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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Fotografie ist keine Kunst»

von Gabi Rosenberg, October 9, 2008
Fotografieren sei keine Kunst, sondern ein künstlerisches Handwerk. Eine typische Feststellung von Gerda Meyerhof, so trocken wie deutlich. Mit ihren inzwischen 86 Lenzen könnte sie wissen, wovon sie spricht. Mit der Schenkung ihres gesamten Werkes an die Schweizerische Stiftung für die Photographie vertraut sie nun die Erschliessung, Erhaltung und Verwaltung ihrer «Handwerkskunst» einer Institution an, welche sich selbiges seit rund 30 Jahren auf die Fahne geschrieben hat.

Mit einer Ausstellung in deren ZWISCHENraum» bei Scalo wird ihr Werk nun «zum erstenmal in Zürich einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt» (Zitat Pressetext). Eine etwas ungenaue Formulierung: 1994 präsentierte eine engagierte Zürcher Gruppe in ihrem «BildRaum» bereits einen guten Querschnitt der Arbeiten dieser Fotografin, welcher zudem von einer kleinen, informativen Edition begleitet war. Nun stellt Scalo-Verleger und -Galerist Walter Keller sie anlässlich der Vernissage locker als eine seiner Grossmütter vor. Schon vor rund 16 Jahren hatte er Arbeiten von ihr in seiner Zeitschrift «Alltag» publiziert. Seine Bewunderung der Meyerhofschen Bildsprache ist denn auch eine direkte Nabelschnur zum Kontakt mit der Stiftung, deren Raum «zwischen» seiner Galerie und seiner Buchhandlung liegt. Die «Privat» betitelte Ausstellung der Stiftung zeigt jetzt rund 35 Schwarz-Weiss-Fotografien jener wunderbaren Bildsprache, welche diese Frau in recht späten Jahren entwickelt hat. Denn nach ihrer Ausbildung an der Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins in Berlin und einer Assistenz beim berühmten Fotografen Roman Vishniac war es zum Bruch gekommen: Emigration nach New York und 1942 und 1944 die Geburten der Töchter Mona und Nina. Erst nachdem sie mitsamt Familie 1965 in der Schweiz gelandet war, hatte Gerda Meyerhof wieder intensiv zu fotografieren begonnen, wobei sie glücklicherweise nie damit Geld verdienen musste.
Ob Stilleben, Porträts oder Aktstudien, ihre Bilder sind immer getragen von einer durchdringenden, allumfassenden Stille. Man hält fast den Atem an beim Hinsehen. Dass es sich bei diesen wunderbar ausgeloteten Aktstudien um die Körper der beiden Töchter handelt, öffnet eine zusätzliche Dimension. Staunend ahnt man das tiefe Vertrauen und die grosse Offenheit dieser Mutter-Tochter-Verhältnisse. Hinzu kommt ein Wissen der Schauenden: Der schwangere Frauenkörper spiegelt jenen eigenartigen Zustand von Verletzlichkeit und Geborgenheit, welcher das Auf und Ab der Menschwerdung kennt. Zwei Fotos fallen in der Ausstellung besonders auf: Sie zeigen Unordnung in halbdunklem Raum, undefinierbare Krümel auf dem Boden, einen Stuhlteil ohne Sitzfläche, ein Instrument… der Titel heisst «Vergeblichkeit, Vermont 1965». Staunend nimmt man wahr, dass selbst diese Welt des Nichts bereits jene eigentümliche Kraft und Ruhe erfasst, welche später die perfekten Studien dieser Fotografin kennzeichnen wird. Es gehe ihr immer um das Innere, betont Meyerhof. Genau darin liegt der künstlerische Wert und ein zentraler Punkt, der auch angesichts heutiger Schnelllebigkeit zentral bleibt, wie der Vergleich mit den Arbeiten der ungleich jüngeren Grossmutter Annelies Strba im darüberliegenden Scalo-Galerieraum zeigt. Deren Videobilder durchleuchten unsere Cities fast bis zur Auflösung. Anlässlich der Vernissage flitzte das Publikum zuhauf am «Zwischenraum» vorüber in den oberen Stock. Erst nachdem Walter Keller beide Frauen locker als Grossmütter mit ihrer ursprünglichen Konzentration auf das Familiäre im Werk vorgestellt hatte, nahmen Besucher auf dem Rückweg auch die kleine, feine Schwarz-Weiss-Welt von Gerda Meyerhof wahr.
«Privat»Fotografien von Gerda Meyerhof im ZWISCHENraum bei Scalo, Weinbergstrasse 22a, Zürich, bis 4. November offen Di-Fr 12-18.30h, Sa 10-16h.





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