Geistige Steine für die Zukunft
Ignatz Bubis lebt nicht mehr. Seine kritischen Botschaften sind nicht mehr zu hören. Die Todesnachricht lässt innehalten, lässt nachdenken über einen Menschen, der sich nie scheute, das zu sagen, was er dachte, was ihn bewegte, wofür er eintrat. Ignatz Bubis hat nie zu Fehlentwicklungen in unserem Land geschwiegen, hat nicht vergessen oder relativiert, aber stets Deutschland und seinen demokratischen Rechtsstaat offensiv verteidigt.
Entgegen seiner eigenen, äusserst skeptischen, eher resignativen Bewertung seines siebenjährigen Wirkens als Vorsitzender des Zentralrats der Juden möchte ich behaupten: Arbeit und Engagement von Ignatz Bubis waren höchst wirkungsvoll, sie überdauern als Steine des Anstosses und der nicht abreissenden dialogischen Auseinandersetzung. Steine gegen das Vergessen, das Wegschauen, gegen das Schweigen hat der 72-Jährige hinterlassen.
Seine Worte waren stets schlicht und eindringlich, eingebunden in die jüdische Tradition der Bilder- und Alltagsgeschichten. Das Wenigste schrieb er auf. In vielen Schulen und ausserschulischen Orten suchte er das Gespräch mit der Jugend. Er redete sehr direkt, häufig sehr persönlich, nur selten machte er seine eigene Verfolgungsgeschichte unmittelbar zum Thema. Er überlebte, während die meisten seiner Familienangehörigen in den Vernichtungslagern Opfer des Naziterrors wurden. Unmittelbar nach der Befreiung entschied er sich, aus dem Arbeitslager Tschenstochau nach Deutschland zurückzukehren, dorthin zurück, wo nach dem Willen der Nazis kein Jude mehr leben sollte. Für Bubis war dies aus moralischen Gründen zu widerlegen. Deshalb ging er gerade nach Deutschland - 1945 eine schier übermenschliche Entscheidung - und er blieb. Sein Programm; Hinschauen, nicht Wegschauen; Erinnern, nicht Vergessen; Wachsamkeit und Zivilcourage in der Abwehr von Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsradikalismus; Erschliessung jüdischen Glaubens und jüdischer Geisteswelt, dialogische Begegnung der monotheistischen Religionen und Geisteswelten. Sein Lebensziel war es zu erreichen, dass es wieder selbstverständlich werde, als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Deutschland zu leben. Ignatz Bubis war unser Anwalt und Botschafter im kritischen Ausland und hat gerade auch in schwierigen Zeiten ausländerfeindlicher Ausschreitungen unser Land mit seiner gewachsenen und inzwischen gefestigten Demokratie nach innen und aussen verteidigt. Aber er kannte auch die Gefährdung in unserem Land und liess keine Zweifel daran, dass jüdisches Leben in Deutschland noch keinesfalls selbstverständlich ist. Er war stets präsent, unermüdlich und schonungslos gegen sich selbst im Einsatz. Und das insbesondere seit den frühen achtziger Jahren. 1982 wurde er Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden. 1983 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, 1992 Vorsitzender des Zentralrats der Juden. 1997 Vorsitzender des European Jewish Congress mit Sitz in Paris. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass der Jüdische Weltkongress zum ersten Mal eine Dependance in Berlin hat. Hinzu kommt seit den späten sechziger Jahren sein politisches Bürger-Engagement in der FDP bis hin zur aktiven Mitarbeit im Vorstand auf Landesebene und hohem kommunalpolitischem Einsatz in Frankfurt. Sein Beitrag zur Rückgewinnung jüdischen Geisteslebens in Deutschland ist ebenso unübersehbar wie sein unerschrockener Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus. Er war und bleibt eine moralische Instanz ohne Pathos. Er wirkte durch Eindeutigkeit des Wortes und unverrückbare Überzeugung auch in unbequemen Fragen wie zum Beispiel dem Asylrecht. Er wich der Kontroverse und dem klärenden Streit nicht aus, liess sich durch Schmäh- und