Gekauft
«Verflucht sei Haman, verflucht sei Yossi Sarid. Man muss ihn von der Welt ausreissen. Der Ewige wird seinen Namen von der Welt auslöschen.» Nicht irgendein im Vor-Purimrausch dahertorkelnder Gassenjunge zog diese Parallele zwischen einem der schlimmsten Feinde des jüdischen Volkes und dem heutigen Erziehungsminister des Staates Israel (vgl. Artikel auf dieser Seite). Nein, Rabbi Ovadia Yosef höchstpersönlich, das geistige Oberhaupt der Shas-Partei, goss Pech und Schwefel auf den ihm und seiner Gefolgschaft nicht genehmen links-liberalen Sarid von der Meretz-Partei. Um nicht den Trugschluss aufkommen zu lassen, er habe sich verbal vergriffen, doppelte der Rabbi sogleich nach: «Ein Bedränger und Feind des Judentums. Dieser Bösewicht hasst die Torah-Weisen. Der Ewige wird seinen Namen auslöschen, und möge er uns gottesfürchtige und gute Minister schicken, nicht solche wie diesen Yossi Sarid. Dieser Haman, ausgelöscht werde sein Name und Andenken.»
Ovadia Yosef sprach nicht im stillen Kämmerlein, hinter vorgehaltener Hand. Nein, er benutzte seinen allwöchentlichen Vortrag nach Schabbat-Ausgang zur Lancierung seiner Breitseite. Dieser Schiur des Rabbi ist stark besucht - der frenetische Applaus der Anwesenden war ihm sicher - und er wird, auch das kein Geheimnis, vielfach auf Tonband und Video aufgenommen. Und genau das wollte Ovadia Yosef erreichen: Eine möglichst starke Verbreitung seiner auch in der langen Geschichte des Konflikts zwischen Religiösen und Sekulären beispiellosen Schimpftirade. Wollte der Rabbi etwa Torah-Weisheiten verbreiten? Mitnichten. Einmal mehr musste das Deckmäntelchen der Religion herhalten, um politischen Zielen zum Durchbruch zu verhelfen. Shas ist entschlossen, sein verschuldetes Bildungssystem «El Hamaa\'yan» mit Hilfe der Koalitionspartner zu retten. Und über ein fünftes Ministermandat wäre man auch nicht unglücklich. Ach ja, das hätten wir beinahe vergessen: Shas und Meretz sitzen zusammen in dem von Ehud Barak angeführten Regierungsbündnis. Auch das ist kein Purimwitz.
In Israel herrsche Meinungsfreiheit, meinte Shas-Parteichef und Minister Eli Yishai, nachdem Ovadia Yosefs Worte ein Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte. Zudem, so fügte Yishai hinzu, habe der Rabbi nicht vor Journalisten oder in der Knesset gesprochen. Dass wir ob einer so lendenlahmen Erklärung nicht lachen... Die Wahrheit ist doch die, dass Shas sich mit der Bereitschaft zum territorialen Kompromiss Ehud Barak schlicht gekauft hat. Und mit ihren 17 Mandaten kann die Partei sich alles leisten, ohne dass der Premier das tun würde, was er schon längst hätte tun sollen: Den unheimlichen Koalitionsbrüdern die Türe weisen.
«Chachamim (Ihr Weisen), seid vorsichtig mit Euren Worten.» - Diese Redewendung überlässt man bei Shas offenbar lieber dem Rest der Welt.


