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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Gebildet, wohlhabend und integriert

von Ruth E. Gruber, October 9, 2008
Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sind Ungarns Juden gut gebildet, wohlhabend und bestens integriert in die zentralen Strömungen der Gesellschaft. Zu ihrer jüdischen Identität haben die ungarischen Juden aber ein ambivalentes Verhältnis, und vom jüdischen Gemeindeleben wollen sie in der Regel herzlich wenig wissen.

Die Erinnerung an den Holocaust und die antisemitischen Verfolgungen sind die wichtigsten Faktoren im jüdischen Zugehörigkeitsgefühl der ungarischen Juden. Immerhin kann gesagt werden, dass die jüngere Generation wieder mehr eine Verbindung zu den Traditionen sucht. Dieses Profil ergibt sich aus ersten Analysen einer Untersuchung über die grösste jüdische Gemeinde Zentraleuropas. Die detaillierten Resultate werden im Verlaufe des Jahres erwartet. «Unsere Daten zeigen», sagt der für die Studie verantwortliche Budapester Soziologe Andras Kovacs, «dass für Ungarns Juden die Zugehörigkeit zur Jüdischkeit etwas sehr Subjektives ist. Objektive Dinge, wie das aktive Mitmachen in der jüdischen Gemeinde, figurieren am anderen Ende der Skala.» Die Untersuchung, die im vergangenen Jahr durchgeführt wurde, ist die erste derartige Arbeit in einem post-kommunistischen Staat.
Die Studie, die u.a. jüdischen Organisationen eine Basis für die Planung der strategischen Politik und die Arbeit unter den Juden liefern soll, wurde von den folgenden Organisationen finanziert: American Jewish Committee, American Jewish Joint Distribution Committee, der Ronald S. Lauder Stiftung, der Claims Konferenz und der Allianz ungarisch-jüdischer Gemeinden. Ausserhalb der ehemaligen Sowjetunion ist Ungarns jüdische Gemeinde mit ihren rund 100 000 Juden die drittgrösste in Europa. Seit dem Fall des Kommunismus lässt sich in Ungarn, wie in anderen post-kommunistischen Staaten auch, eine Wiederbelebung der jüdischen Gemeindeaktivitäten feststellen, doch beteiligt sich nur eine Minderheit der Juden an diesen Aktivitäten.
Alle Alters- und andere Gruppen bezeichnen, so Kovacs, den Holocaust und die antisemitische Verfolgung als wichtige Faktoren für ihre jüdische Identität. Ganz unten auf der Liste figuriert dagegen die Teilnahme an Gemeindeaktivitäten. Die Mehrheit der Befragten empfinden zumindest eine gewisse Zugehörigkeit zu Israel, während 27 Prozent dieses Gefühl als «stark» bezeichnen. «In der ältesten befragten Gruppe ergab sich», wie Kovacs erklärt, «die stärkste Verbindung zu jüdischen Traditionen, während sie bei den 35- bis 55-Jährigen am schwächsten war. Bei den Jungen wird sie wiederum stärker.» Die Untersuchung legt zudem eine steigende Tendenz der Mischehen zutage, wobei die Rate bei der Nachkriegs-Generation rund 50 Prozent beträgt. Von den über 75-jährigen haben 90 Prozent zwei jüdische Eltern, in der Altersgruppe 36-45 liegt dieser Prozentsatz noch bei über 50 Prozent, doch bei den 18- bis 25-Jährigen fällt er auf 40 Prozent. Die Studie enthüllt ferner, dass über die Hälfte der Juden Ungarns über einen akademischen Titel verfügen, was deutlich über dem nationalen Durchschnitt des Landes liegt. Zudem sind die Juden in der Regel wohlhabend. So besitzen etwa 47 Prozent aller befragten Juden einen Computer, fast 40 Prozent ein mobiles Telefon, und fast ein Viertel hat einen Internet-Anschluss.

JTA


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