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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Gegen die Entmenschlichung

von Alfred Bodenheimer, October 9, 2008
Die Ermordung des Schriftstellers Gustav Landauer im Frühjahr 1919 bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik war einer von mehreren Aufsehen erregenden politischen Gewaltverbrechen in der Weimarer Republik. Margarete Susman (1872-1966), die mit Landauer seit 1912 in Korrespondenz gestanden hatte, schrieb einen Nachruf, der heute noch dazu angetan ist, die grosse Gestalt Landauers wieder würdigen zu ehren.
Schriftstellerin Margarete Susman: Nachruf mit Nachwirkungen bis heute. - Foto pd

Margarete Susman, die seit 1912 verschiedentlich in der Schweiz gelebt hatte, zog 1919 wieder nach Deutschland - erst vierzehn Jahre später, mit dem Beginn des Dritten Reiches, kam sie nach Zürich zurück, wo sie dann bis an ihr Lebensende lebte. Sie ist somit auch aus Schweizer Sicht eine der grossen jüdischen Erscheinungen dieses Jahrhunderts gewesen. Ihr berühmtestes Buch «Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes» entstand und erschien dann auch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich.
Der Text, über den hier berichtet werden soll, stammt aus dem Jahr nach dem Ersten Weltkrieg. Deutschland befand sich in einer kritischen Phase, und der von vielen erhoffte radikale Bruch der Republik nicht nur mit der Staatsform, sondern auch mit dem Geist der Vergangenheit wurde nicht ausreichend vollzogen. Gustav Landauer, einer der hervorragenden jüdischen Intellektuellen, Shakespeare-Experte, Pazifist und anarchistischer Sozialist, hatte sich in der Münchner Räterepublik von 1919 an führender Stelle engagiert und war von Soldaten der rechten Freikorps, welche die Berliner Regierung zur Rückeroberung Münchens aufgeboten hatte, brutal erschlagen worden. Nachrufe gab es allenthalben, aber nicht in allen wurde seine Persönlichkeit adäquat gewürdigt. Zu sehr war auch bei den mit dem Toten grundsätzlichen Sympathisierenden (zum Beispiel in einem sarkastischen Artikel Alfred Döblins) die Idee verankert, hier sei ein Träumer an den Widerständen der Realität gescheitert. Margarete Susman ging es darum, Landauer als «leidenschaftlichen Politiker» zu zeigen, gerade darum weitblickend und bedeutend, weil jeder dogmatischen Ideologie fremd. «Was Gustav Landauer im Grunde wollte», schrieb sie, «war nichts anderes, als den Menschen die Augen zu öffnen für ihre eigene Sehnsucht, für das, was sie alle im Grunde ihres Herzens suchen und wollen.» Und etwas weiter unten: «Revolutionär sein, das heisst: sein lebendiges glühendes ganzes Selbst einsetzen in eine niedere, schlechte Wirklichkeit.» Landauer hatte Kriegstreiberei, Imperialismus und den sich anbahnenden Nationalsozialismus mit derselben Vehemenz bekämpft wie den Marxismus, den er in seinem «Aufruf zum Sozialismus» als technokratische, menschen- und lebensfeindliche Theorie kritisiert hatte. Susman zeigt ihn als Sozialrevolutionär, dessen Streben weg ging von der Stadt als Zentrum des kapitalistischen Systems wie der marxistischen Diktaturträume und hin zur Verteilung kleiner Landstücke an das Volk. «Bis in all ihre entsetzlichen Einzelheiten hinab», schreibt Susman, «verfolgte er die wahren Zusammenhänge unseres Gesellschaftslebens: die ungeheure Entrechtung der Mehrzahl aller Menschen zugunsten einiger Privilegierter, deren Lebensinhalt keineswegs diese Privilegierung rechtfertigt; die Knebelung und Schändung aller reinen menschlichen Empfindungen durch Ausbeutung, Maschine, Lohnarbeit: die ganze entsetzliche Entlebendigung und Entmenschlichung des Lebens bis hin zu ihrer grauenhaftesten und folgerichtigsten Konsequenz: dem Kriege in der Form, in der wir ihn erlebt haben.»Betrachtet man das politische Klima in Deutschland zu jener Zeit, so kann der Positionsbezug Margarete Susmans nicht missverstanden werden. Es scheint, als wollte sie dem Ermordeten, der keine organisierte Partei hinter sich geschart und niemanden auf seine Doktrinen verpflichtet hatte, in der gewaltbereiten herrschenden Atmosphäre nicht nur eine Erinnerung geben, sondern auch dafür sorgen, dass seine Ideen mit seinem Leben nicht geendet hatten. Es war ein doppelter Angriff auf die Mörder und jene, die ihnen den Boden bereitet hatten, wenn sie schrieb, dass für Landauer «die Anwendung von Gewalt immer und unter allen Umständen ein Zeichen der Unzulänglichkeit des Geistes, ein Versagen der moralischen und geistigen Mittel bedeutet». Allein, Susmans vage angedeutete Hoffnung, aus dieser Gewalttat möge wenigstens für die deutsche Gesellschaft eine definitive Gewissheit über die Absurdität von Gewalt und Mord erwachsen, blieb bekanntlich unerfüllt. Realistischer als ihre Hoffnung war die Einschätzung des Gerichts dieser Gewalttat in der deutschen Psyche, ein kleines diagnostisches Meisterstück: «Hätte Schiller das Leben und den Tod dieses Menschen gedichtet, so würden die Zuschauer vor seiner reinen Tragik in Tränen zerfliessen - dieselben irregeführten Menschen, die über dies Leben, dessen hohe Reinheit ihnen nur durch dichterische Vermittlung hätte zugänglich werden können, achselzuckend oder fluchend zu Gericht sassen.»

Es wurde zitiert aus: Margarete Susman: «Das Nah- und Fernsein des Fremden», Essays und Briefe, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Ingeborg Nordmann. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1992, S. 129-142.


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