Geteilte Emotionen - Jerusalem
Das Problem Jerusalem ist von einer brennenden Aktualität, weil hier der entscheidende Anstoss vorliegt, noch nicht zu einem Friedensabkommen gelangt zu sein. Zwar wollte Arafat den Palästinenser Staat am kommenden 13. September ausrufen, aber nicht nur die USA und die EU-Staaten, sondern auch islamische Staaten, haben Arafat dringend davon abgeraten, an diesem Termin den Staat Palästina zu proklamieren. Daher ist es dringend, dass das Jerusalem-Problem in Kürze gelöst wird. Jerusalem spielt in der jüdischen Geschichte, im jüdischen Bewusstsein, in den jüdischen Emotionen eine zentrale Rolle. Im Unterschied etwa zu christlichen Auffassungen ist Jerusalem im Judentum niemals spiritualisiert worden, sondern hat stets eine reale Funktion gehabt. Die Ausdehnung der Stadt selbst war, genau wie das Land, in den verschiedenen Jahrhunderten unterschiedlich. Eines freilich ist ein konstanter Mittelpunkt geblieben: die Tempelmauer, an der Juden und schliesslich auch Jüdinnen gebetet haben. Sie ist bis heute im Bewusstsein der Juden ein wesentlicher, ja zentraler Ort geblieben, den man als heilige Stätte bezeichnet, was immer das bedeuten mag.
Der Zugang zur Westmauer des einstigen Tempels war den Juden nicht zu allen Zeiten möglich. Insbesondere in den Jahren 1948-1967 vermochten Juden dort nicht zu beten, weil die Jordanier sie vertragswidrig nicht zu ihrer Gebetsstätte zuliessen. Die Welt hat diese Tatsache heute weitgehend vergessen und sich damals in keiner Weise dafür interessiert, dass Juden hier ein Unrecht geschah. Der Zugang zur Westmauer und die Möglichkeit, dort zu beten, müssen gewahrt bleiben, was nur möglich ist, wenn das Gebiet der Mauer unter israelischer Souveränität bleibt. Diese politische Forderung muss vertraglich abgesichert werden. Bekanntlich herrscht auf beiden Seiten, bei Israelis und Palästinensern, ein erhebliches Misstrauen; beide unterstellen jeweils dem Anderen den Willen zu Vertragsbrüchen. So unerfreulich dieses Misstrauen auch ist, Israel wird stets in der Lage sein, das Einhalten derartiger Verträge, wenn notwendig, zu erzwingen.
Die Altstadt Jerusalems, das heisst der Ostteil der Stadt, ist mehrheitlich von Palästinensern bewohnt. Sie stehen seit 1967 unter israelischer Herrschaft und empfinden sich daher als okkupiert. Heute verlangen sie, dass die Gebiete, in denen sie leben, unter ihre Souveränität gestellt werden. Gewisse Israelis haben dafür kein Verständnis, sprechen von Teilung der Stadt oder denken gar an eine Situation wie etwa die der Berliner Mauer. Das ist natürlich Unsinn; an der äusseren Situation braucht sich überhaupt nichts zu ändern. Grenzen darf es nicht geben. Die ganze Stadt bleibt so offen wie heute, abgesehen davon, dass viele Israelis sich seit langem gar nicht in die Altstadt begeben und Palästinenser sich im jüdischen Westteil nicht wohl fühlen. Im Bewusstsein der Menschen ist die Stadt längst gespalten, ohne dass darüber nachgedacht wird. Selbstverständlich muss für die jüdischen Viertel in der Altstadt eine entsprechende Lösung gefunden werden, was durchaus denkbar ist, wenn beide Seiten endlich ihre emotionalen Scheuklappen ablegen. Im Übrigen ist es seltsam, dass Juden so beharrlich auf der Heiligkeit ihrer heiligen Stätte beharren und die Tatsache ignorieren, dass Muslime auch einen heiligen Ort dort haben, da sie glauben, dass von dort aus ihr Prophet in den Himmel aufstieg. Warum der Glauben der anderen weniger Wert sein soll als der jüdische, ist nicht einzusehen. Der Verweis darauf, dass der Islam noch zwei weitere heilige Orte hat, ist eher peinlich. Man sollte endlich lernen, das Selbstverständnis der anderen ernstzunehmen. Wenn man vertraglich den faktisch bestehenden Zustand absichert und den Palästinensern das ihnen zukommende Recht gibt, über ihren Teil der Stadt Souveränität auszuüben, ändert sich nur das eine, dass man das Selbstbestimmungsrecht dieser Bewohner endlich respektiert. Im Übrigen braucht nicht betont zu werden, dass es die Religionsfreiheit für alle seit 1967 längst gibt und diese mit der politischen Souveränität des Ostteils Jerusalems überhaupt nichts zu tun hat.
Eine weitere Frage betrifft den Raum. Es ist nicht einzusehen, warum es den Palästinensern verboten sein sollte, umliegende arabische Dörfer in ihren Teil der Stadt einzugemeinden, um Platz für weitere Ansiedlungen zu schaffen. Unter israelischer Herrschaft hatte die palästinensische Bevölkerung äusserste Mühe, Baugenehmigungen in der Stadt zu bekommen. Auf der andern Seite gibt es jüdische Siedlungen, wie etwa Maale Adumim, die mit dem jüdischen Teil der Stadt vereinigt werden können. Maale Adumim wäre dann ein neuer Stadtteil des jüdischen Jerusalem. Dort ist inzwischen aus einem Haufen von Häusern eine eigene Stadt geworden, die organisch zu Jerusalem gehören könnte.
Was steht einer Lösung des Jerusalem-Problems entgegen? Vor allem Emotionen, borniertes Denken, abstrakte Terminologie und fehlender Respekt vor dem Selbstverständnis des Anderen verhindern bisher auf beiden Seiten den Frieden. Dieser Frieden muss von Israelis und Palästinensern selbst erarbeitet werden, andere können nur beratend und helfend zur Seite stehen, um dazu beizutragen, Vorurteile zu verringern. Es ist beschämend, dass israelische Chauvinisten Jzchak Rabin ermordet haben (der Mörder stand ja nicht allein); es ist ebenso beschämend, wie Ministerpräsident Barak gerade wegen seiner Konzeption eines zukünftigen Jerusalem verleumdet wird, und es ist ebenso schändlich, wie Menschen, mit denen man in der Region leben muss, als «Schlangen» diffamiert werden. Auch auf israelischer Seite ist es nunmehr Zeit, zur Vernunft zu kommen und die Angst, die früher für Gettojuden charakteristisch war, zu überwinden.


