«Freiheit ist kein Geschenkartikel»
Als Hannah Arendt mit ihrem Mann und ihrer Mutter im Mai 1941 in New York ankam, lagen eine Verhaftung in Deutschland, das französische Exil und die Flucht aus dem Internierungslager Gurs hinter ihr. Hatte die Philosophie- und Theologiestudentin die «Judenfrage» noch langweilig gefunden und vielleicht auch noch an den Schutz geglaubt, den ihr ihre Mutter hatte vermitteln können, indem sie sie dazu erzog, von klein auf antisemitische Äusserungen nicht unerwidert zu lassen, so konnte die junge Frau, deren Freunde sich reihenweise «gleichschalteten», nicht umhin, sich mit der jüdischen Erfahrung, die sie sich «mit Mühe und Not anerzogen» hatte, auseinanderzusetzen. Als sie 1926 einen Vortrag von Kurt Blumenfeld über die Unmöglichkeit der Assimilation hörte, erhielt sie Denkimpulse, die sie nachhaltig beeindruckten. Sie, die es ihr ganzes Leben lang sorgsam vermied, sich in organisierte Strukturen einbinden zu lassen, machte in der Folge eine der wenigen Ausnahmen und wurde 1933 Mitglied der World Zionist Organization (aus der sie 1943 enttäuscht wieder austrat). Mit Kritik an zionistischen Positionen sparte sie deswegen aber nicht. Sie warf den Zionisten vor, keine politische Antwort auf den Antisemitismus gefunden zu haben. Nur mit der Waffe in der Hand, als gleichberechtigt Beteiligter am Krieg, davon ist sie überzeugt, könne man dem Antisemitismus begegnen. In Paris hatte Hannah Arendt sich unter anderem für die Jugend-Alijah eingesetzt und ihr Buch «Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik» (es erschien erst 1958, dt. 1959) abgeschlossen, in dem sie sich mit dem Versuch der Assimilation an die deutsche Kultur am Beispiel der Rahel auseinandersetzte.
Die Chance vs. die Leiden der Juden
Dies waren die wichtigsten Ansätze zur «Judenfrage», mit denen sie nach Amerika kam. Bis zum Kriegsende verlagerte sie ihr Interesse konsequent von der Philosophie auf die Politik, um mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, die Zukunft des jüdischen Volkes mitzuformen. Der «Aufbau», 1934 als Vereinsblatt eines New Yorker deutschen Einwanderungsclubs gegründet, hatte sich Anfang der vierziger Jahre zu einer wichtigen Informationsquelle für die anschwellenden jüdischen Flüchtlingsströme entwickelt. Unter Manfred George wurde das Wochenblatt mit einer Auflage von bis zu 32 000 Exemplaren (1944) zum Zentralorgan des weit zerstreuten deutschsprachigen Judentums der ganzen Welt. Der «Aufbau» vertrat keine Parteilinie, sondern reagierte auf die Notwendigkeit, vermehrt öffentlich aus jüdischer Sicht zu reagieren.
Hannah Arendt wurde bald zur einzigen externen Kolumnistin der Zeitung. Bereits 1939 hatte sie bedauert, dass es keine jüdische Legion gebe, und der Aufstellung einer jüdischen Armee widmete sie denn in den Beiträgen im «Aufbau» auch sehr viel Energie. «Freiheit ist kein Geschenkartikel (...). Zweihundert Jahre lang haben wir uns einreden lassen, dass der sicherste Weg zum Überleben der ist, sich tot zu stellen.» Sie will, dass die Juden als ein europäisches Volk in den Krieg gehen, «das zu Glanz und Elend Europas so viel beigetragen hat wie jedes andere auch.» In ihren Texten will sie nicht vom Leiden der Juden berichten, sondern von der Chance, die sie in dieser historischen Situation gerade aus der Katastrophe, die in vollem Gange ist, erwachsen sieht: «Noch nie in der Geschichte der letzten hundert Jahre hat das jüdische Volk eine so grosse Chance gehabt, frei zu werden und aufzusteigen in die Reihe der Nationen der Menschheit. (...) Unser Schicksal ist zum erstenmal kein Sonderschicksal, unser Kampf zum erstenmal identisch mit dem Freiheitskampf Europas.» In Russland meint sie die ersten Juden der Welt zu finden, die als Nationalität anerkannt und befreit seien. In den Helden des Warschauer Ghetto-Aufstands begrüsst sie die lang erhoffte Rebellion unter jüdischer Fahne, die die Pariastellung des jüdischen Volkes liquidiere.
Die «merkwürdige Scheu» vieler, die Hitler bekämpften, «den Namen des jüdischen Volkes in den Mund zu nehmen», lotete sie nicht weiter aus und wurde, je länger der Krieg dauerte, um so enttäuschter. Ihre Vorstellungen stiessen auf kein grosses Echo. Die Solidarität mit den Juden liess mehr als nur zu wünschen übrig. Die jüdische Armee, die sie sich erhoffte, kam nicht zustande. Das jüdische Volk war nicht eine der 44 Nationen, deren Vertreter 1945 an der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen zusammenkamen.
«Portable Nationalität»
Aus ihrem amerikanischen Exil und mit einer teilweise eingeschränkten Sicht, die ausser politischen kaum andere Aspekte in ihrer Argumentation zuliess, verstieg sich die leidenschaftliche Denkerin auch in Fehleinschätzungen wie etwa zu der, dass «von allen Völkern Europas kein Volk ein grösseres objektives Interesse [habe], die jüdische Armee verwirklicht auf den Schauplatz des Kampfes treten zu sehen, als gerade das deutsche.»
