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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Für die Macht, gegen Menschenleben

von Douglas Davis, October 9, 2008
Die britische Regierung blockierte einen geheimen amerikanischen Plan, der Tausende von Juden aus den Konzentrationslagern der Nazis gerettet hätte. Gemäss unlängst veröffentlichten britischen Dokumenten fürchtete die Londoner Führung, diese Juden würden nach Palästina gehen und somit Englands Kolonialpolitik unterwandern.
Die Bürokratie war stätker: Die englische Mandatspolitik in Palästina verhindert die Rettung von Tausenden von Juden innerhalb eines Austauschprogramms. - Foto Archiv JR

Laut Unterlagen des Londoner Foreign Office, die erst jetzt publiziert worden sind, hätte der geheime Plan der USA den Austausch von in Deutschland oder in von den Deutschen besetzten Ländern inhaftierten Juden mit südamerikanischen Pässen gegen deutsche Bürger in Lateinamerika beinhaltet. Der damalige britische Aussenminister Anthony Eden lehnte den Vorschlag vom 14. Juni 1944 aber ab, da er fürchtete, die freigelassenen Juden würden Grossbritannien Probleme machen, wenn sie nach Palästina emigrieren sollten. Auch machte Eden sich Sorgen, die Rückkehr gesunder deutscher Bürger könnte der Kriegsmaschinerie der Nazis Auftrieb verleihen.
Die Weigerung Londons, den Austausch in Betracht zu ziehen, verärgerte Washington, wo Politiker noch unter dem Schock des Anblicks unterernährter und misshandelter Gefangener des KZ Bergen-Belsen gestanden hatten, die im Rahmen einer früheren Austauschaktion befreit worden waren. US-Offizielle hatten den eingangs erwähnten Austausch vorgeschlagen, nachdem Diplomaten darauf aufmerksam gemacht hatten, dass viele Deutsche in lateinamerikanischen Staaten interniert seien oder unter Hausarrest stehen würden, während Tausende von KZ-Insassen die Staatsbürgerschaft eines lateinamerikanischen Staates besässen.
Anthony Eden liess sich aber durch den Plan nicht beeindrucken. «Die meisten Besitzer dieser Dokumente (lateinamerikanische Pässe) sind jüdischer Abstammung und Menschen, die als Immigranten nach Palästina akzeptiert worden sind», schrieb er im November 1944 in einem Brief an Gordon Vereker, den britischen Botschafter in Uruguay. Er fügte hinzu, die Pässe seien dann gültige Reisedokumente, wenn es deren Inhaber gelänge, Feindesland bzw. vom Feind besetztes Land zu verlassen. «Unter diesen Umständen», so liest man in dem Brief weiter, «erscheint es zweifelhaft, dass es je möglich sein wird, den von den USA ins Auge gefassten Austausch in die Tat umzusetzen.» Eden verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, die Deutschen würden davon absehen, diese Menschen zu vernichten, und sie in Lagern halten, die «der Inspektion von aussen her» zugänglich sein würden.
Im Februar 1945 war das US-State Department so frustriert angesichts der britischen Haltung, dass ein emotionales Telegramm nach London geschickt wurde. «Das Departement hat», so hiess es in der Botschaft, «äussert besorgniserregende Berichte über die physische Kondition der unglücklichen Personen erhalten, die im Rahmen des letzten zivilen Austauschs aus Bergen-Belsen befreit worden sind. Fünf von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz an Unterernährung. Es ist daher eine Angelegenheit dringendster humanitärer Natur, dass bereinigte Namenslisten von Deutschen in diesem Teil der Welt für einen Austausch zusammengestellt werden.» Die Liste müsse so umfangreich sein, dass einige tausend «sonst dem sicheren Tod geweihte» Träger lateinamerikanischer Pässe aus den Lagern befreit werden könnten.
Trotz dieses Appells benachrichtigte Lord Halifax, der damalige britische Botschafter in Washington, Vereker dahingehend, infolge des Fortschritts des Krieges sei der Plan nur noch von «akademischem Interesse».

JTA


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