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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Grosse Völker mit alter Geschichte»

von Sharon Kanon, October 9, 2008
Auch als die politischen Beziehungen zwischen Israel und China unterkühlt waren - Peking unterstützte die nationalistischen palästinensischen Gruppen und unterhielt eine Botschaft in Gaza - blieben die militärischen und landwirtschaftlichen Kontakte unbeeinträchtigt. «Nicht jeder, der ein Freund meines Feindes ist», sagte Israels Präsident Ezer Weizman, ein überzeugter Verfechter der «chinese connection», «muss auch mein Feind sein.» Der wirtschaftliche Verkehr begann zu boomen, als China und Israel 1992 formelle diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten. Heute sind mindestens 100 israelische Firmen mit einem Büro in China vertreten, was im Vergleich zu den 270 dort repräsentierten US-Firmen beeindruckt. 1999 dürften Israels Exporte nach China einen Wert von 300 Mio. Dollar erreichen.
Israel Minister of Infrastructure Eliyahu Suissa (left) and China’s Minister of Water Resources Wang Shucheng (right).

Auch wenn buchstäblich Welten liegen zwischen Israel und China - denken wir doch nur an Begriffe wie Grösse, Bevölkerung, Bedürfnisse und Politik - haben die beiden Länder viel gemeinsam. «Die chinesische Nation und die jüdische Nation», sagt Wang Changyi, der chinesische Botschafter in Israel, «sind beides grosse Völker mit einer weit zurückreichenden Geschichte. Beide Nationen leisten grosse Beiträge an die Zivilisation und die Menschheit, haben in der Vergangenheit unbeschreibliche Leiden erfahren, unterstützen sich gegenseitig und empfinden Sympathie füreinander.» Hinzu kommt natürlich, dass die Volksrepublik China dieses Jahr ihren 50. Geburtstag begeht, nur ein Jahr nachdem Israel seinen eigenen Goldenen Geburtstag gefeiert hatte. Die wirtschaftliche Kooperation zwischen den beiden Staaten hat sich vor allem in den letzten Jahren ausgezeichnet entwickelt. Dass der Antisemitismus im chinesischen Volk unbekannt ist und die Chinesen dem jüdischen Volk hohen Respekt zu zollen scheinen, dürfte die Basis für solch warme und herzliche Beziehungen bilden.
Von allen Kooperationsbemühungen sei die Landwirtschaft «Israels beste Botschafterin für China». Diese Meinung vertritt Prof. Dan Levanon, der Chef-Wissenschafter des Landes. «Israels Einfluss auf die chinesische Landwirtschaft ist ausserordentlich, denn trotz des Bildes eines reichen Landes mit unter Wasser stehenden Reisfeldern, das man allgemein von China hat, bestehen mehr als 50% des Geländes aus Wüste.» «Während Ost-China reichlich Niederschläge empfängt und oft sogar von Überschwemmungen heimgesucht wird», meint Prof. Yossi Shalhevet, der 1990 das erste israelische Liaisonbüro in Peking leitete, «ist die ganze West-Region sehr arid». Shalhevet steht heute dem israelisch-chinesischen Internationalen Zentrum für Landwirtschafts-Ausbildung in Peking vor, dem ersten derartigen Zentrum, das Israel im Ausland errichtet hat.Mashav, das Zentrum für internationale Kooperation des israelischen Aussenministeriums, trägt zur Finanzierung des Pekinger Zentrums bei, organisiert Kurse, unterhält Laboratorien, ein Computer-Zentrum, Lernmittel und eine permanente israelische Kunstausstellung. Die israelische Modellfarm südlich von Peking ist eine echte Touristenattraktion.

