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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Geschichtsbewältigung in der Zeitschleife

von Martin Droschke, October 9, 2008
Das Andenken an die 1000-jährige Jüdische Geschichte Deutschlands in wissenschaftlichen Sammlungen zu konservieren, hätte der BRD schon vor Jahrzehnten gut gestanden. Die Existenz eines jüdischen Museums in Deutschland artikuliert ganz automatisch in ihrem Subtext das simple und schmerzhafte Eingeständnis: Deutschlands jüdisches Leben wurde zwischen Reichspogromnacht und Befreiung vernichtet. 1990. Im nordbayerischen Fürth wird der Trägerverein «Jüdisches Museum Franken» gegründet.
Kritiker Ralph Giordano: «Deutsche Juden können die Frage selber stellen, ob sie besser die Koffer packen sollen.» - Foto Keystone

Die Kleinstadt kann sich als Standort durchaus an Frankfurt oder Berlin messen, wo zeitgleich ähnliche Häuser geplant werden. Während ihrer historischen Blühtezeit im 18. Jahrhundert waren ein Fünftel der Fürther Bevölkerung Juden. In der Produktion religiöser Buchdrucke rangierte Fürth im europäischen Vergleich hinter Amsterdam auf Platz zwei. Ab dem 16. Jahrhundert wurden sechs Synagogen errichtet, dazu kamen zahlreiche Bethäuser und international renommierte Talmudschulen. Der Verein saniert ein unscheinbares Haus aus dem Dreissigjährigen Krieg, das 200 Jahre lang eine hebräische Druckerei beherbergte, später eine Spiegelfabrik. Die historische Laubhütte wird rekonstruiert, die Mique (Ritualbad) im Keller mit Grundwasser gespeist, im Erdgeschoss Buchhandlung und Café eingerichtet. Weil Kurator Bernhard Purin den 1000 Jahren realer jüdischer Geschichte mehr Bedeutung beimisst als einem 12 Jahre dauernden 1000-jährigen Reich, wählt er eine Ausstellungskonzeption, die nicht um den Holocaust zentriert ist. Chronologisch nüchtern startet seine Besucherführung mit mittelalterlichen Funden aus dem Nürnberger Ghetto. In Fürth durften sich die ersten Juden ansiedeln, als dieses im 16. Jahrhundert geschleift wurde. 1670 kam die aus Wien vertriebene jüdische Gemeine hinzu, Fürth wurde jüdische Weltstadt. Objekte aus der religiösen Hochzeit leiten zur weltlichen Emanzipation des 19. Jahrhunderts über. Wenige Zimmer später warnt der Schriftsteller Jakob Wassermann, 1873 in Fürth geboren, vor dem chauvinistischen Antisemitismus der Zwischenkriegszeit. Mit dem Modell der in der Reichspogromnacht zerstörten spätgotischen Fürther Hauptsynagoge bricht die Chronologie ab. Bis 1945 gibt es in Fürth kein jüdisches Leben mehr. Erst mit den Displaced Persons hält der Holocaust im Museum einzug. Die Räume zu den Nachkriegsjahren artikulieren auch, dass die Dimension des faschistischen Terrors nicht vermittelbar ist. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber spricht zur Eröffnung am 15. Juli 1999 und weist ob des offensiven Semitismus des Hauses auf die Schicksale deutscher Heimatvertriebener auch in Fürth hin. Im November 1999 monieren die Fürther, dass Purins Museum keine Gedenkstätte an den Holocaust ist.
«Fürther Täter, von denen es einige später sogar zum städtischen Ehrenbürger gebracht haben, kommen überhaupt nicht vor», so Siegfried Imholz\' Beitrag vom 18.11. zu einer grossen Leserbriefdebatte, die bis Mitte Januar in den «Fürther Nachrichten» tobt. «Angesichts der gegenwärtigen Konzeption des Museums stimme ich jenem jüdischen Besucher zu, der empört in das Gästebuch geschrieben hat, dass hier der Holocaust zum zweiten Mal stattfindet.» Imholz verdrängt, dass jene Täter keine Juden waren und ihr nicht vorhandenes Vorkommen wenn dem Fürther Stadtmuseum anzulasten ist. Eine Debatte um die Reglements der deutschen Geschichtsaufarbeitung nimmt ihren Anfang, die als Zeitschleife irgendwann nach der Wiederholung des Wirtschaftswunders - «Wir-sind-wieder-wer» durch Martin Walsers Büchnerpreis-Rede ansetzt. Sie