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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Hitler übernimmt die Rolle des Pharao

von Peter Ephross, October 9, 2008
Die kürzlich in New York veröffentlichte Haggada schildert den Exodus der Juden aus Ägypten nicht im herkömmlichen Stil. Vielmehr benutzt die «Haggada eines Überlebenden», die ein Holocaust-Überlebender in den Jahren 1945 und 1946 in Deutschland geschrieben hat, die Sprache des traditionellen Exodus, berichtet aber über den Holocaust und das Wiedererwachen jüdischen Lebens in den Lagern für «displaced persons» (DP) nach dem 2. Weltkrieg. Die «Haggada eines Überlebenden» ist nun von der New Yorker Jewish Publication Society wieder publiziert worden.
Haggada eines Überlebenden: Blick in den Abgrund der Geschichte. - Foto JTA

In der von Yosef Dov Sheinson aus dem litauischen Kovno verfassten «Haggada eines Überlebenden» übernimmt Hitler, der «seine hungrigen Hunde auf die Kinder Israel ansetzt und so ihre Zahl reduziert», die Rolle des Pharao. Die Juden, die in der ihnen gewohnten Rolle als Opfer auftreten, übergeben ihre Kinder christlichen Familien. Einige von ihnen verstecken die Kinder aus Überzeugung, andere für Geld. Letztere melden die Kinder dann meistens den Nazis, was ihren Tod zur Folge hat.
Die in der ursprünglichen Pessach-Geschichte von Gott verhängten 250 Strafen werden in dieser originellen Haggada von den Alliierten den Deutschen verabreicht. Die DP-Lager sind der Ort, an dem die «Sche\'erit Hapleta», die Überreste des europäischen Judentums, ihre Renaissance beginnen. Die Haggada kritisiert aber die inner-jüdischen Kämpfe in den Lagern, etwa zwischen orthodoxen und sekulären Juden.Der Autor, ein Hebräisch-Lehrer, der schon vor dem Krieg ein aktiver Zionist war, überlebte den Holocaust als Zwangsarbeiter. Nach der Befreiung verliess er das KZ Theresienstadt, das sich damals in sowjetischen Händen befunden hatte. Nach einem kurzen Aufenthalt im DP-Lager von Landsberg liess Sheinberg sich in München nieder, wo er bei einer jüdischen Zeitung mitwirkte und seine Haggada schrieb. Gegen Zigaretten und Lebensmittelrationen wurde diese von einem deutschen Verlag herausgegeben. Saul Touster, ein emeritierter Professor der Brandeis-Universität, entdeckte die Haggada 1996, als er die Papiere seines verstorbenen Vaters durchsah. Das Buch war seinem Vater gewidmet, der lange bei der «Hebrew Immigrant Aid Society» (HIAS) gearbeitet hatte. Die Haggada wurde ihm anlässlich des Besuchs eines Lagers im Jahre 1952 überreicht. Touster beschloss, die Haggada zum Andenken an seinen Vater zu veröffentlichen. Er liess sie vom Hebräischen und Jiddischen übersetzen und versah sie mit einem eigenen Kommentar. Touster betrachtet sich als Holocaust-Opfer, der überlebte, weil er das Glück hatte, in den USA geboren zu sein. Letztes Jahr benutzte er die Haggada am Sederabend, wobei er zugab, dass sie die Stimmung stark beeinflusste. «Es geht weniger um gute Taten, dafür spürt man das Erlebnis fast physisch. Und natürlich drückt der Text auf die Laune.» Touster empfiehlt, die Haggada als Ergänzung zur traditionellen Version zu benutzen. Zusammen mit 16 Holzschnitten, die der ungarische Holocaust-Überlebende Mikos Adler während des Krieges angefertigt hat, fügt die Haggada die Last des Holocausts zur relativ fröhlichen Pessach-Geschichte hinzu. Am klarsten spürbar ist Sheinsons Kampf auf der Suche nach Antworten auf Fragen bzgl. der Existenz Gottes und des jüdischen Überlebens nach dem Krieg. Die traditionellen vier Fragen wurden mit zusätzlichen Fragezeichen versehen, für Touster ein Hinweis auf die alles überlagernde Frage, wie Gott den Holocaust überhaupt geschehen lassen konnte. Auf einer anderen Seite integrierte Sheinson ein Fragment aus der Thora: «Vehi Emunateynu», d.h. «Das ist unser Glaube». Die Antwort des Autors scheint im Zionismus zu liegen. Ein Grossteil der Haggada ist tatsächlich als zionistische Polemik formuliert. So erscheint die Geschichte der vier Söhne in zionistischen Begriffen. Jeder der Söhne erhält auf die Frage, warum die Juden nach Palästina gehen sollen, eine auf ihn zugeschnittene Antwort. So erklärt man dem weisen Sohn: «Wer weiss, wie lange ihre Wohltätigkeit und ihr schützender Arm für uns da sein werden? Ein Heim und ein Land sollte man nicht auf Wohltätigkeit basieren sondern auf Recht.» Trotz seiner offensichtlich zionistischen Einstellung hat Sheinson selber sich nie in Israel niedergelassen. 1948 ging er nach Montreal, wo er bis zu seinem Tode Mitte der 90er Jahre in der hebräischen Ausbildung arbeitete. Eine der bewegendsten Passagen der Haggada findet sich in einem Kommentar Tousters. Ein Holocaust-Überlebender, der, so schreibt Touster, nach dem Krieg in München an einem Seder teilnahm, erinnert sich an den Moment, als die vier Fragen an der Reihe waren. Normalerweise ist es die Aufgabe des Jüngsten am Tisch, die Fragen zu stellen. Als man feststellte, dass gar keine Kinder anwesend waren, blieb lange Zeit kein Auge trocken. Dann aber begannen die Erwachsenen, die Fragen gemeinsam zu formulieren. Der Überlebenswille hatte gesiegt.

JTA


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