Drohbriefe nicht einschüchtern. Und er litt - ohne öffentliche Anklage - unter dem, was er nur bedingt zu verändern mochte; die trotz aller Aufklärungs- und Verständigungsarbeit fortbestehenden Vorurteile und Tabus im Zusammenleben zwischen Juden und «Nichtjuden»; die oft fehlende Klarheit in der öffentlichen Auseinandersetzung mit jenen, die die Vergangenheit um der Normalität der Gegenwart und Zukunft willen» ruhen lassen wollten; die Gleichgültigkeit und das Desinteresse vieler gegenüber dem Thema Juden in Deutschland. Bei aller Offenheit zum kritischen Dialog haben ihn in allerjüngster Zeit die quälenden Debatten um das Mahnmal und die Kontroverse mit Martin Walser in seiner persönlichen Skepsis bestärkt. Sein dezidierter Wunsch, in Israel beigesetzt zu werden, damit sein Grab nicht wie das von Heinz Galinski geschändet oder in die Luft gesprengt würde, erfordert eine andere Antwort als die der Kenntnisnahme oder des Bedauerns. Sein Grab wird in Israel sein. Der Gedenkstein gehört mitten in den öffentlichen Raum seines jahrzehntelangen Wirkens. Nur so werden wir seinem Engagement und seinem Vermächtnis gerecht. Seine Botschaft war: nicht weichen, sondern widerstehen.
Wir Deutsche haben Ignatz Bubis und seiner Frau viel zu danken. Ich habe einen Freund verloren. Es bleiben seine geistigen Steine, seine Anstösse.
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Reaktionen aus der Schweiz
Zürich / G.B. - Werner Rom, Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), und Vizepräsidentin Gabrielle Rosenstein hatten Ignatz Bubis für den 7. September zu einem Referat eingeladen, das bereits im Vorfeld auf riesiges Interesse stiess. Zahlreiche Prominenz hatte sich für den Apéro vor dem Anlass angesagt. Nun habe er «mit Bestürzung vom plötzlichen Hinschied Bubis’ Kenntnis nehmen müssen», sagt Rom. «Bubis hat Massstäbe gesetzt in menschlichen und menschenrechtlichen Fragen, die weit über die Bedeutung des Zentralrats hinausgingen. Es ist bemerkenswert, dass er von einer ernstzunehmenden Gruppe als Kandidat für die deutsche Bundespräsidentschaft vorgeschlagen war. Er hinterlässt eine Lücke, die äusserst schwierig zu schliessen sein wird.» Rolf Bloch, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), war vom Hinscheiden von Ignatz Bubis überrascht und bestürzt. «Die letzte Sitzung des Europäisch-Jüdischen Kongresses in Budapest von Anfang Juni leitete er zwar im Rollstuhl, aber er war sehr zuversichtlich», sagt Bloch zur JR. «Er war einer der markantesten Vertreter des europäischen Judentums, gleichzeitig ein Kämpfer für die Wiedergutmachung an den Opfern und ein Vorkämpfer für das neue demokratische Deutschland. Er trat für Solidarität mit den Juden ein, aber auch für ein Verständnis zwischen den Juden und Deutschland.» Persönlich arbeitete Rolf Bloch mit Bubis zusammen im EJC. «Ich habe seine sehr natürliche und spontane Art geschätzt, er war pragmatisch und ist trotzdem von einem klaren Standpunkt ausgegangen. Auf seine Stimme hat man weitherum gehört.»
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Ignatz Bubis
BRD / JR. - Ignatz Bubis kam 1927 in Breslau zur Welt. Im Holocaust verlor er seinen Vater und zwei Geschwister. Er wurde 1945 durch die russische Armee aus einem Arbeitslager befreit und nannte sein Überleben einen Zufall. Später liess er sich in Frankfurt nieder, wo er ein erfolgreicher, allerdings nicht immer unumstrittener Immobilien-Unternehmer wurde. 1985 verhinderte er zusammen mit anderen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Frankfurt die Aufführung eines Theaterstücks, in dem eine der Figuren («der reiche Jude») gerüchteweise ihn hätte darstellen sollen. Im Jahre 1992 wurde er als Nachfolger Heinz Galinskys zum Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt.


