buches im Widerspruch zu den geltenden Gesetzen steht. Juristen weisen allerdings darauf hin, dass Deutschland den Verkauf von «Mein Kampf» nicht wird verhindern können. «Autorenrechte erlöschen in der Tschechei nach 50 Jahren», erklärte der Prager Anwalt Jiri Ternygel. Da sie in der Europäischen Union 70 Jahre lang Bestand haben, wird der tschechische Senat möglicherweise eine Vereinheitlichung der europäischen und lokalen Copyright-Gesetzgebung anstreben. Das wird aber kaum vor Dezember geschehen. «Mein Kampf» ist in der Vergangenheit zweimal auf tschechisch erschienen: 1936 und 1993. Beide Ausgaben waren mit erklärenden Fussnoten versehen gewesen, wobei die Letzteren vom früheren tschechoslowakischen Aussenminister Jiri Hajek stammen.
JTA

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Leichen im Keller

Prag / Kah. - Er wurde bei Bauarbeiten entdeckt, er wurde wissenschaftlich untersucht, und dann wusste man nicht weiter. Der älteste jüdische Friedhof Böhmens ist zu einem fast täglich in den tschechischen Medien diskutierten Objekt geworden, nachdem zuerst die Prager jüdische Gemeinde, später orthodoxe Juden aus dem Ausland an der Baugrube medienwirksam protestiert hatten, um gegen eine weitere Zerstörung des Friedhofs einzutreten. Die Baubewilligung der tschechischen Versicherungsgesellschaft kollidierte mit den jüdischen Vorstellungen, die Toten ein Recht auf ungestörte Grabesruhe zugestehen und den Lebenden aufgeben, diese zu verteidigen.
Nun wird der «Jüdische Garten», so will es der von allen Seiten begrüsste Kompromiss, in einem unzugänglichen Betonsarkophag enden. Hermetisch abgeschlossen, sollen die Gräber so «an Ort» belassen werden können und trotzdem den Neubau zulassen, an dem lediglich Anpassungen vorgenommen werden müssten. Das Gräberfeld wird in das entstehende Verwaltungsgebäude der Versicherung, das an der Prager Fundstelle entsteht, integriert. Darauf konnten sich am 29. März nach monatelangen Verhandlungen die tschechische Regierung, Vertreter der jüdischen Gemeinde und die Bauherren einigen.
Der mittelalterliche «hortus iudaeorum» hat besonders in ausländischen jüdischen Kreisen Aufsehen und Empörung erregt, wobei viele Falschmeldungen in Umlauf waren und den Fall aufgebauscht haben.
Der tschechische Oberrabbiner Si-don hatte nach internationalen Protesten den aschkenasischen Oberrabbiner Israels um Rat gebeten, der seinen Gesetzen folgend jeglichen Eingriff ins Gelände ablehnte, doch einigte man sich in Prag schliesslich auf eine Variante, die von der jüdischen Gemeinde vorgebracht worden ist. Die exhumierten Knochen sollen an den Fundort zurückgelegt werden, worauf dieser selber eingesargt wird. Der Rest des Friedhofs, mit Ausnahme der Fläche, die auf der zu überbauenden Parzelle liegt, wird zum nationalen Kulturdenkmal erklärt.
Nun sind Diskussionen über die Finanzierung dieser Lösung in Gang. Die tschechische Regierung hat sich verpflichtet, 45 Millionen Kronen beizutragen, für den Rest sollte die Versicherungsgesellschaft aufkommen. Diese ihrerseits findet, dass sich auch die jüdische Seite an den Mehrkosten beteiligen sollte. Aussenminister Kavan hat angekündigt, sich an die amerikanische Aussenministerin Albright zu wenden, die von möglicher Hilfe gesprochen haben soll. So wird Prag wohl zu einem Unikat kommen: Ein mittelalterlicher Friedhof, unsichtbar, unbetretbar, der in Beton eingepackt im Keller einer Versicherung ruht. Neben dem pittoresken, von Touristen geliebten «alten» wird es einen noch älteren jüdischen Friedhof im Keller liegen haben.


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