Sie wollte die jüdische Identität als eine «portable Nationalität» verstehen, die nicht notwendig auf ein Territorium bezogen sein müsste, und sie auch als solche im Rahmen eines föderalen Europa, auf das sie hoffte, anerkannt sehen. Es ging ihr um den «solidarischen Zusammenhang des gesamten Volkes», wobei das «territoriale Experiment» in Palästina ihr problematisch vorkam; sie plädierte für ein binationales Palästina mit gleichen Rechten für Juden und Araber - der «Aufbau» bot ihr für all dies eine Plattform, obwohl ihre Ansichten von den meisten Zionisten wohl nicht geteilt wurden.
In den «Aufbau»-Artikeln schlägt Hannah Arendt einen Ton an, der aufpeitschen soll und der mit Kritik an Haltungen vieler jüdischer Vertreter nicht spart. Hier hat sie sich nie erlaubt, in Betrachtungen zu verfallen, die nicht ihrem politischen Ziel gedient hätten. Sie wurde als «kalt» empfunden und «Chuzpe-Hannah» gennant. Es war ausserhalb dieses Rahmens, in einem ihrer ersten auf Englisch geschriebenen Aufsätze («We Refugees», 1943), dass sie sich zu schreiben erlaubte: «Wir sind die ersten nichtreligiösen Juden, die verfolgt werden, und wir sind die ersten, die darauf - nicht nur in extremis - mit Selbstmord antworten. Vielleicht haben die Philosophen recht, die lehren, dass Selbstmord die letzte, die äusserste Garantie menschlicher Freiheit sei.»
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Hannah Arendt (1906-1975)
Hannah Arendt wurde 1906 im ostpreussischen Königsberg in eine assimilierte jüdische Familie geboren. Im Ersten Weltkrieg floh ihre verwitwete Mutter, eine Anhängerin Rosa Luxemburgs, mit ihr vorübergehend nach Berlin. Bereits mit 14 Jahren las Hannah Kants «Kritik der reinen Vernunft», in den zwanziger Jahren studierte sie in Berlin, Marburg, Freiburg und Heidelberg Philosophie, Theologie und Griechisch. Die geheim gehaltene Liebesbeziehung zu ihrem Philosophieprofessor Martin Heidegger, zu dem sie - mit jahrelangen Unterbrechungen - den Kontakt bis zu ihrem Tode hielt, wurde in den letzten Jahren immer wieder thematisiert; Heidegger wurde als NSDAP-Mitglied 1933 zum Rektor der Universität Freiburg gewählt und war an der «Gleichschaltung» beteiligt. 1929 heiratete Hannah Arendt Günther Stern (als Autor unter dem Namen Günther Anders bekannt) und nach der Scheidung dieser Ehe im Pariser Exil, in das sie nach einer Verhaftung 1933 zu gehen gezwungen war, Heinrich Blücher.
In der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre arbeitete sie u.a. für die «Jewish Agency» und für die «Jugend-Alijah», die junge Juden auf ein Leben in Palästina vorbereitete. 1935 begleitete sie eine dieser Gruppen nach Palästina. Hannah Arendt unterstützte den Zionismus, weil sie darin eine politische Möglichkeit sah, den Verfolgten zu helfen. Sie verlor jedoch auch angesichts der Aufbauarbeit im Lande ihren kritischen Geist nicht; die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina, der ohne Rücksicht auf die dortige arabische Bevölkerung entstehen sollte, konnte sie nicht befürworten. Um friedlich zusammen leben zu können, muss man sich ihrer Ansicht nach von der Vorstellung eines Nationalstaates verabschieden. 1936 ist sie in Genf bei der Gründung des Jüdischen Weltkongresses dabei. 1940 wurde Hannah Arendt im südfranzösischen Gurs interniert. Im Chaos nach der Niederlage Frankreichs ergreift sie die Gelegenheit und flieht - 1943 wurden die verbliebenen Insassen in Vernichtungslager deportiert. Mit ihrem Mann und ihrer Mutter gelang ihr 1941 die Flucht über Marseille nach New York.
Als Kolumnistin der deutschsprachigen Emigrantenzeitung «Aufbau» versuchte sie von hier aus die Juden aufzurütteln; 1942 gründete sie mit Joseph Maier die «Jungjüdische Gruppe», eine Vereinigung, die - erfolglos - versuchte, auf die amerikanischen Zionisten Einfluss zu nehmen und die Aufstellung einer eigenständigen jüdischen Armee zu bewirken. Sie schloss sich bei der Diskussion um die Staatsgründung Israels der 1942 gegründeten «Ichud»-Gruppe an, die auch Buber und Fromm unterstützten. Ab 1944 war sie für die «Conference on Jewish Relations» tätig und erstellte Listen jüdischer Kulturschätze in Europa. Daneben war sie als Publizistin tätig.
Nach dem Krieg wandte sich Hannah Arendt von der jüdischen Politik ab. 1951 erschien ihr Buch «The Origins of Totalitarianism» (dt. «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft», 1955) und machte sie mit einem Schlag berühmt. Ihr philosophisches Hauptwerk, «The Human Condition», erschien 1958 (dt. «Vita activa oder Vom tätigen Leben», 1960).
Als im April 1961 in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann eröffnet wurde, war Hannah Arendt als Prozessberichterstatterin dabei. Ihr Buch «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen» (1963, dt. 1964) ist bis heute heftig umstritten und wurde erst dieses Jahr - als erstes ihrer Bücher - ins Hebräische übersetzt, wie überhaupt in letzter Zeit vermehrt auf ihr originelles Gedankengut zurückgegriffen wird.-Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung «Aufbau» 1941-1945. Hg. v. Marie Luise Knott. Piper Verlag, München und Zürich 2000.


