Flecken auf der Weste
Immer wieder wird Israel als Vorbild für ein demokratisches Staatswesen im Nahen Osten angeführt. Nicht selten erhält Israel sogar den Titel der einzigen wirklich funktionierenden Demokratie in der Region verliehen. Messen wir die «Gesundheit» der israelischen Demokratie an Kriterien wie dem israelischen Wahlsystem oder an der im jüdischen Staate herrschenden Presse- und Bewegungsfreiheit, dann gibt es an den eingangs angeführten Komplimenten wahrlich nichts zu rütteln. Israel ist, und das nicht nur im Vergleich zu seiner engeren Nachbarschaft, ein leuchtendes Beispiel unter den Völkern. Der Sonderbericht über Menschenrechte und Diskriminierung aber, den die Vereinigung für Bürgerrechte in Israel (ACRI) dieser Tage veröffentlichte, führt einige Flecken zutage, die man eigentlich auf Israels Weste nicht mehr vermuten würde. Frauen, Araber und ältere Arbeitskräfte leiden laut ACRI nämlich unter einer offenkundigen Diskriminierung. So liegt der Lohn von fast 14 Prozent der erwerbstätigen israelischen Frauen unter dem Mindestlohn, während nur 5 Prozent der Männer in diese beklagenswerte Kategorie fallen. Dann machen die Araber heute schon beinahe 20 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung aus, doch nur etwas mehr als 6 Prozent der Staatsangestellten entstammen dem arabischen Sektor. Und laut ACRI basiert auch im Bildungswesen die Diskriminierung auf nationalen und ethnischen Prinzipien. Die Diskriminierung in den genannten Bereichen ist nach Ansicht der Autoren des Berichts in Israel die «akzeptierte und tief verwurzelte Norm». Deklarativ unterstütze das Land zwar den Grundsatz der Gleichheit, doch die Wirklichkeit sei trotz einer Reihe von Gesetzen gegen die Diskriminierung «ausserordentlich rauh». Die Jahrtausendwende ist zugegebenermassen keine eigentlich jüdische Angelegenheit. Sollten Israels Entscheidungsträger sich aber aus Anlass ebendieser Wende entschliessen, den erwähnten Gesetzen endlich zum Durchbruch zu verhelfen, hätte wohl kaum jemand etwas dagegen.


