Gedanken aus Israel
Das Ende einer nicht normalen Woche ist vorüber. Es ist zwar schon fast zur Gewohnheit geworden, dass regelmässig Israelis erschossen werden. Diese Woche aber wurde Dr. Gillis erschossen. Ein 42-jähriger Arzt, der zusammen mit seinen Eltern aus England nach Israel ausgewandert war. Ein bekannter und renommierter Hämatologe, der am Jerusalemer Hadassah-Spital gearbeitet hatte. Für viele seiner Patienten - Juden, Araber, Palästinenser - war er die letzte Hoffnung. Dank seiner ausgezeichneten Kentnisse konnte er zahllose Leben retten, und wahrscheinlich wird nie jemand genau wissen, wieviele Kinder es ihm zu verdanken haben, dass sie überhaupt das Licht dieser Welt erblicken konnten. In den fast 20 Jahren seiner Aktivität hat er vielleicht sogar auch dem Mörder, der ihn schliesslich umbrachte, einmal geholfen. Vielleicht behandelte er seine Eltern, Geschwister oder Freundin?
Dr. Gillis wurde am letzten Freitag beerdigt. Eine Beerdigung. Ein paar Zeilen in den Zeitungen, Worte am Radio und Bilder am Fernsehen. Doch die Zeit rennt. Nur noch die Wahlen interessierten. Wer würde den wichtigsten Platz in diesem Land besetzen dürfen? Wie würde der Tag danach aussehen? Gibt es Krieg, oder kommt der versprochene Frieden? Wenn diese Zeilen erscheinen, werden wir wissen, wer Israels neuer Premierminister ist. Für Familie Gillis aber geht dann gerade die Shiva, die Trauerwoche, zu Ende. Doch die Trauer bleibt. Fünf kleine Kinder haben ihren Vater verloren. Er wurde von Terroristen ermordet. Eine junge Frau wurde zur Witwe, Eltern mussten ihren Sohn begraben, weil er auf dem Heimweg von der Arbeit einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Hunderte von Patienten beklagen den Verlust ihrer Vertrauensperson, ihrer Hoffnung und Genesung. Eine Gemeinde verliert ein aktives Mitglied, viele Menschen verlieren einen Freund.
Ein Wochenende ist vorbei. Kein normales Wochenende. Die letzten Opfer waren Namen mit Familien und Geschichten. Jetzt ist es plötzlich ein Bekannter. Ein Arzt, Retter, Freund und Kollege. Eine Vertrauensperson. Wird die Welt wohl je verstehen, was sich hier genau abspielt? Ein Trauerspiel und eine Tragödie, aber kein Spiel und kein Spektakel, sondern schreckliche Wirklichkeit, pausenlos und ohne Ende.


