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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Frischer Wind im SIG

von Gisela Blau, October 9, 2008
In der neuen Geschäftsleitung (GL) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) herrscht Aufbruchstimmung. Bob Dylans «Wind of Change» scheint das erste neue Leitmotiv zu sein. Jedenfalls wirkten die GL-Mitglieder im Mediengespräch motiviert und tatendurstig. Das zweite Leitmotiv: Die GL will «mit einer Stimme sprechen, damit wir gehört werden». Medienauskünfte erteilen der Präsident (Alfred Donath), der Leiter Kommunikation (Thomas Lyssy) und der Generalsekretär (Martin Rosenfeld). Von allen dreien wurden den Medien die Koordinaten zugestellt - erstmals komplett mit Natel-Nummer und e-mail-Adresse. Die Kommunikation nach innen und nach aussen soll intensiviert werden. Die e-mail-Information von Gemeinden und CC-Mitgliedern hat bereits eingesetzt.

Wichtigste Neuerung: Die Stellung des Generalsekretärs ist beträchtlich aufgewertet worden. Im Gegensatz zu früher wird er von administrativen Pflichten entlastet. Das Zürcher Büro-Team unter Leitung von Darina Langer ist so kompetent, dass es zahlreiche Arbeiten selbständig erledigen und Verantwortung tragen kann. Dafür unterstützt Martin Rosenfeld künftig die GL auch strategisch und übernimmt zahlreiche Repräsentationspflichten nach aussen. Den Kontakt zu Behörden und Politikern beispielsweise obliegt künftig dem Präsidenten und dem Generalsekretär gemeinsam. Nach Überzeugung des Generalsekretärs wird die Bekämpfung des Antisemitismus in den kommenden Jahren verstärkt notwendig sein. Dies könne und dürfe nicht an aussenstehende Gruppierungen delegiert werden, über die der SIG keine Kontrolle habe. Die Erarbeitung eines Konzepts sei deshalb unumgänglich. Dem Antisemitismus könne nur mit langfristigen Projekten wirksam begegnet werden. Dazu gehören die Förderung des Dialogs samt positiven Botschaften und Inhalten. «Die Besinnung auf die Vergangenheit ist wohl wichtig», heisst es im Papier des Generalsekretärs, «aber nur an das schlechte Gewissen der Leute zu appellieren bringt langfristig nicht das gewünschte Ergebnis. Diese Thesen werden vielleicht Anlass zu Kontroversen geben, wie auch die Präzisierung des SIG-Präsidenten Donath, dass künftig nur noch Projekte unterstützt und keine giesskannenartigen Subventionen an aussenstehende Organisationen wie beispielsweise die Cicad in Genf bezahlt werden. Gabrielle Rosenstein, die neue Kulturministerin, geht systematisch und methodisch daran, die Bedürfnisse der Gemeinden auszuloten, um Synergien und Vernetzung in Bildungs- und Kulturarbeit zu erreichen. Dazu werden auch Links auf der Website gehören. Ganz besonders aber will Rosenstein gegen aussen wirken. Die schweizerischen Kulturträger sollen dafür sensibilisiert werden, dass die jüdische Gemeinschaft viel beizutragen hat. Jüdische Kultur soll als Bestandteil des allgemeinen Kulturverständnisses eingebracht werden. «Auch kulturelle Beiträge sind jüdische Öffentlichkeitsarbeit», sagte Gabrielle Rosenstein im Pressegespräch. Vor ihr liegt eine Menge Überzeugungsarbeit, auch, wie es den Anschein macht, nach innen. Wie immer präsentierte Doris Krauthammer das riesige Pensum des Sozialressorts, des VSJF. «Jeder Jude, der sich bei uns meldet, erhält Hilfe und Betreuung», kommuniziert sie das Motto ihres Ressorts. Krauthammer wünscht sich mehr Vernetzung in sozialen Arbeiten. Wie alle anderen Hilfswerke muss sich der VSJF darin einrichten, dass die Flüchtlingsbetreuung nunmehr kantonalisiert ist. Damit entfällt eine wichtige Arbeit und lässt Platz für neue Projekte. Nach den Feiertagen wird die Stelle einer Projektmanagerin ausgeschrieben. Denn dem VSJF wird die Arbeit kaum ausgehen. Die Hilfsbedürftigen, auch ausserhalb der Gemeinden, werden immer älter und hinfälliger und benötigen mehr Zuwendung. Die Holocaust-Debatte hat die Betreuung der Schoa-Überlebenden intensiviert, weil sie Angstzustände und existenzielle Fragen weckte. Als nationale Vertretung der Holocaust-Opfer gehört in die Kompetenz des VSJF neu die Regelung für Zwangsarbeiter.
Kurz und bündig ist das Programm von Rolf Halonbrenner, zuständig für Religiöse Angelegenheiten. Er will sich der Aufrechterhaltung der Koscherfleischversorgung, einer sinnvollen Erweiterung der Produktepalette der Koscher-Kommission, der Regelung der Dispensen an Feiertagen in Militär und Schule, religiösen Angeboten an Kleingemeinden widmen und auch die Beratung der GL in religiösen Fragen übernehmen, in der übrigens neuerdings drei Männer mit Käppchen sitzen. Das ehrgeizigste Programm präsentierte Josef Bollag, Leiter des Ressorts, das neu «Ausbildung und Dialog» heisst. Bollag will die Ausbildung nach innen und die Aufklärung nach aussen, aber auch den interkonfessionellen Dialog fördern. Da der SIG alle anfallenden neuen Pflichten nicht allein bewältigen kann, will Bollag einzelne Aufgaben auch an andere Organisationen und Personen delegieren. Als Jurist will er auch die juristische Kommission aufwerten, beispielsweise für die Vernehmlassungen, zu denen der SIG eingeladen wird.





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