Jahrzehntelange Beziehungen

Ohne grosses Aufsehen zu machen, helfen israelische Wissenschafter chinesischen Bauern seit Jahrzehnten. Noch vor sechs Jahren konnte man in China keinen Salat erhalten. Heute züchten chinesische Bauern Gurken, Tomaten, Paprika usw. Das Saatgut wurde in Israel entwickelt. Auch als die politischen Beziehungen kühl waren (die Chinesen unterstützen nationalistische palästinensische Gruppen seit den 60er Jahren und unterhalten in Gaza eine Botschaft), nahmen die wirtschaftlichen, militärischen und landwirtschaftlichen Kontakte zwischen den beiden Ländern ihren Fortgang. Präsident Ezer Weizman, ein überzeugter Verfechter der «chinese connection», meinte dazu: «Nicht jeder, der ein Freund meines Feindes ist, muss auch mein Feind sein.»
Shaul Eisenberg, dessen Familie während des 2. Weltkrieges nach China geflohen war, erzielte als einer der ersten israelischen Geschäftsleute Erfolge in China. UDI (United Development Incorporated), eine der Gesellschaften der Eisenberg-Gruppe, gehört zu den ältesten und grössten ausländischen Firmen, die in der Volksrepublik China tätig sind. Seit mehr als 20 Jahren hilft UDI mit seinen 12 Büros in China vielen israelischen Firmen, sich auf dem chinesischen Markt zu etablieren. Zu diesen Firmen zählen ECI, Dead Sea Works, ZIM und Orckit.Schlüsselwort Beziehungen
Mit einem China-Umsatz von deutlich über 70 Mio. Dollar wickelt ECI Telecom den wesentlichen Teil des israelischen Exports in dieses Land ab. Die Mehrheit von Chinas internationalem Telefon- und Faxverkehr wird mit der Hilfe von ECI-Ausrüstung vermittelt. An der Wand von Amos Yudans Büro in Tel Aviv entdeckt man Fotografien aus der Volksrepublik China. «Beziehungen lautet das Schlüsselwort in China, und da Entscheidungen in der Regel von einem Team getroffen werden, muss man Beziehungen zu Teams aufbauen.» Yudan, Vorsitzender der Handelskammer Israel-China, war einer der Pioniere, die den Weg für israelische Firmen geebnet haben. Yudans Verbindungen zu China gehen auf das Jahr 1983 zurück, als ihn eine grosse israelische Gesellschaft mit dem Auftrag dorthin sandte, eine Fabrik zu errichten. 1987 gründete er Copeco, eine «nicht-israelische», aber von Israels Regierung beaufsichtigte Gesellschaft mit Sitz in Hongkong. Die Gesellschaft arrangierte Besuche für Handelsdelegationen. Als erstes gelang es ihr, China für wanderlustige israelische Touristen zu öffnen. Mit der Aufnahme formeller diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und China 1992 kam die Wende.

Der Blick nach Osten

Heute haben mindestens 100 israelische Firmen Büros in China, was im Vergleich zu den 270 amerikanischen, dem «US-China Business Council» angehörenden, Unternehmen sehr beeindruckend ist. Scitex benutzt China als Ausgangspunkt für seine Aktivitäten in Asien. RAD Data Communications, Ormat Industries, Israel Aircraft Industries, VocaTec, Witcom und Checkpoint zählen zu den besonders aktiven israelischen Firmen, die auf ihren Gebieten Nischen in China ausmachen konnten. Gilat Satellite Networks ist zum Marktführer bei der Verbreitung von Börseninformationen auf dem Satellitenweg geworden. Seit 1993 hat die Firma ihre Tätigkeitsbereiche ausgedehnt, zu denen jetzt auch der Bankensektor und die Umwelt-Überwachung gehören. Als letztes Jahr während der katastrophalen Überschwemmung des Yangtze-Flusses alle Linien unterbrochen waren, blieb die Ausrüstung der Bodenstation von Gilat intakt. Die Chinesen waren sehr beeindruckt. Bryna Franklin (67), eine Israel-Amerikanerin, die kürzlich nach vierjährigem Englischunterricht in China nach Israel zurückkehrte, erklärte: «Die Chinesen bewundern und respektieren Israel. Sie zeigen auf ihren Kopf und sagen: \"Israelis sind gescheit\"».Das 21. Jahrhundert gehört Asien Im April 1999 verlieh Präsident Ezer Weizman den Beziehungen neue Impulse, als er eine Gruppe von 50 Geschäftsleuten auf einer Reise anführte, die der Förderung von Handel, Investitionen und gemeinsamen Projekten galt. «Ich glaube, dass das 21. Jahrhundert Asien gehören wird, und insbesondere China», sagte Weizman, der Verteidigungsminister war, als Israel in den 80er Jahren die ersten Waffen an China verkaufte.Chinesische Offizielle bescherten der israelischen Delegation einen grandiosen Empfang. Israels Exporte nach China stiegen von 70 Mio. Dollar im Jahre 1997 auf 140 Mio. im Jahr darauf, wobei indirekte Exporte via Hongkong nochmals schätzungsweise 60-80 Mio. beisteuern. 1999 rechnet man mit Ausfuhren von 300 Mio. Dollar, und Experten meinen, die Milliarden-Grenze könne schon in naher Zukunft erreicht werden.Angesichts der riesigen Bevölkerung von 1,25 Milliarden fühlen sich immer mehr unternehmungslustige Israelis vom chinesischen Marktpotential angezogen. Zwar überfluten israelische Güter den Konsummarkt noch nicht, doch stehen israelische High Tech-, Elektronik-, Telekommunikations- und medizinische sowie landwirtschaftliche Ausrüstung hoch im Kurs in China. Allmählich lernen Israelis die komplexe Kunst des Geschäftemachens mit den Chinesen.





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