Gut geölte Propagandamaschinerie der Palästinenser
Beit Jala und Beit Sahur sind mehrheitlich von Christen bewohnte Städte, die 1995 in die palästinensische Autonomie entlassen wurden. Die Bewohner besassen im Allgemeinen gute Beziehungen zu Israel geschäftlicher und auch freundschaftlicher Art. Aus den jüngsten Zusammenstössen hielten sie sich wo immer möglich heraus. Das galt bis zur Beschiessung Gilos mitten heraus aus Beit Jala. Israel antwortete mit Vergeltungsschlägen gegen die Richtung, aus der die Schüsse herrührten. Seit Wochen behauptet Israel, dass die Tanzim, die paramilitärische Organisation der Fatach, durch ihre aus Beit Jalla und Beit Sahur herrührenden Beschiessungen israelischer Ziele Gegenschläge gegen christliche Stätten provozieren wolle. Dadurch solle eine Miteinbeziehung der christlichen Weltöffentlichkeit in den Konflikt erreicht werden. Laut Fotografien der Armee stationierten sich palästinensische Schützen in Beit Jalla oft neben Kirchen und christlicher Stätten. Nach den jüngsten israelischen Gegenschlägen scheint die palästinensische Behörde ihr Ziel erreicht zu haben. Einem fast in frohlockendem Ton gehaltenem Pressekommunikee des «Orient House» war zu entnehmen, dass Faisal Husseini, der Minister für die Angelegenheiten Jerusalems in Arafats Kabinett, die Führung durch die «Beschädigungen in Palästinas historischen christlichen Dörfern» selber leiten würde.
Bewegte Geschichte
Im Südosten von Beit Sahur, hart an der Stadtgrenze, liegt eine israelische Militärbasis. Früher diente sie der jordanischen Armee und lag in einiger Entfernung des Dorfes. Nach dem Sechstagekrieg und der israelischen Eroberung Cisjordaniens wuchs die Ortschaft aber und wurde zu einer Stadt. Aber die weitere Entwicklung der Stadt gegen Südosten ist durch die Basis beeinträchtigt. Dieser Stützpunkt wurde von der Tanzim aufs Korn genommen. In der Nacht kamen einige Männer mit Gewehren, feuerten gegen die Basis und verschwanden wieder. Israel reagierte und die Resultate bekommen die Diplomaten und wir jetzt zu sehen. Das Haus des Arztes Dr. Sami Abu Farha liegt in einer gepflegten gutbürgerlichen Gegend. Man tritt in ein geräumiges, schön eingerichtetes Wohnzimmer. Ein Korridor führt in ein Kinderzimmer, das eine direkte Aussicht auf die Militärbasis hat. Es ist völlig zerstört. Auch von dem Badezimmer ist nur noch wenig übrig. Zerborstenes Glas liegt herum, die Mauer ist von Löchern durchsiebt. Wieso sein Haus aufs Korn genommen wurde, kann sich der Arzt nicht erklären. Es werde Monate dauern und Unmengen kosten, bis er den vorherigen Zustand wieder hergestellt habe. Der nächste Halt ist das Haus des Geschäftsmannes Adnan Yunis. Sein Gebäude befand sich zwar noch im Stadium des Baus, doch versichert er den Zuhörern, dass es schon vollständig möblisiert gewesen sei. Das Gebäude muss abgerissen werden, denn die Stützpfeiler wurden schwer beschädigt. Die palästinensischen Schützen hätten nicht von seinem Haus aus geschossen, ruft Yunis aus, sondern von einem Feld nebenan. Warum beschossen die Israeli denn sein Haus? Wieso bestraften sie ihn? Fortan werde er die Schützen auffordern, sein Haus als Ausgangspunkt für ihre Attacken zu benützen, denn er habe ja nichts mehr zu verlieren.
