Für die Alten
Noch vor rund zehn Jahren galt es in Zürich als das Projekt der Zukunft, die Errichtung des jüdischen Pflegeheims «Esra». Es war ein Gemeinschaftswerk zwischen städtischen und kantonalen Instanzen und der jüdischen Gemeinschaft Zürichs, das damals vorwiegend mit Spendengeldern neben dem Areal der angesehenen Privatklinik Hirslanden verwirklicht wurde. Diese Woche (vgl. Thema Seite 10-11) kündigte die Sikna-Leitung an, «Esra» soll an die Stadt Zürich verkauft werden, ein neues Pflegeheim entsteht neben dem Altersheim Sikna. Ein Vorhaben, das isoliert betrachtet durchaus Sinn machen könnte, wenn man der Argumentation der Initiatoren folgt. Einmal mehr handelt es sich aber um ein Grossprojekt in einer wichtigen Frage - nämlich die professionelle Betreuung von alten Menschen -, das losgelöst von einem Gesamtkontexkt konzipiert wird. Es gibt keine gesamtschwerisch und koordinierte Konzeption zwischen jüdischen Alters- und Pflegeheimen. Wie wirkt sich die bevorstehende Konzentration der noch bestehenden Institutionen in Basel, Genf, Lengnau und Zürich aus, wie sieht die demographische Entwicklung vor dem Hintergrund eines sich verändernden gesellschaftlichen Umfelds, wie das Bedürfnis von alten Menschen - nach betreuten Alterswohnungen, nach mehr Beachtung individueller Bedürfnisse - aus. In den knapp zehn Jahren seines Bestehens avancierte «Esra» zu einem höchst erfolgreichen Pflegeheim. Daneben entwickelte es sich dank der Zusammenarbeit von «Esra» mit Chabad zum neuen jüdischen Zentrum für Familien rund um den Zürichberg. Der leitende Rabbiner Scholom Rosenfeld kam somit einem Bedürfnis nach, das die Israelitische Cultusgemeinde Zürich längst nicht mehr abdecken konnte.- Dass die einst mit viel Effort und guten Argumenten lancierte «Esra» bereits nicht mehr der Weisheit letzter Schluss sein soll, wirft grundlegende Fragen auf. Wird die neue Lösung in zehn Jahren immer noch die richtige sein, weshalb wird nicht «Esra» und das Hugo-Mendelheim zusammengelegt, kann in der Sikna die künftige medizinische Versorgung gewährleistet und finanziert werden und letztlich, sind die vielen grossen und kleinen Spender, welche vom Konzept «Esra» überzeugt waren und deshalb in die damals verheissene Lösung investierten, wirklich so vorbehaltslos für den Wechsel. Wichtig ist am Schluss in erster Linie das Wohl und die gute Betreuung der alten Menschen, wichtig ist aber auch, dass das jüdische Gemeindezentrum in der «Esra» langfristig gesichert wird. Und wichtig ist angesichts der grossen finanziellen Anforderungen, dass viele Fragen geklärt werden, bevor in zehn Jahren wieder eine neue Lösung ansteht.