endet bei Finkelsteins Wiederholung der an den Sechstagekrieg von 1967 gekoppelten Frage, wo die Grenzen der jüdischen Machtansprüche liegen, wenn sie mit dem Holocaust legitimiert werden. Die Zeitschleife deformiert die Aufarbeitung der deutschen Geschichte zum Generationenkonflikt. Die Überlebenden des Holocaustes und ihre Nachfahren haben das Recht, auch 40 Jahre nachdem ihre Fragestellungen neu waren, ihre Stimmen zu erheben und um Antworten zu ringen. Gleichzeitig haben die Jungen das Recht, sich unabhängig von den Wunden ihrer Eltern- und Grosselterngeneration mit der deutschen Vergangenheit auseinander zu setzen. «Wir finden es gut», so die Klasse 8 c des Melanchton-Gymnasiums Nürnberg in einem Leserbrief der «Fürther Nachrichten» vom 25. November 1999 über Purins Museumskonzept, «dass nicht der Holocaust, über den sowieso viel berichtet wird, sondern der jüdische Alltag im Mittelpunkt steht.» Das Recht des einen beschneidet das Recht des zweiten. Bernhard Purin will, dass beiden Interessensgruppen in wissenschaftlichen Institutionen gedient ist. Deshalb arbeitet sein Haus mit dem Dokumentationszentrum zu den NS-Verbrechen zusammen, das kommenden Herbst auf dem Reichsparteitagsgelände im benachbarten Nürnberg eröffnet wird. Sein Bekenntnis zum Pluralismus bleibt ungehört.
Fünfzehn Monate nach Imholz\' empörtem Leserbrief kündigt Purin für den 18. Februar 2001 eine Aufführung von Veit Harlans Propagandafilm «Jud Süss» an - im Rahmen einer Sonderausstellung über den Bankier und Höfling Joseph Süss Oppenheimer und die Rückkopplung seiner Rezeptionsgeschichte auf den deutschen Antisemitismus. Ralph Giordano veröffentlicht am 17. Februar in den «Nürnberger Nachrichten» einen Artikel, der aus seiner Biographie als NS-Opfer die Empfehlung ableitet, die Veranstaltung abzusagen, denn deutsche Juden könnten sich die Frage stellen, ob sie besser «die Koffer packen sollen». «Dass im Jüdischen Museum dieser Film gezeigt werden soll», so Rabbi Nethal Wurmser gegenüber den «Fürther Nachrichten», «ist das Schlimmste, was wir uns vorstellen könnten.» Am 6. Februar geht gegen Purin Strafanzeige wegen Volksverhetzung ein. Joel Berger, Sprecher der deutschen Rabbinerkonferenz, nimmt seine Zusage zurück, «Jud Süss» kommentierend zu begleiten. Haim Rubinzstein, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde Fürth, fordert Purins Rücktritt. Die Museumskomission verlegt die Veranstaltung in die Volkshochschule. Eine Recherche der «Fürther Nachrichten» ergibt: «Jud Süss» wurde in Fürth seit 1980 mindestens zweimal gezeigt. Ohne Proteste. Awi Blumenfeld, Dozent an der Bar Ilan Universität in Ramat Gan/Israel, in den «Fürther Nachrichten»: «Die Aufführung und Diskussion eines Films wie \"Jud Süss\" (...) ist gerade in Deutschland in einem jüdischen Museum (...) ein Ding der Notwendigkeit.» Die Besucherzahl am 18. Februar ist auf 40 Plätze beschränkt. Der Polizeischutz erweist sich als überflüssig. Purin hat einen Etappensieg errungen und schwenkt auf Entspannungskurs. Er hofft, dass die hitzige Debatte sich nun in eine sachliche Auseinandersetzung verwandelt und kündigt für Anfang März eine grundsätzliche Podiumsdiskussion über sein Haus an. Dass Fürth bis dahin zur Ruhe kommt, ist nicht zu erwarten. Erst die Verleihung des Europäischen Museumspreises in Pisa am 19. Mai könnte die Kritiker des Museums zu leiseren Tönen verleiten. Dann, so Purin, wird hoffentlich das gemeinsame Anliegen wieder wichtiger sein als das Wie: Die Wachsamkeit vor Antisemitismus und das konsequente Auftreten gegen jede Form von Rassismus.

Jüdisches Museum Fürth, Königstr. 89. U-Bahn Rathaus. Geöffnet So-Fr 10-17 Uhr, Di 10-20 Uhr. Die Sonderausstellung über Joseph Süss Oppenheimer läuft noch bis 29. Juli. Zum Abdruck gegen branchenübliches Honorar; bei einfachem Nutzungsrecht.


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