In dem Haus der Familie von Dr. Jonnie Matarweh lebten sieben Erwachsene und fünfzehn Kinder. Im Wohnzimmer sieht man nur noch verkohlte Überreste des Hausrats. Das einzige Stück, das offenbar nicht vom Feuer ergriffen wurde, ist ein Porträt von Palästinenserführer Arafat. Man muss vermuten, dass es eben erst hingestellt wurde.
Der beissende Gestank verbrannter Polstermöbel hat sich auch zwei Wochen nach dem Angriff noch nicht verflüchtigt. Einer der palästinensischen Begleiter meint, die Israeli hätten Napalm und Phosphor benützt. Die Wände sind schwarz von Russ, auch hier sind die Aussenmauern von Löchern durchsiebt. Zwei weitere, ähnlich zugerichtete Gebäude folgen. Bei dem einem ist ein Balkon halb weggeschossen, das andere ist teilweise eingestürzt. Insgesamt wurden in Beit Sahur 160 Wohnhäuser in Mitleidenschaft gezogen, zwölf von ihnen sind nicht mehr bewohnbar. 270 Erwachsene und 360 Kinder leben in Notunterkünften.
Weiter geht es nach Beit Jala, der Stadt gegenüber von Gilo. Hier wurden 220 Gebäude beschädigt. Drei Häuser müssen abgerissen werden. 25 Fahrzeuge wurden vollständig zerstört. Von einem der betroffenen Häuser hat man eine wunderschöne Aussicht auf das gegenüberliegende israelische Stadtviertel. Der Eingang ist relativ intakt, aber das Obergeschoss ist völlig zerstört. Glassplitter liegen herum, eine halbe Türe hängt aus den Angeln. Reste einer Rakete liegen auf der Veranda, und ein etwa vierzig Zentimeter grosses Loch in der Hauswand zeigt, wo sie ins Innere eindrang. Im Badezimmer zeugt eine Jacuzzi-Wanne, dass der Hausherr aus der Oberklasse stammt. Sein Haus werde er lange Zeit nicht bewohnen können, klagt er. Sein vierzehnjähriger Sohn mit dem Bürstenschnitt, der bei den Alterskollegen diesseits und jenseits der Grenze heutzutage so modisch ist, scheint das Geschehen noch gar nicht richtig erfasst zu haben. Weiter geht es ins nächste Gebäude. Das traurige Bild ist immer dasselbe.
A la guerre comme a la guerre?
Die Führung, die als Propagandatour für Diplomaten angelegt ist, ist eindrücklich. Aber halt, etwas fehlt in dieser traurigen Umgebung. Während all der Klagen über die Verluste erwähnten die Obdachlosen kein einziges Mal ein Todesopfer, nicht einmal Verletzte gab es offenbar bei den massiven Angriffen. Die palästinensischen Gesprächspartner weichen aus, sobald sie auf diese Tatsache angesprochen werden. Das Thema passt nicht so richtig in das Bild der «neuen Nazis», wie ein elegant gekleideter Herr aus dem Orient House die Soldaten jenseits der Grenze nannte. Zu einer Antwort gedrängt, erklären sie widerwillig, dass die Hausbewohner eben bei den ersten Anzeichen der kommenden Beschiessung ihre Wohnungen verlassen. Also gab es Vorwarnungen? Auch dazu wollen die Befragten keine klare Antwort geben. Dass die israelische Armee die Bürger vor kommenden Beschiessungen warnte, damit keine Menschen zu Schaden kämen, will hier niemand zugeben. Und doch ist es so. Israel liess den Bürgern von Beit Sahur und Beit Jala über verschiedene Kanäle Warnungen vor kommenden Beschiessungen zukommen. Und zur Sicherheit richteten sie offenbar das Maschinengewehrfeuer zuerst auf die Gartenwände. Erst nachdem sich die jeweiligen Hausbewohner in Sicherheit begeben konnten, wurden die jeweiligen Häuser mit Raketen unter Beschuss genommen. Die Tatsache, dass alle Hausbewohner die israelischen Angriffe überlebten und hier sind, um von ihren materiellen Verlusten Zeugnis zu geben, beweist zumindest, dass die israelische Armee zivile Opfer wo immer möglich vermeiden will. (Der Tod des deutschen Arztes Dr. Harry Fischer ist eine traurige Ausnahme.) Aber die Propagandamaschinerie des Orient House funktioniert wie geölt. Das Manko fehlender Opfer wird mühelos überspielt. Die Diplomaten hören den Klagen höflich zu. Ob wohl einer von ihnen auf den Gedanken kam, dass ihnen zumindest teilweise eine Scharade vorgesetzt wurde?
