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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Gefährlich schlau und wahnsinnig komisch

von Ellen Presser, October 9, 2008
Im Alter von 79 Jahren erlag Walter Matthau in der Nacht zum 1. Juli in einem Krankenhaus im kalifornischen Santa Monica einem Herzinfarkt. Am 1. Oktober wäre der Schauspieler 80 Jahre alt geworden. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Jack Lemon («Der Glückspilz», «Ein seltsames Paar») hat ihn als grossen Komödianten in die Filmgeschichte eingehen lassen. 1968 erhielt Matthau für die Darstellung eines geldgierigen Winkeladvokaten in der Billy-Wilder-Komödie «Der Glückspilz» einen Oscar als besten Nebendarsteller.
Das Erfolgsgespann für US-Komödien mit Tiefgang: Walter Matthau und Jack Lemon (links) im Film «The Odd Couple». - Foto Keystone

Als Sohn russisch-litauischer Einwanderer in der East Side in New York geboren, gehörte Walter Matuschanskayasky - so sein bürgerlicher Name - zu den Unterprivilegierten. Seine Mutter Rose schuftete als Näherin in einem der berüchtigten sweat shops. Dazu Matthaus späterer Kommentar: «Als meine Mutter aus Litauen in die Vereinigten Staaten kam, sagte man ihr, dass die Strassen mit Gold gepflastert wären. Sie sucht diese Strassen immer noch.» Der Vater hatte Ehefrau und zwei Söhne verlassen, als der Jüngere - Walter - gerade drei Jahre alt war. Bittere Armut in Kindheit und Jugend kann das Verhältnis zu Vermögen nachhaltig stören, im Sinne von extremer Knausrigkeit oder Unbekümmertheit.Walter Matthau liebte die Musik Mozarts und das Zocken. Seine Spielleidenschaft - er soll bei Pferderennen mal binnen drei Wochen eine Million Dollar verloren haben - muss eine harte Prüfung für seine zweite Frau Carol gewesen sein, mit der er über vierzig Jahre glücklich verheiratet war. Dazu Matthaus Kommentar: «Sie ist verrückt, ich bin verrückt. Ausgeglichener kann eine Partnerschaft nicht sein.» Vielleicht war sein trockener Humor geschult am Jiddischen Theater. Dort durfte er kleine Rollen übernehmen, Jiddisch sprach er «auf der Grundlage meiner Verkaufserfahrung» als Einkäufer. Hochgewachsen und athletisch gebaut arbeitete er als Boxlehrer und Basketballtrainer, aber auch als Holzfäller in Montana und Ofenreiniger in einer Puppenfabrik. Im April 1942 wurde der 21-Jährige zur Luftwaffe eingezogen, war in England, Frankreich, Belgien und Holland stationiert.
Nach der Rückkehr schrieb er sich im Drama-Workshop der New School for Social Research in New York ein und lernte also bei dem aus Deutschland emigrierten bedeutenden Theatermann Erwin Piscator. Auftritte an New Yorker Bühnen folgten. Seine 45 Jahre währende Filmkarriere begann dann mit der Rolle eines Bösewichts in «Der Mann aus Kentucky» neben Burt Lancaster (1955). Sein künstlerischer und kommerzieller Erfolg kam im Laufe der 60er Jahre. In «Das verflixte 7. Jahr» hatte Billy Wilder seinen Wunschkandidaten Matthau nicht in der Rolle des Strohwittwers besetzen dürfen, der dem Charme Marilyn Monroes erliegt. Der unverblümte Sex-Appeal, den man Matthau unterstellte, stand im Widerspruch zum prüden Zeitgeist. Aus dem Bühnenerfolg mit dem Neil-Simon-Stück «Ein seltsames Paar» von 1964 sollte 1968 ein Film entstehen, der ein Filmpaar kreierte, das bis in die 90er Jahre immer wieder zusammen besetzt wurde. Partner von Walter Matthau war Jack Lemon, mit dem er schon zwei Jahre zuvor den «Glückspilz» gedreht hatte.
Und auch die letzte gemeinsame Arbeit des Trios Billy Wilder - Walter Matthau - Jack Lemon aus dem Jahre 1981, «Buddy, Buddy», ist eine genial-komische Kritik an der Welt und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber den Schwachen. Ausgerechnet ein Profikiller (Matthau), der dauernd bei den Vorbereitungen eines Attentats gestört wird, rettet dem «Nudnik» Lemon, der sogar zum geplanten Selbstmord zu ungeschickt ist, das Leben. Viele reden von Matthaus «Knautschgesicht». Jiddisch hätte man sagen können, er sah aus wie ein «Schloch». Schlampig wirkte er. Säuerlich und mürrisch und gelegentlich auch verschlagen. Nach eigenem Bekunden hätte er mit seinem Gesicht nur Gangster oder Komiker werden können. Beides ist er geworden - im Film. Er verkörperte den Grobian Oscar Madison in «Ein seltsames Paar», der das selbstkomponierte Nudelgericht seines pedantischen WG-Partners Felix Unger alias Jack Lemon an die Wand warf. Er war der bauernschlaue Anwalt Wilie Gingerich in «Der Glückspilz», der sich mit einem ausgemachten Versicherungsbetrug auf Kosten seines Schwagers (Lemon) sanieren will. Er bedrohte Audrey Hepburn in «Charade» (1963) als der übelste aller Bösewichte. Zu seinen Partnerinnen zählten Barbara Streisand in «Hello Dolly» (1969), Ingrid Bergman und Goldie Hawn in «Kaktusblüte» (1969) und er eroberte in einer Fortsetzung des Lemon-Matthau-Gespanns als seltsames Freundespaar eine attraktive Witwe, gespielt von Sophia Loren. Nicht einmal unbedeutende Altersrollen, die er wohl aus Finanznot annahm - wie als Opa Albert Einstein in «I. Q.» oder als genervter Nachbar in einem Kinderfilm nach der Cartoonfigur «Dennis» - haben den Ruhm des humor-gestählten Charakterdarstellers schmälern können. Während der Dreharbeiten zu seinem letzten Film «Aufgelegt» war Matthau 1999 zusammengebrochen und mit Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden. In diesem Film, der im Mai eher klanglos durch deutschsprachige Kinos ging, verkörperte er einen Vater, an dessen Sterbebett drei zerstrittene Töchter (Diane Keaton, Meg Ryan, Lisa Kudrow) zusammenfinden. Im wirklichen Leben musste Walter Matthau sich dieses Frühjahr einem weiteren Eingriff am Herzen unterziehen. Es hat nicht mehr geholfen.





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