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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Funktionalität und Freiheit

von Walter Labhart, October 9, 2008
Zusammen mit der Sonderausstellung «Was wir umbringen. "Die Fackel" von Karl Kraus» und «Carl König 1841-1915. Ein neubarocker Grossstadtarchitekt in Wien zur Zeit Otto Wagners» sorgt im Jüdischen Museum Wien eine dritte Ausstellung für starke Beachtung. Bis zum 5. September veranschaulicht eine kleine, aber sehr feine Schau anhand von Ritualgegenständen für die Synagoge und den Gebrauch zu Hause, welchen hohen Stand das israelische Design in jüngster Zeit erreicht hat. Dargestellt wird dies am Beispiel des religiösen Schaffens in der Kunstschule Bezalel (Jerusalem), das sich bezüglich des Umgangs mit Materialien und entsprechenden ästhetischen Lösungen in qualitativer Hinsicht mit dem besten Design aus Italien oder Skandinavien vergleichen lässt.
Zeitlose Moderne: Hawdala-Set von Tamar Vardi. - Fotos PD
Gewürzbüchse: Keramik von Maga Muchevsky.

Ihren Namen leitet die 1906 von Boris Schatz, einem aus Litauen stammenden Bildhauer, ins Leben gerufene Kunstschule Bezalel vom ersten jüdischen Künstler her, welcher in der Bibel genannt wird. Bemühte sich der am geistigen Aufbau des Zionismus in Palästina beteiligte Gründer anfänglich um einen jüdischen Nationalstil, so liessen sich die zum Teil aus Hitlerdeutschland eingewanderten Lehrer nach der Neueröffnung der (1929 geschlossenen) Schule im Jahr 1935 von den internationalen Tendenzen im Allgemeinen und vom Weimarer «Bauhaus» im Besonderen inspirieren. Was Neu-Bezalel fortan unter der Leitung von Joseph Budko an Kultgegenständen hervorbrachte, überzeugte durch die bei aller Experimentierlust gewährte Funktionalität ebenso wie durch die erstaunliche Freiheit im Formalen und in der Wahl des Materials.
Mit der im Jugendstil fussenden Tradition von Alt-Bezalel brach am radikalsten Mordechai Ardon als neuer Leiter, ein ehemaliger Bauhaus»-Schüler von Feininger, Itten, Klee und Kandinsky. Verpönt waren fortan all die symbolträchtigen und erzählerischen Orientalismen. Gefragt war eine funktionalistische Ausrichtung der säkularen Arbeiten und der Judaica zum rituellen Gebrauch. Materialgerechte Verarbeitung und Klarheit herrschen vor, als überflüssiges Beiwerk empfundene dekorative Elemente sind durch einfache Grundformen ersetzt, deren ästhetische Wirkung nicht selten verblüfft. So beschränkt sich Maya Muchevsky Parnass in ihrer Besamim (Gewürzbüchse) aus Keramik (1996) auf ein paar stereotype geometrische Formen und einheitliche weisse Farbe, während der Chanukka-Leuchter (1989) von Sari Yitzhak Srulovitz in seiner zierlichen Anfertigung aus knäuelförmig über den kugeligen Kerzenhaltern angebrachten Neusilberstreifen ein überraschend verspieltes Design offenbart. Kühne, ausgesprochen innovative Lösungen zeigt auch der einfachste Stuhlformen aufgreifende, aus neun Einzelteilen bestehende Chanukka-Leuchter (1996) von Noga Ashkenazi (glasierte Keramik in subtilen Farbabstufungen) - über die reine Funktionalität hinaus ein grosses ästhetisches Vergnügen für die Augen und eines der schönsten Beispiele für jene gestalterische Freiheit, welche den aktuellen Geist der Jerusalemer Bezalel-Schule wiedergibt. Von der Tradition des Begründers Schatz vollkommen gelöst haben sich die mehr an der Rhode-Island-Design-Schule, am New Yorker Pratt-Institut und an anderen amerikanischen Schulen orientierten Nachwuchskünstler, wie stellvertretend für andere Tamar Vardi mit einem elementaren Hawdala-Set (1989) aus vergoldetem Messing und jahrzehntelang verpöntem Beton zeigt.Selbst der Formenschatz der Mesusot wurde von den Künstlern von Neu-Bezalel revolutioniert, werden doch bereits sarkophagartige, voluminöse Gebilde aus diversen Metallen zugelassen. Ein aus vielerlei Formteilchen zusammengesetzter Thorazeiger (1964) von Gidon Hay, Shraga Merhavs Thorakrone (1961) aus Messing und Silber mit ihren muschelschalenförmigen Aufsätzen oder hohen Abstraktionsgrad verratende Neuschöpfungen einer Mesusa aus Glas und einer stalagmitenartig mit losen Silberstäben aufragenden eleganten Menora beeindrucken in der tatsächlich ewigen Inhalt in neuer Form vermittelnden Ausstellung im selben grossen Masse wie die auserlesene Präsentation in hohen Glasvitrinen, die ein Betrachten der Kultgegenstände von allen Seiten ermöglichen. Die meisten Exponate sind abgebildet im Katalog «Continuity and Change, 92 Years of Judaica at Bezalel», den das Kulturdepartement in Zusammenarbeit mit diversen Institutionen in Jerusalem herausgab.

Die Ausstellung «Ewiger Inhalt in neuer Form. Judaica aus der Kunstschule Bezalel» ist bis zum 5. September 1999 im Jüdischen Museum Wien zu sehen.





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