«Böse Menschen»
Zum Schluss der Tour bedankt sich ein amerikanischer Journalist, der die israelischen Soldaten als «those evil people» (diese bösen Menschen) benannt hatte und sich schliesslich als Mitglied einer Hilfsorganisation erwies, für die solidarische Unterstützung, die wir mit unserem Besuch in den betroffenen Ortschaften bewiesen hätten.
Übrigens gibt es auch auf der anderen Seite der Grenze Obdachlose. Zwar brannte in Gilo nur eine einzige Wohnung aus. Und die Kugeln, die in die Wohnungen eindrangen, trafen glücklicherweise auch hier niemanden. (Ein Grenzsoldat, der in einem Spital um sein Leben kämpft, ist auch hier eine traurige Ausnahme.) Aber die Bewohner der exponierten Häuser flüchteten, und auch sie leben nun bei Freunden und Bekannten oder in einer Notunterkunft. Ob die mangelnden Opfer auf israelischer Seite auch dem guten Willen der Schützen zuzuschreiben ist? Man darf es füglich bezweifeln. Viel eher ist die günstige Opferbilanz eine Folge des Mangels an schwerem Geschütz.
Der Autor ist Israelkorrespondent der NZZ.
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«Jetzt Frieden schliessen»
Die seit über einem Monat in Cisjordanien und Gaza anhaltenden Auseinandersetzungen zerstören die Chancen für die Weiterführung des Dialogs, der Voraussetzung für den Frieden ist.
Die Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI) unterstützt jede Initiative Israels, die geeignet ist, eine sofortige Rückkehr an den Verhandlungstisch zu ermöglichen. Voraussetzung dazu ist die endliche Einhaltung der Vereinbarung von Sharm el Sheik und derjenigen, die zwischen Shimon Peres und Yassir Arafat getroffen wurde. Die GSI appelliert deshalb an die dem Frieden verpflichteten Kräfte beider Seiten, alles zu tun, um weiteres Blutvergiessen zu verhindern. Von Israels Regierung und Opposition erwartet die GSI deshalb ein verantwortungsbewusstes und angemessenes Verhalten beim Einsatz der Sicherheitskräfte. Von den palästinensischen Behörden erwartet sie jenes Verantwortungsbewusstsein, zu dem es gehört, davon Abstand zu nehmen, für die Durchsetzung ihrer politischen Ziele ihre junge Generation zu opfern und welches die physische Integrität und das Leben aller Bewohner - gleich welcher Herkunft - garantiert.
Gesellschaft Schweiz-Israel
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Kapitalflucht
Gaza/J.C. - Die Turbulenzen in den autonomen Gebieten erwecken Gerüchte und Befürchtungen über den bevorstehenden Zusammenbruch der Selbstverwaltung. Auf jeden Fall kritisieren palästinensische Geschäftsleute die in der Autonomie tätigen Banken, dass sie ihren Kunden bei der Kapitalflucht ins Ausland behilflich sind. Hohe Beamte der Selbstverwaltung, Bauunternehmer und andere vermögende Personen ergreifen Vorsichtsmassnahmen angesichts der schwierigen Finanzlage der Behörden in Gaza, die in den letzten zwei Monaten nicht imstande waren, den 120 000 Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst die fälligen Löhne auszubezahlen.


